Pseudowissenschaft auf Tour: Der Schweizer Buchautor Erich von Däniken kommt nach Deutschland

Döneken mit Däniken

Der Schweizer Buchautor Erich von Däniken ist wieder auf großer Deutschlandtournee. Auch in der Berliner Universität der Künste macht der Pseudowissenschaftler Station.
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Seit 50 Jahren produziert er Verschwörungstheorien am laufenden Band. Seine Videos auf Youtube erreichen sechsstellige Klickzahlen. Bei nahezu ­allen Auftritten behauptet er, dass Geheimdienste und Presse sich gegen ihn und seine »Wahrheit« verschworen hätten. Einige seiner Bücher werden beim Kopp-Verlag publiziert, der für sein rechtslastiges und verschwörungsideologisches Programm bekannt ist. Erich von Däniken ist Bestsellerautor, seine seit 1968 erscheinenden Bücher wurden 63 Millionen Mal verkauft und in 32 Sprachen übersetzt. In über 50 Publikationen, aber auch durch öffentliche Vorträge und Fernsehproduktionen verbreitet der begabte Redner seine Ansichten. Seine diesjährige Deutschlandtournee mit dem vielsagenden Titel »War alles ganz anders?« führt ihn nach Dresden, Schwerin, Leipzig und in verschiendene kleineren Orte sowie am Sonntag auch nach Berlin. Das Konzerthaus der Universität der Künste öffnet die Tore, die Veranstaltung wird auf »Berlin.de« beworben. Früher noch von vielen belächelt und kritisiert, kann er heutzutage offenbar ungestört und unwidersprochen sogar an einer Berliner Universität sprechen.

Von Däniken ist, wenn auch nicht der Erfinder, so doch der populärste Vertreter der sogenannten Präastronautik. Die Kernaussage dieser Theorie ist, dass außerirdische, hyperintelligente, menschenartige Lebensformen sich vor langer Zeit auf der Erde auf­gehalten haben und dies heute noch tun. Während ihrer Visite waren diese Aliens nicht untätig und haben sich in die Kulturgeschichte durch gewaltige Bauwerke eingeschrieben. Die Nazca-­Linien in Peru dürften neben den Pyramiden in Ägypten und Mexiko sowie den Kolossalstatuen auf den Osterinseln die am häufigsten herangezogenen Beispiele sein. Auf ihrer Erdmission haben die Besucher aus dem All der Menschheit die Zivilisation, oder, wie von Däniken es nennt, das Urwissen gebracht. Sie haben den Menschen ihre Gene eingepflanzt. Nur aufgrund ­dieses Einflusses waren die Menschen überhaupt in der Lage, die antiken Hochkulturen zu errichten. Als Beweise führt der ehemalige Jesuitenschüler antike Texte heran, die er mal allzu wörtlich auslegt und mal sehr frei interpretiert.

Im Gegensatz zu den siebziger Jahren regt sich aus der wissenschaftlichen Community kaum noch Widerspruch.

Das ideologische Kernelement der Präastronautik ist die Gleichsetzung von göttlichen Gestalten der Antike mit Aliens. Diese haben, ganz bibel­treu, den Menschen nach ihrem Antlitz geschaffen, gemeinerweise haben die Aliens aber ihre Anwesenheit verborgen und nun ist es an von Däniken, die Be­lege dafür zu entdecken. Die Argumentation geht ungefähr so: Die Götter vieler antiker Zivilisationen trieben sich bekanntlich irgendwo im Himmel herum. In der ägyptischen Vorstellung fuhren die verstorbenen Pharaonen in den Himmel und wurden zu Göttern; Moses hat die zehn Gebote aus dem Himmel empfangen; die Maya ließen ihren Kalender mit der Ankunft der Götter beginnen. Anstatt nun wie die Religionswissenschaft ­solche Aussagen als Metaphern zu lesen, nehmen die Präastronautiker die Texte wörtlich und interpretieren in viele Abbildungen Flugobjekte hinein. Die Götter fahren durch den Himmel wie Aliens mit ihren Flugobjekten. Also sind die Göttergeschichten eigentlich Geschichten über Aliens. So einfach ist das.

Um die christliche Klientel nicht zu verschrecken, behauptet von Däniken bei jeder Gelegenheit, täglich zu beten und gläubiger Christ zu sein. Mit diesem Paradigma ausgestattet, lässt sich die Menschheitsgeschichte problemlos umschreiben. Jeglicher Kunstausdruck des Homo sapiens in der Steinzeit wird ignoriert oder geleugnet, von Däniken behauptet beispielsweise, Megalithstätten wie Stonehenge hätten vor etwa 4 500 Jahren nur mit Hilfe aus dem All errichtet werden können – ­intergalaktische Entwicklungshilfe statt kulturelle Evolution. Der Homo sa­piens wurde erst mit dem Eingreifen der Aliens wissend, davor war er dumm.

Die Quellenarbeit ist mangelhaft, zudem wurden die Thesen von Dänikens von mehreren seriösen Wissenschaftlern widerlegt. Die Behauptungen kommen ohnehin stets im Konjunktiv daher, um die Kritik ins Leere laufen zu lassen. Von seinen Jüngern wird der Konjunktiv freilich oft nicht mehr verwendet.

Als 1987 angeblich ein »echter Außerirdischer« mit von Däniken Kontakt aufnahm, war dies für den Schweizer ein wunderbares Ereignis – von dem er allerdings erst 2006 öffentlich erzählte. Anhänger aus aller Welt schicken ihm vermeintliche Beweise von ­archäologischen Hinterlassenschaften der Aliens. Mit seinem Team geht er pseudoinvestigativ diesen »Hinweisen aus der Bevölkerung« nach und reist mit nahezu kindlicher Begeisterung durch die Welt. An allen von ihm untersuchten Stellen tauchen Beweise für seine Theorien auf. Nicht nur sieht er mühelos, was Generationen von Forschern angeblich übersehen haben, alles ordnet sich in seinen Augen auch sofort in einen ufologischen Kontext ein. Eine zweifellos beindruckende ­Begabung, nebst einer Ausstrahlung, die ihresgleichen sucht. Der unglaub­liche Erfolg der Präastronautik – jeder fünfte Mensch in Deutschland glaubt einer Umfrage von 2015 zufolge an die Existenz von Aliens, deren Kontaktaufnahme von den Regierungen aber verheimlicht werde – kann maßgeblich auf das Wirken von Dänikens und in seinem Fahrwasser schwimmender Verschwörungstheoriker zurückgeführt werden. Die Idee, Aliens hätten großen Einfluss auf die Zivilisation genommen, ist im Mainstream angekommen. Von »E.T.« über »Stargate« und »Akte X« bis zum vierten Teil der Indiana-Jones-Saga erfreuen sich diverse kulturindustrielle Produkte, die die Ideologie der Ufo-Fans aufgreifen, großer Beliebtheit.

Im Gegensatz zu den frühen siebziger Jahren, als die ersten Bücher von Dä­nikens weltweit übersetzt wurden, regt sich aus der wissenschaftlichen community kaum noch öffentlicher Widerspruch. Versuche, den pseudowissenschaftlichen Unsinn zu entlarven, sind selten geworden. Die Lethargie der Fachwelt, vor allem in der Archäologie, verwundert. Nach Gutdünken benutzen die Präastronautiker die Ergebnisse seriöser Forschung und ändern sie in ihrem Sinne. Doch die permanenten Angriffe auf die Ergebnisse und Interpretationen der etablierten Wissenschaft bleiben konsequent unbeachtet.

Von größerer Relevanz und Gefährlichkeit ist aber die massenhafte Verbreitung eines verschwörungsideologischen rechten Weltbilds. Erich von Däniken bestreitet den Klimawandel nicht, behauptet aber, dieser habe nichts mit dem von Menschen verursachten Kohlendioxidausstoß zu tun, sondern sei natürlichen Ursprungs. Im Juni twitterte er: »Überall Festivals für Homos, Lesben etc. Nichts dagegen. Aber gibt’s eigentlich auch noch Festivals, an denen sich Normale zeigen dürfen?« Der anschließende Shitstorm – viele Twitterer fragten, ob denn von Dänikens abstruse Alien-Theorien normal seien – brachte den 82jährigen zu einer halbgaren Entschuldigung im Stil Erich Mielkes: »Ich liebe alle Homos und Lesben!« Typisch verschwörungsideologische Topoi durchziehen die Bücher und Auftritte von Dänikens: Geheimdienste, Medien und Wissenschaftler – bis auf wenige »Erleuchtete«, die natürlich nicht namentlich genannt werden – verstecken Beweise, manipulieren die Gesellschaft und ­lügen, um die Anwesenheit der Aliens zu verheimlichen.
Von Däniken arbeitet mit dem ­rechten Kopp-Verlag zusammen, der zum Beispiel seine DVDs und eine Werk­edition seiner

Bücher verlegt. Dort kommt zusammen, was zusammen­gehört – Alien-Theorien in trauter Eintracht mit germanischen Okkultisten, sogenannten Preppern und anderen rechten Esoterikern.

Nicht zuletzt sind die Ufo-Geschichten ein gutes Geschäft. Wer von den Vorträgen und Büchern noch nicht genug hat, kann im schweizerischen ­Interlaken einen Mystery-Themenpark besuchen und die angeblichen Geheimnisse der Cheops-Pyramide entdecken, mit einem U-Boot-Simulator die vom Meer bedeckten Geheimnisse erkunden und anschließend Lamas im Streichelzoo knuddeln. Auch Mittelmeerkreuzfahrten stehen im Programm, Besichtigung archäologischer Stätten inklusive. Wen es nicht so weit in die Ferne zieht, der kann auch in Deutschland an den jährlichen Kongressen von von Dänikens »Forschungsgesellschaft für Archäologie, Astro­nautik und SETI« teilnehmen. Ende Oktober gab es dort die einmalige Möglichkeit, eine Reliquie zu ersteigern: ein blaues Jackett von Erich von Däniken, von ihm persönlich überreicht. Vielleicht erhöht ja das Tragen des Kleidungsstücks die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung mit Aliens.