Renitente Schüler sind die liebsten Schüler

Wie ein Ei dem anderen

Klassenkampf Von Liselotte Kreuz
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KKEin Kollege sagte einmal zu mir, ein guter Lehrer müsse so sein wie eine Henne, die all ihren Küken gleichermaßen zugetan ist. Selbstverständlich habe ich diesen Vergleich damals sofort vehement zurückgewiesen, weil es erstens wichtig ist, den Unterschied zwischen menschlichen Jugendlichen und Geflügelküken nicht zu vernachlässigen (keine Federn, nicht gelb und viel größer, individuelle Persönlichkeit, Haupthaar und sicher noch viele andere Dinge); weil zweitens niemand mit Gewissheit sagen kann, was alles so im Inneren einer Henne vor sich geht; weil ich drittens die Henne aus einer Vielzahl von Gründen als Vorbild der Lehrerin ablehne und weil ich viertens damals schon den Verdacht hatte, dass ich an diesem Anspruch kläglich scheitern würde. Allgemein versuche ich, Ansprüchen, denen ich sowieso nicht gerecht werden kann, aus dem Weg zu gehen. Und siehe da, es stimmt, ich bin eine extrem voreingenommene Henne.

Seltsam daran sind nur die Kriterien, nach denen ich sie auswähle, die Lieblingsküken. Oder eigentlich überhaupt nicht seltsam, ich hätte nur gerne, dass das Verfahren weniger absehbar und ungerecht und inkonsequent wäre, als es ist. Dass man, wenn man schon da vorne steht und dauernd Teamgeist, Rücksichtnahme, Fleiß und Ordnung predigt, nachher nicht ausgerechnet die kleinen chaotischen Arschloch­individualistinnen am liebsten hat. Die, für die es ein Fortschritt ist, dass sie mal einen Stift dabei haben und, wenn sie suchen, vielleicht auch noch irgendwo einen Zettel finden oder jedenfalls jemanden, der ihnen einen leiht. Die, die jede Ansage zunächst in Zweifel ziehen und ausdiskutieren müssen und noch ihren Wunsch, während des Unterrichts Dinge auf Snapchat zu posten, mit Bezug auf ein allgemeines Menschenrecht auf ungehinderte Kommunikation durchzusetzen versuchen. Die, die immer zu spät sind und jede Gruppe gnadenlos auf sich warten lassen, bis sie, widerwillig, erscheinen, weil sie grundsätzlich irgendetwas anderes gewollt haben als die Mehrheit und das Wort Kompromiss in ihnen dieselben Gefühle auslöst wie das Wort Wurzelbehandlung in anderen, ausgewogeneren und eigentlich netteren Persönlichkeiten.

Um Verwechslungen zu vermeiden: Diese Küken sind nicht unbedingt Rampensäue. Die gemeine Rampensau kann gelegentlich auch ein interessantes Küken sein, ist oft aber hauptsächlich nervig. Spannender sind die ruhigeren Küken, die manchmal auf so eine stille Art sehr, sehr renitent sein können. Selbstverständlich wären meine Lieblingsküken, ob laut, ob leise, allesamt tote Küken, wären sie wirklich welche. Aufgefressen, verhungert und ertrunken wären sie. Aber zum Glück haben sie Haupthaar und überleben ihre Renitenz in der Regel ganz gut. Schön eigentlich, nicht?