Tatjana Felgenhauer vom Radiosender Echo Moskwy

Die Messerattacke

Porträt Von Ute Weinmann
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Tatjana Felgenhauer hatte bislang Glück. Den Radiojournalismus machte sie bereits mit 20 Jahren zu ihrer Lebensaufgabe. Im Jahr 2005 durfte sie erstmals im Radiosender Echo Moskwy, den Gazprom-Media mit einem Anteil von zwei Dritteln kontrolliert, als Korrespondentin auftreten. Später übernahm sie die Moderation eigener Sendungen und führte Interviews mit zahlreichen Persönlichkeiten, darunter Michail Gorbatschow. Längst hat sie die Stelle als stellvertretende Chefredakteurin inne. Aleksej Wenediktow, der langjährige Chefredakteur des als oppositionell geltenden Senders, war einst einer ihrer Lehrer in der Schule und hat Tatjanas Talente schnell erkannt. Ihre Markenzeichen als Moderatorin sind eine angenehme Stimmlage und eine freundliche, ihren Gesprächspartnern wohlgesinnte Atmosphäre.

Am 23. Oktober setzte Boris Griz Tatjana Felgenhauers Glückssträhne ein abruptes Ende. Der 48jährige überrumpelte den Wachmann am Eingang des Redaktionsgebäudes, drang ungehindert bis zu der bekannten Moderatorin vor und versetzte ihr einen Messerstich in den Nacken. Die Schwerverletzte befand sich zwar nicht in Lebensgefahr, aber der Schock bleibt. Bei seiner ersten Befragung gab Griz an, er stehe seit fünf Jahren mit seinem Opfer in telepathischem Kontakt. Zu etwa diesem Zeitpunkt begann die berufliche Laufbahn des studierten Physikers mit Anstellungen in Russland, Israel und den USA zu bröckeln. Ob er allein seinen Plan ausgearbeitet hatte oder womöglich dazu angestachelt wurde, werden die Ermittlungen zeigen. Oder auch nicht.

Oppositionelle Medien in Russland sehen aus guten Gründen eine steigende Gefahr für Leib und Leben ihrer Mitarbeitenden. Allen voran die Nowaja Gaseta, die auf eine lange Liste ermordeter Journalisten verweisen kann. Ihr Chefredakteur Dmitrij Muratow reagierte nach der Attacke prompt mit der Ankündigung, die Redaktionsangehörigen mit zulässigen Waffen für ihre Selbstverteidigung auszurüsten. Es handelt sich dabei wohl um einen Verzweiflungsakt. Dass der Staat keine weiteren Maßnahmen zum Schutz von Journalisten plant, stellte Kreml-Pressesprecher Dmitrij Peskow eindeutig klar. Kein Opfer sein zu wollen – dieses Argument aus dem Mund der Befürworter der Selbstverteidigung mag einigen Mut machen. Jelena Milaschina, die wegen ihrer kritischen Berichterstattung über Tschetschenien wohl exponierteste Journalistin der Nowaja Gaseta, bezweifelt, sich mit einer Waffe besser schützen zu können. Sie war selbst bereits Ziel eines Angriffs und spricht aus Erfahrung.