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Doppeltes Spiel

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PBIm Vietnamkrieg starben über drei Millionen Menschen. Es ist hoch­gradig zynisch, dass in der US-amerikanischen Politk zumeist nur von den 50 000 zwischen 1955 und 1975 gefallenen US-Soldaten gesprochen, über die Todesopfer auf vietnamesischer Seite jedoch geschwiegen wird.

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Auch nehmen nahezu sämtliche Bücher und Filme über den Vietnamkrieg die Perspektive der US-Amerikaner ein. Die sehr kluge, um Differenzierung bemühte Doku-Reihe »Vietnam« von Ken Burns und Lynn Novick stellt eine Ausnahme dar. Und natürlich auch Viet Thanh Nguyens 2016 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Vietnamkriegsroman »Der Sympathisant«.
Nguyen, Jahrgang 1971, ist mit seinen Eltern und seinem Bruder 1975 aus Saigon in die USA geflohen, er verhilft dann auch der vietnamesischen Perspektive in seinem ­raffiniert-spannenden Spionagethriller zu ihrem Recht. Die Wirkmächtigkeit der US-amerikanischen Kultur sei enorm, sagt der Autor. Sein Protagonist und Ich-Erzähler verdingt sich als »Authentizitätsberater« an einem Film, dessen Dreharbeiten an den legendär grotesken Dreh von Francis Ford Coppolas »Apokalypse Now« erinnern. Seine Aufgabe ist es, den Regisseur bei Fragen um die vietnamesischen Bräuche und Eigenarten zu beraten.

Der Held des stellenweise herrlich maliziös-satirischen Romans ist ein Doppelagent. Während des Krieges arbeitet er für die US-Amerikaner, gleichzeitig versorgt er die Kommunisten auf vietnamesischer Seite mit Informationen. »Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern«, gesteht der Erzähler, der längst in einer ­winzigen Gefängniszelle schmort. Dort schreibt der Mann, der von sich sagt, er habe »zwei Seelen«, seine an historischen Fakten reiche, einnehmend klug um Fragen der Moral, Identität und Ideologie kreisende Lebensbeichte.

 

Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant. Übersetzung aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Karl Blessing Verlag, München 2017; 528 Seiten, 24,99 Euro