Eine Kritik am Lutherjubiläum

Luther ist tot, es lebe Luther

Der »stiernackige Gottesbarbar«, als den Thomas Mann im Jahr 1949 den Reformator Martin Luther bezeichnete, »der aus der Kirche nur austritt, um eine Gegenkirche mit einem Gegendogma« zu etablieren, ist in doppelter Hinsicht Geschichte.

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Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EDK), Heinrich Bedford-Strohm, findet offenbar, Luther sei der personifizierte Geist von Kritik und Selbstkritik gewesen: »Die Kritik an Luther wird auch Luther gerecht. Denn er wäre sicher der Erste, der nach 500 Jahren Selbstprüfung zu dem gleichen kritischen Ergebnis kommen würde wie wir. Diese Demut, dass wir unsere Grenzen wahrnehmen, ist eine Stärke der reformatorischen Erkenntnis.« Die nachträgliche Zweiteilung der Gedankengänge Luthers in theologische Tiefsinnigkeit und unbedachte Vorurteile drückt sich in der Formulierung vom »leidenschaftlichen Gottsucher und Menschenhasser« (Süddeutsche Zeitung) aus.

Darin manifestiert sich auch die Unterscheidung zwischen Luthers ganz und gar spezifischer, eben nicht typisch christlicher, sondern protestantischer Schicksals­ethik und Körperfeindschaft sowie Luthers Judenhass, dessen Nachfolge in Deutschland niemand mehr offen antreten möchte. Das »schreckliche Erbe« nennt Bedford-Strohms Amtsvorgängerin Margot Käßmann den lutherischen Antisemitismus. Die staatlich-kirchlichen Kooperationspartner des Jubiläums weisen ihn selbstredend zurück. Vielmehr gibt es einen vergangenheitspolitischen Paradigmenwechsel, der Schuld in moralische Lehren transformiert.

 

Gegenwärtiger Islam und historisches Luthertum

Nicht verwundern sollte in Zeiten wie diesen die inhaltliche Dauerdistanzierung einer Kirche, die seit der Wiedervereinigung jährlich mindestens 300 000 Mitglieder durch Austritt oder Tod verliert. Dass man in dieser Hinsicht gegen die einzige Religion, deren Mitgliederstärke in Deutschland stetig zunimmt, den Islam, im säkularisierten Kampf um die beste Meinung und den authentischsten Glauben leicht ins Hintertreffen gerät, dürfte der EKD mittlerweile bewusst sein. Überhaupt zeigt die Turboradikalisierung des Lifestyles der religiösen Dogmen im Islam der Gegenwart Ähnlichkeiten mit dem historischen Luthertum. Private Rechtlosigkeit, amtliche Gnadenlosigkeit und allgemeine Selbstlosigkeit begründen Christoph Türcke zufolge als Hauptcharakteristika des historischen Luthertums von Beginn an den Kampf gegen Papsttum und Klerus. Der Hass auf Versöhnung schlechthin, der sich im Hass auf Prunk und Bilderflut, Ablass und Beichte zeigt, tut ein Übriges, um die unmittelbare Verunsicherung an die Stelle konventioneller Vermittlungen der Gesellschaft zu setzen – Triebfedern eines innerreligiösen Bürgerkriegs, der vor 500 Jahren die christliche Welt spaltete, zum Glück jedoch in die Aufklärung externalisiert wurde, und zurzeit in der islamischen Welt stattfindet Die gesamte neunjährige Luther-Dekade war von einem aufgeklärten, weltoffenen und pluralistischen Grundtenor bestimmt.

Der verzweifelte Versuch der protestantischen Kirche, ihre schwindende institutionelle Bedeutung im internationalen Vergleich aufrechtzuerhalten, zeugt von ihrer Überflüssigkeit.

Nominalistisch wird mit Begriffen und Attributen jongliert, als wären sie nicht auf historische Evidenz angewiesen, sondern könnten nach Gutdünken auf den Reformator übertragen werden. Für Bundespräsident Frank-Walther Steinmeier (SPD) steht fest: »Heute, 500 Jahre später, blicken wir zurück auf diesen Mann an der Schwelle zur Neuzeit, der so viel beigetragen hat zur Entwicklung einer modernen Gesellschaft. Wir verdanken Luther und den anderen Reformatoren die entscheidenden Impulse für unser heutiges Verständnis von Freiheit, Bildung und gesellschaftlichem Zusammenleben.«

Dass direkt im folgenden Satz der Hinweis auf Luthers Antisemitismus und die restlichen »Irrtümer« die Aussage abrundet und dem Gesagten keinen Abbruch tut, ist nur dank der unhaltbaren, doch entlastenden Abspaltung lutherscher hate speech von Luthers Theologie möglich. So erklärt sich auch, warum der Großimam Ahmad al-Tayyeb von der Kairoer Al-Azhar-Universität auf dem evangelischen Kirchentag 2017 so prominent platziert war. Der bekennende Antisemit und erklärte Feind von Apostasie und Homosexualität, eine durch und durch reaktionäre Persönlichkeit, saß einträchtig neben Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und redete mit ihm gemeinsam über »Toleranz und friedliches Zusammenleben«. Der Moderator sprach danach von einem »wegweisenden Vortrag, der zu Herzen gegangen ist«.

Für eine verhältnismäßig hohe Medienresonanz sorgte in den vergangenen Jahren die an der Stadtkirche der »Lutherstadt« Wittenberg hängende »Judensau«. »Wir sollten nicht nur die Zeugnisse der hellen Seiten der Geschichte bewahren, sondern ganz bewusst und als Mahnung auch die der dunklen und tiefdunklen Seiten«, so die mitteldeutsche Landesbischöfin Ilse Junkermann über das Sandsteinrelief an der Kirche. Sie sprach in diesem Zusammenhang davon, dass »diese Wunde unserer eigenen Geschichte offen« gehalten werden müsse. Eine kritische Intervention im Dauerstreit um den Kirchenschmuck wäre nicht die geschichtssensible Parteinahme für die Entfernung, wenngleich der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, und der englische Theologe Richard Harvey in ihrem Beharren darauf gegen empörte Protestanten in Schutz zu nehmen sind. Ideologiekritik bedeutet, die zukunftsweisende Transformation zu analysieren, für die die Luther-Feierlichkeiten Anlass geben. Zudem wäre in den Blick zu nehmen, warum zwischen das evangelische und das linksliberale Selbstverständnis in Deutschland kein Blatt mehr passt.

 

Kampf gegen die Vernunft und Neudeutung der Bibel

Der verzweifelte Versuch der protestantischen Kirche, ihre schwindende institutionelle Bedeutung im internationalen Vergleich aufrechtzuerhalten, zeugt von ihrer Überflüssigkeit. Im nachbürgerlichen Abklatsch der modernen Gesellschaft ist die Schicksals­on­to­logie omnipräsent, sei sie nun lutherscher oder anderer Provenienz. Die Buchführung über das persönliche Seelenheil, die jeden Tag neu zu überprüfen sei, schlägt in die Reduktion der Vernunft auf eine zweckrationale um – sowohl beim Reformator als auch bei seinen säkularisierten Erben, die den ökonomischen Konkurrenzkampf zum sprichwörtlichen Schmieden des eigenen Glücks umdeuten.

Nicht selten wurde der Kampf gegen die Vernunft zwecks der mythische Neudeutung der Bibel geführt: An allen Stellen, an denen Luther positiv über die Vernunft sprach, degradierte er sie zugleich zum sterblichen Phänomen. Darin lag die Ambivalenz seines Verhältnises zu ihr. Nicht ohne Grund nannte Luther in hohem Alter die Vernunft eine »schäbichste, aussätzige Hure«. Als insgeheimes Objekt der Begierde und gleichzeitige Kontrahentin des deus absconditus (lat. »verborgener Gott«) fristet nach Luthers Auffassung die Vernunft ihr Dasein als körperliche Eigenart, die es zu beherrschen gilt. Mit seiner magischen Sinnstiftung durch die vier soli (lat. »allein«) – allein durch Jesus Christus, allein durch Gnade, allein durch den Glauben, allein durch die Heilige Schrift –, die die uneingelöste Möglichkeit geistig-sinnlicher Vermittlung durch Willkür und Eliminierung des individuellen Glücks mit eiserner Selbstdisziplin ersetzt, begründete er eine Arbeitsmoral, die keinen Unterschied mehr kennt zwischen Gottesdienst und Alltag, Beichtstuhl und Anklagebank.

Reinhard Bingener schrieb in der FAZ: »Auch wenn 500 Jahre nach Luther niemand mehr mit Tintenfässern nach Teufeln schmeißt – Luthers Weltgefühl ist von der Gegenwart nicht so weit entfernt. In einer Zeit, in der viele den Eindruck haben, dass ihnen die alten Sicherheiten entschwinden, lässt sich bei Luther lernen, dass es sie niemals gegeben hat.« Auf Kritik am Luther- Jubiläum, die nicht Binsenweisheiten und vulgäratheistischen Relativismus bietet, sondern versucht, den geschärften Blick zu behalten, wartet man aus diesem Grund vergeblich.