Kinder wählen auch nicht besser

Anarchie in Klein

Klassenkampf Von Liselotte Kreuz
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KK»Kinder an die Macht« hieß es in einem Lied, das immer im Radio lief, als ich noch klein und von morgens bis abends das Radio an war, weil ich persönlich ja nicht an der Macht war. »Sie sind die wahren Anarchisten, lieben das Chaos, räumen ab«, sind Gründe, die das Lied anführte dafür, die Geschicke der Welt in Kinderhände zu legen. Ich weiß nicht, ob das damals gestimmt hat, ich war ja noch klein, ich verstand ja noch nichts, ich lernte gerade erst schriftlich Dividieren und die Bundesländer. Aber heute, wo ich fließend schriftlich Dividieren und die Bundesländer aufzählen kann – außer Thüringen, ich vergesse halt immer Thüringen –, weiß ich, dass das jetzt jedenfalls nicht mehr stimmt. Mitnichten sind die Kinder die wahren Anarchisten. Außer eben, man geht davon aus, dass wahre Anarchisten zu fast 30 Prozent die CDU wählen und zu etwa zehn Prozentpunkten weniger die SPD und wieder noch ein paar weniger die Linke, dass 16 Prozent echter Anarchisten für die Grünen sind und 6,8 Prozent für die AfD und 5,7 die FDP wählen würden, wenn sie denn dürften. Dass also richtige Anarchisten alles genau so machen wie die anderen, nur mit ein bisschen weniger AfD und ein bisschen mehr Grünen.

Wir wissen das, weil vor den Bundestagswahlen seit 1996 eine U18-Wahl veranstaltet wird, bei der alle unter 18, ohne Altersbeschränkung nach unten, wählen gehen dürfen. Angeblich werden die Wahllokale von Kindern und Jugendlichen selbst organisiert, aber das ist natürlich Quark. Sie werden von irgendwelchen Lehrerinnen und Erziehern organisiert, die so lange auf die Jugendlichen einreden, bis die bereit sind, ein paar Tische hin- und herzuschieben. Auch an meiner Schule gab es in diesem Jahr ein solcherart organisiertes Wahllokal und die Mittelstufe hat sich zu schwindelerregenden 100 Prozent an den Wahlen beteiligt, was vielleicht damit zusammenhing, dass jede Klasse zu einer vorher festgesetzten Zeit ins Wahllokal getrieben wurde, das sie erst wieder verlassen konnte, wenn alle Namen auf der Wahlliste entweder durchgestrichen oder mit »entschuldigt« markiert waren. Hat die CDU so etwas nicht früher in Altenheimen gemacht? Weiß jemand, ob das inzwischen verboten ist?
Das Ziel der U18-Wahlen ist natürlich, die Jugend zum anständigen Kreuzemachen zu erziehen, und das klappt ja auch, siehe Ergebnisse, ziemlich gut. Natürlich nicht immer, in Sachsen und Dings hat die AfD bei den U18-Wahlen je rund 15 Prozent eingefahren, das ist so ja nicht erwünscht, und auch bei mir an der Schule haben sie mit zwölf Prozent ganz gut abgeräumt. Wenn ich nicht glauben will, dass meine braven kleinen Moslems Hilfe brauchen wegen schlimmem Selbsthass, ist das wohl der kleine Anarchismus, der uns noch geblieben ist: den roten Knopf drücken, jeden roten Knopf drücken, solange nur ein Verbotsschild darüber hängt.