Klassenkampf

Steilvorlage

Kolumne Von

KKAus ihren Gesichtern sprechen Trotz und Langeweile, sie wollen nicht hier sein, aber sie müssen. Sie wissen, dass offener Widerstand zwecklos ist, deswegen beschränken sie sich auf die kleinen Unbotmäßigkeiten und lümmeln auf den Stühlen, tuscheln mit der Nachbarin über das vergangene Wochenende und die nächste Deutschstunde oder spielen eine Runde Candy Crush unter der Bank. Einige surfen recht unverhohlen im Netz, andere lassen ihren Frust raus, indem sie laut schnauben und dauernd mit dem Kopf schütteln.

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Alle, alle wollen nach Hause. Ich auch, ich hasse Lehrerkonferenzen. Immerhin ritzt, soweit ich sehen kann, niemand »Fuck my Penis« in den Tisch, aber zwei Kollegen haben den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt und scheinen zu schlafen. Wir reden über irgendeine abzustimmende Vorlage, zu der ich mir seit einer halben Stunde keine Meinung bilden kann. Das Zuhören fällt mir schwer, weil die beiden Frettchen in meinem Kopf laut darüber streiten, ob das daran liegt, dass ich die Vorlage nicht richtig gelesen habe, oder daran, dass sie zu belanglos ist. Der Bedenkenträger des Kollegiums sagt, dass wir alles von vorneherein falsch gemacht hätten, er wolle noch einmal von vorne anfangen und diesmal alles richtig machen. Teile des Kollegiums stöhnen und das Frettchen, dem das Thema egal ist, fängt an zu weinen. Die Pragmatikerin meldet sich und möchte einfach mal abstimmen. Das gehe nicht, sagt jemand, der vorher noch gar nichts gesagt hat und seine Chance wittert; er weist auf neue Probleme hin, die vorher noch niemandem aufgefallen sind und einen weiteren Austausch unabdingbar machen.

Das Frettchen hört auf zu weinen und beginnt, seinen Kopf leicht gegen die Wand zu schlagen. Die Pragmatikerin will einen Unterausschuss gründen und in vier Wochen weiterreden und die Schulleiterin antwortet, dass hier keiner nach Hause gehe, bevor eine Entscheidung gefällt sei. Das Egal-Frettchen fängt an, sich zu ritzen, während das andere Frettchen vergeblich versucht, die Telefonseelsorge zu erreichen. Der Vermittler des Kollegiums meldet sich und liest eine neue Vorlage vor, die prima klingt und in der alle Streitpunkte einfach weggelassen wurden. Der Bedenkenträger weist darauf hin, dass alle Streitpunkte einfach weggelassen wurden. Das engagiertere Frettchen liest alle Vorlagen noch mal durch und versucht, die Unterschiede zu finden und nicht darüber nachzudenken, dass sich das Egal-Frettchen inzwischen im Badezimmer eingeschlossen hat und den Medizinschrank durchsucht. Ich will nach Hause. Ich will vorspulen, zur Abstimmung, wenn das Frettchen mit dem Plan mir sagt, dass ich mich enthalten soll und eine halbe Schachtel Vicodin dafür gesorgt hat, dass das andere Frettchen wieder klarkommt. Ich fange an, »Fuck my Penis« in denTisch zu ritzen.