Der Umgang der Linkspartei mit dem Fall Sarah Rambatz

Genossen auf Distanz

Eine Frage nach »antideutschen Filmtipps« hat für Sarah Rambatz große Folgen. Die Bundestagskandidatin der Linkspartei sieht sich einem Shitstorm ausgesetzt, die Partei hat sich von ihr distanziert. Sie musste sich aus dem Wahlkampf zurückziehen.

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»Der Spielfilm ›Inglourious Basterds‹ ist fiktional, die Nazimorde in Deutschland sind es nicht!« Der Redner des Hamburger Bündnisses gegen rechts spielte beim Auftakt der Demonstration »Zeit für einen Aufschrei – Unsere Alternative heißt Solidarität!« am vergangenen Samstag in Hamburg auf den Skandal um ein Facebook-Posting von Sarah Rambatz an. Einige Tage zuvor hatte die 24jährige Hamburger Bundestagskandidatin der Linkspartei in der geschlossenen Facebook-Gruppe »Deutsch mich nicht voll« gepostet: »Antideutsche Filmempfehlungen? Grundsätzlich alles, wo Deutsche sterben.« Dahinter stand ein Herzchen. Bevor sie den Eintrag löschte, habe sie bereits 145 Filmempfehlungen erhalten, sagte Rambatz der Jungle World, am häufigsten »Inglourious Basterds« von Quentin Tarantino.

Wie wenig geschlossen eine Facebook-Gruppe mit mehr als 4 000 Mitgliedern sein kann, musste Rambatz in der vergangenen Woche schmerzhaft erfahren: Ein Screenshot von ihrem Posting erreichte sowohl rechte Foren als auch den Landesverband der Linkspartei. Seitdem wird Rambatz mit Vergewaltigung, Folter und Ermordung bedroht. »Meine Verwandten, Freundinnen und ich bekamen Mord- und Vergewaltigungsdrohungen und der Druck auf mich stieg enorm an«, sagt sie. Zum anderen distanzierte sich die Linkspartei offiziell. »Wir missbilligen die Äußerungen. So ein Gedankengut hat in ›Die Linke‹ nichts verloren. Wir haben deshalb das Gespräch gesucht und haben uns darauf geeinigt, dass Sarah Rambatz im Falle einer Wahl auf das Mandat verzichten wird und ab sofort auch keinen Wahlkampf mehr führt«, sagte etwa Martin Wittmaack, der Pressesprecher des Hamburger Landesverbands, dem Hamburger Abendblatt. Offenbar befürchtet die Hamburger Linkspartei, die Erinnerung daran, dass viele Deutsche starben, weil sie das nationalsozialistische Deutschland fanatisch verteidigten, könnte dem Wahlkampf schaden.

Auch die Führung der Bundespartei distanzierte sich lediglich durch den Pressesprecher und nur in mündlichen Erklärungen. In Berlin empfahl der Bundespressesprecher der Linkspartei, Hendrik Thalheim, Rambatz den Rücktritt. »Bei dem Posting der Genossin handelt es sich um eine seltene Geschmacklosigkeit. Wir werden der jungen Frau natürlich schon sagen, dass sie mal in einer ruhigen Minute in sich gehen sollte«, so Thalheim zum Hamburger Abendblatt. Aber eine Kandidatur auf Platz fünf der Hamburger Liste sei ja ohnehin eher formaler Natur.

Der Kandidat, der auf Platz eins der Hamburger Liste steht und vermutlich gewählt wird, sieht offenbar dennoch seinen Wahlkampf von Rambatz gestört. Er habe angesichts des Postings »das kalte Kotzen« bekommen, sagte Fabio De Masi dem Radiosender NDR 90,3. Das sei »keine linke Position«, aber immerhin nur »ein absoluter Einzelfall«. Zu den Drohungen gegen seine Parteikollegin schwieg er.

Am 6. September äußerte sich Rambatz zu dem Vorfall. Es sei »eine dumme, unbedachte Aktion« gewesen, schrieb sie, und verkündete ihren Rückzug aus dem Wahlkampf sowie ihren Verzicht auf ein eventuelles Bundestagsmandat. »Der Druck der Öffentlichkeit, aber auch durch Parteistrukturen war enorm«, so Rambatz, die sich vor einer Woche vorübergehend aus der Öffentlichkeit zurückzog, da der Shitstorm gegen sie unvermindert anhielt. Sie bleibt eine der Bundessprecherinnen der Linksjugend »Solid«. Der Bundessprecherinnen- und -sprecherrat der Linksjugend solidarisiert sich mit der »engagierten Genossin«, die Drohungen gegen sie seien »Ausdruck eines unerträglichen Nationalismus, Antikommunismus und Sexismus, der nicht zuletzt durch die AfD in dieser Gesellschaft salonfähiger« geworden sei. »Erschrocken beobachten wir, dass gerade junge Frauen für ihre starken Meinungen oder Kommentare massiv angefeindet und bestraft werden«, so das Gremium.
Angesichts der anhaltenden Hetze gegen Rambatz haben neun Basismitglieder der Linkspartei Hamburg der Jungle World am vergangenen Sonntag eine Solidaritätserklärung übergeben: »Sarah, wir stehen hinter dir! Wir sprechen uns hiermit konsequent gegen rechte Gewalt und die dir gegenüber erfolgten Drohungen gegen deine Person aus und stellen uns dem entschieden entgegen.« Die neun Mitglieder aus der LAG und BAG »Die Linke.queer«, dem LAK »Emanzipatorische Queerfeministinnen«, dem LAK »Shalom Hamburg«, der Linksjugend »Solid« und aus drei Bezirken weisen zudem darauf hin, dass Rambatz mit Mord und sexualisierter Gewalt bedroht werde, weil sie eine Politikerin der Linkspartei sei. Auch Katharina König, Landtagsabgeordnete für »Die Linke« in Thüringen, äußerte sich mit deutlichen Worten zu dem Fall. Es sei »absolut daneben, wenn jemand Drohungen und Beleidigungen von rechts ausgesetzt ist und als Reaktion keine Solidarität aus der Partei kommt, sondern Distanzierung«, sagte sie der Jungle World.

Auf der Demonstration gegen die AfD in Hamburg am Samstag war die Mehrheit der Funktionäre der Linkspartei nicht anwesend. Sonst hätte sie mitbekommen, dass ihre Distanzierung in der außerparlamentarischen Linken als Einknicken vor rechter Hetze wahrgenommen wird – und das nicht nur von Antideutschen.