In Kuba hat der Wirbelsturm »Irma« große Schäden hinterlassen

Irma haut sie alle um

Der Hurrikan »Irma« hat Kuba hart getroffen. Der Katastrophen­schutz ist zwar gut, doch für die Insel sind die Beseitigung der Schäden und die Folgen für den Tourismussektor eine immense Herausforderung mitten in einer wirtschaftlichen Rezession.

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Der zweite Container wird herangefahren, um Äste, Schutt und Erde aufzunehmen, die die Gullys verstopften. Auf der Straße in der Ciudad Deportiva (Sportstadt) in Havanna stehen an diesem 16. September etwa zwei Dutzend Männer und Frauen, die nach dem Aufruf der Comités de Defensa de la Revolución (Komitees zur Verteidigung der Revolution) und der Federación de Mujeres Cubanas, des nationalen Frauenverbands, dabei helfen, die Sturmschäden in ihrer Nachbarschaft zu beseitigen. Landesweit hatten die beiden Massenorganisationen in den Medien für die Teilnahme am nationalen Tag des Aufräumens »Todos por Cuba« (Alle für Cuba) geworben, aber in vielen Stadtteilen sind es in erster Linie die Älteren, die anpacken. »Das ist in Havanna schon länger so. Die alte Garde nimmt teil, der Nachwuchs bleibt hingegen zu Hause«, ärgert sich ein graumelierter Mann Anfang 60, der gerade einen Eimer mit Unrat in den Container entleert. »Was soll ich machen? Es ist mein Land. Ich habe kein anderes, also packe ich an«, sagt er. Er ist alles andere als begeistert davon, dass in seiner Nachbarschaft nur wenige dem Aufruf gefolgt sind.

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Einer sägt, die anderen machen Kaffeepause. Aufräumarbeiten in Havanna

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Abel Montero Galván

In Vedado, einem der besseren Viertel im Zentrum von Havanna, sieht es nicht anders aus, obwohl es viel zu tun gibt, ungefähr eine Woche nachdem der Hurrikan »Irma« über die Insel gezogen ist. Es vergeht kaum ein Jahr, in dem Kuba nicht von einem Hurrikan getroffen wird. Doch Irma traf nicht nur ein oder zwei kubanische Provinzen. Mit bis zu 300 Stundenkilometern traf der Wirbelsturm im äußersten Osten der Insel, nahe Maisí und Baracoa, am 8. September auf Land und zog in den folgenden Tagen an der Nordküste entlang bis nach Cárdenas. Die Folgen waren verheerend. Die Ausläufer des Wirbelsturms haben in Havanna etliche Bäume entwurzelt, die Uferpromenade Malecón wurde von den meterhohen Wellen teilweise unterspült und etwa 500 Meter stadteinwärts stand alles unter Wasser. Auch der Tunnel nach Alamar, der Plattenbausiedlung auf der anderen Seite von Havanna, und der ins Diplomatenviertel Miramar standen tagelang unter Wasser, mussten gereinigt und ausgebessert werden. Irma hat Kuba voll erwischt, der Defensa Civil, dem nationalen Katastrophenschutz, zufolge sind die Schäden unkalkulierbar.

Havanna ist noch glimpflich davongekommen, denn auf Höhe von Cárdenas, einer Hafenstadt vor Kubas Tourismusgebiet Varadero, drehte der Wirbelsturm aufs offene Meer Richtung Florida ab. Deshalb bekamen Havanna, Matanzas und Varadero nicht die volle Wucht von Irma zu spüren, der als erster Hurrikan der Kategorie fünf mehr als 72 Stunden lang nicht an Kraft verloren hatte.
Schlag für Kubas Tourismus

Große Schäden wurden in der Tourismusinfrastruktur der Provinz Camagüey gemeldet, zu der die vorgelagerte Inselkette Jardines del Rey gehört. So sind die befahrbaren Dämme, die dahin führen, teilweise beschädigt. Die kubanischen Verantwortlichen sind jedoch sicher, dass bis zum Beginn der Hochsaison Anfang November alles repariert sein wird. Der Tourismus ist schließlich der derzeit dynamischste Wirt­schafts­zweig Kubas, Einbrüche kann sich die Insel angesichts der schlechten Wirtschaftsentwicklung nicht leisten.

»Die Schäden, die Irma hinterlassen hat, bringen den Finanzhaushalt Havannas weiter durcheinander.«
Omar Everleny Pérez, Ökonom

Wegen des in den vergangenen vier Jahren um fast 75 Prozent zurückgegangenen Handelsaustausches mit Venezuela befinde sich die Insel seit zwei Jahren in der Rezession, so der kubanische Ökonom Omar Everleny Pérez. »Die Schäden, die Irma hinterlassen hat, bringen den Finanzhaushalt Havannas folglich weiter durcheinander.« Negativ macht sich beispielsweise die Reaktion deutscher Reiseveranstalter wie TUI bemerkbar, die Anfang September pauschale Urlaubsreisen nach Kuba für den Zeitraum von mehreren Wochen absagten.

Drei bis acht Tage lang verfügten die meisten Haushalte Kubas nach dem Hurrikan über keinen Strom. Das kubanische Stromnetz hängt von einigen wenigen großen Kraftwerken ab, die Energie ins nationale Netz einspeisen. Über Umspannwerke wird der Strom in die 15 kubanischen Provinzen weitergeleitet. Fallen große Kraftwerke wie das »Antonio Guiteras« in Matanzas aus, was infolge von Irma der Fall war, ist die Stromversorgung selbst für vom Hurrikan verschonte Provinzen kaum aufrechtzuerhalten.

Zudem wurden landesweit unzählige Strommasten beschädigt und noch mehr Leitungen durch herabfallende Äste, ganze Bäume und Palmen zerstört. Das ist ein wiederkehrendes Problem, denn Kubas Stromnetz verläuft oberirdisch. In den Städten ist das Kabelgewirr oft kaum zu durchschauen – auch ein Grund, weshalb vor Wirbelstürmen die Stromversorgung eingeschränkt wird, um die Verletzung von Menschen durch herabbaumelnde Stromleitungen zu minimieren. Deswegen gibt es in Kuba kaum Todesopfer nach Wirbelstürmen. Für die Vorsorge, die Beseitigung und die Reparatur von Schäden ist der kubanische Katastrophenschutz zuständig, eine Abteilung der Armee, die als besonders effektiv gilt. In Kuba gebe es zwei Dinge, die funktionieren, der Katastrophenschutz und die Politische Polizei, lautet ein gängiger kubanischer Witz.

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Viele Oberleitungen müssen repariert werden

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Abel Montero Galván

In Camagüey, einer der zentralkubanischen Provinzen, die von Irma voll erwischt wurde, lief die Vorbereitung hervorragend. Arbeitertrupps montierten alte schmiedeeiserne Lampen an historischen Gebäuden ab, sicherten Glasfenster und Türen mit Sperrholzplatten und Klebestreifen, die das Zerbrechen der Scheiben verhindern sollten, und räumten Baumaterialien von Dächern und Hinterhöfen öffentlicher Gebäude. Das geschah landesweit. Nur stößt das System an seine Grenzen, wenn derart große Teile der Insel betroffen sind. »Usus in Kuba ist, dass die Provinzen, die betroffen sind, Hilfe aus den Provinzen erhalten, die keine Schäden zu verzeichnen haben. Da Irma jedoch fast alle Provinzen Kubas in Mitleidenschaft gezogen hat, sind wir in Camagüey jetzt erstmals auf uns selbst gestellt«, sagt eine private Zimmervermieterin, die anonym bleiben will. Dabei zeige sich dann auch, wie gut die lokalen Verwaltungen vorbereitet sind und wie effektiv sie arbeiten.

 

Zwischen Apathie und Protest
In Cárdenas, der Hafenstadt nahe Varadero, stand beispielsweise auch fünf Tage nach Irma noch das Wasser in den Straßen des Stadtviertels La Marina. Nur einige Meter vom Meer entfernt liegt dieses Viertel, in dem viele Gebäude in baulich schlechtem Zustand sind. Fünf Tage lang gab es hier keinen Strom und nur stundenweise Wasser. »Hier sind die Abflüsse in die Kanalisation verstopft und niemand kümmert sich darum«, ärgert sich eine Anwohnerin. »Das ist ein Risiko für alle. Wo bleibt die Defensa Civil?« fragt sie genervt. Auf die Idee, selbst Hand anzulegen, kommt sie allerdings nicht.

Es sei gar nicht so kompliziert, Gullydeckel zu heben und die darunter liegenden Siebe von Sedimenten und Pflanzenresten zu befreien, sagt ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung. »Viele Leute sind schlicht apathisch«, schildert er seine Sicht der Dinge. Seinen Namen will auch er nicht preisgeben, denn seine Aussage deckt sich nicht mit der Berichterstattung der staatlichen Medien. Diese erwecken den Eindruck, die ganze Insel packe an, um die immensen Sturmschäden zu beseitigen. In Cárdenas hätte das lokale Abwassernetz allerdings schon lange erneuert werden sollen. Das Geld, das dafür bereitstand, sei aber anderweitig ausgegeben worden, schildern Kirchenvertreter die politischen Versäumnisse.

»Hier sind die Abflüsse in die Kanalisation verstopft und niemand kümmert sich darum. Das ist ein Risiko für alle. Wo bleibt die Defensa Civil?« Einwohnerin von Cárdenas

Diese gibt es auch in Havanna, wo die Verantwortlichen den Großteil ihrer Ressourcen für die Aufräumarbeiten in den besonders betroffenen Stadtvierteln Habana Vieja, Centro und Vedado verwendeten. Deshalb blieb der Müll in anderen Stadtteilen wie Diez de Octubre mehrere Tage lang liegen und türmte sich zu kleinen Bergen. Dagegen protestierten am 13. September Hunderte Anwohnerinnen und Anwohner und forderten lautstark die Wiederherstellung der Strom- und Wasserversorgung in ihrem Stadtteil. Der Protest sei spontan zustande gekommen und die Stadtverwaltung habe schnell mit dem Angebot reagiert, Tankwagen mit Trinkwasser zu schicken, sagt Iván García, der für die unabhängige Tageszeitung Diario Las Américas berichtet. Doch damit gaben sich die Bewohner nicht zufrieden, sie skandierten »Wir wollen Strom, wir wollen Wasser« und »Das geeinte Volk wird niemals besiegt werden«.

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Havannas Uferpromenade Malecón ist an vielen Stellen beschädigt

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Abel Montero Galván

Wenige Stunden später war die Strom- und Wasserversorgung für den Stadtteil wiederhergestellt; allerdings auch in anderen Stadtteilen von Havanna wie Vedado, das zu den Stadtvierteln der Besserverdienenden gehört. Mehrere Botschaften sind dort angesiedelt und viele Touristen kommen dort unter. Dennoch waren die staatlichen Brigaden überfordert und kamen nur langsam voran, weil schweres Gerät knapp ist und Motorsägen zum Zerteilen der entwurzelten Bäumen, von denen es auch in Havanna Tausende gab, nicht zur Standardausrüstung der städtischen Brigaden gehören. Man wartete daher auf die Defensa Civil, der viele Anwohner bei der Zerteilung der Bäume zusahen – ohne selbst anzupacken. Eine Woche nach dem Wirbelsturm waren daher längst noch nicht alle entwurzelten Bäume zerteilt und abgeräumt.

Bürde für die Inselökonomie
Auch Havannas prächtige Uferpromenade blieb bis zum 1. Oktober gesperrt, weil Drainagen gereinigt und teilweise neu verlegt werden mussten und die Ufermauer sowie die acht Kilometer lange Straße ausgebessert wurden. Ohne die vierspurige Promenade entstehen im Stadtverkehr beachtliche Umwege.

Für Kubas Ökonomie ist Irma verheerend. Zum Ausmaß der Schäden kursieren auch drei Wochen später kaum konkrete Zahlen. In der Landwirtschaft hat der Hurrikan große Flächen an Zuckerrohr- und Bananenplantagen sowie Gemüseanbauflächen zerstört. 300 000 Hektar seien es beim Zuckerrohr, sagte Liobel Pérez Hernández, der Sprecher der Zuckerunternehmensgruppe Azcuba. Sie müssten zumindest teilweise umgepflügt und neu ausgesät werden, so Hernández.

Bananen werde es deutlich weniger geben in den nächsten Monaten, mutmaßt ein Mitarbeiter des Bauernmarkts in der 19. Straße von Havannas Stadtteil Vedado. »Generell wird das Angebot an Lebensmitteln kleiner und die Preise steigen«, prognostiziert er. Das wäre nicht das erste Mal.

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In manchen Straßen Havannas ist fast kein Durchkommen mehr

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Abel Montero Galván

Ob angesichts der schlechten finanziellen Lage zum Ende des Jahres noch genug Geld in den öffentlichen Kassen sein wird, um notwendige Importe zu tätigen, darüber diskutieren bereits die Experten. Wegen der Krise in Venezuela und sinkender Exporte ins Ausland habe die Regierung in diesem Jahr große Schwierigkeiten, die Bedienung der Altschulden beim Club von Paris zu gewährleisten, schrieb der kubanische Finanzexperte Pavel Vidal in einer Analyse, die bereits Ende Juli erschien. Für Krisen dieses Ausmaßes gibt es keine ausreichenden Rücklagen. Der kubanische Katastrophenhilfefonds beläuft sich offiziellen Quellen zufolge auf nur 200 Millionen kubanische Peso – umgerechnet ungefähr 6,7 Millionen Euro. Das ist zu wenig, um die Schäden von Irma zu beseitigen. Auch die Pläne zur Dezentralisierung der Stromversorgung und Verlegung der Stromleitungen unter die Erde sind damit nicht finanzierbar. Die Hurrikan-Saison endet erst am 30. November und so heißt es bis dahin: hoffen, dass es Kuba nicht noch einmal erwischt.