Kunst in der DDR

Gefühlt ein Volk

Die wirtschaftliche Integration der Ostdeutschen ist bis heute nicht gelungen. Mit Kolonialismus hat das aber nichts zu tun.

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In Dresden streitet man über Kunst. Nicht über die Kunstinstallation aus vertikal aufgestellten Bussen aus Aleppo, die unter Verwendung des in der Elbstadt stets virulenten Opfermythos für einigen Protest derer sorgten, die den Opferstatus exklusiv für sich reklamieren – die Busse stehen inzwischen in Berlin.

#Es geht um DDR-Kunst. Oder Kunst aus der DDR, wie es heißen soll, weil DDR-Kunst schon nach einer ideologischen Linie klingen würde. In Frage steht, ob Kunst aus der DDR derzeit angemessen in den Ausstellungen des Albertinums repräsentiert sei. Der Kunstwissenschaftler Paul Kaiser hatte in seinem Aufsatz »Wende an den Wänden« in der Sächsischen ­Zeitung bemängelt, dass die Exponate im Dresdner Albertinum ständig umgeräumt und die ostdeutsche Kunst aus der Zeit zwischen 1945 und 1989 sukzessive ins Depot »entsorgt« werde. Dem »westdeutsch dominierten Kunstbetrieb« warf Kaiser Kleinkariertheit und »koloniale Attitüden« vor. Tatsächlich taucht bei ­offiziösen Ausstellungen im Ausland die DDR-Kunst nicht auf, wie kürzlich bei einer Schau in Peking. Auch hält ein großer Teil des Kunstbetriebs beispielsweise Jackson Pollocks abstrakten Expressionismus als nachbürgerliche Verherrlichung der abstrakten Freiheit des Subjekts und damit Ausweis der Freiheit des Westens im Kalten Krieg der Kunst für den Gipfel der modernen Malerei. Im Stil neomystischen

Kunstkataloggeschwurbels preist man ihn an, als gäbe es nichts Interessanteres in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Doch bei dem Dresdner Bilderstreit – über 600 Menschen kamen kürzlich zu einer Diskussionsveranstaltung zum Thema – geht es weniger um Kunst. Es geht vor allem um die Repräsentation der DDR im deutschen Geschichtsbild 27 Jahre nach der Wende – und um die Stellung der Ostdeutschen in Gesamtdeutschschland.

Sind die Ostdeutschen ein unterdrücktes Volk? Man könnte fast den Eindruck gewinnen. »Heute, fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR, haben die Ostdeutschen ihr Land nicht wieder. Es ist nach wie vor in Wessihand«, schrieb Simone Schmollack am 25. September in der Taz. Die Rede ist auch hier von einem »kulturellen Kolonialismus«. Diesen Begriff verwendete Thomas Krüger, der Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung, in einem Interview mit der Berliner Zeitung vom 31. Oktober. Angesprochen auf die Unterrepräsentation von Ostdeutschen beispielsweise in Bundesbehörden, führte Krüger aus: »Es fehlen einfach die Übersetzer kultureller Differenzen. Eine positive Aneignung von Institutionen wird schwieriger.« Der Soziologe Raj Kollmorgen stellte fest, dass den Ostdeutschen eine »kulturelle Fremdheit« zu eigen sei, von »Kleidung, Auftreten, Sprache und Gestik bis hin zum Musikgeschmack«, die von anderen abgewertet werde.

Folgt aber aus der diagnostizierten kulturellen auch eine ethnische Eigenheit? Das Stuttgarter Landgericht hat das verneint. In einem Urteil aus dem Jahre 2010 kommt es zu dem Schluss, dass die Ostdeutschen keine eigene Ethnie seien und deswegen nicht im Sinne des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes diskriminiert sein könnten. Ostdeutsche sind auch nur Deutsche. Den Fall vor Gericht gebracht hatte eine Frau, die ihre erfolglose Bewerbung mit dem Vermerk »Ossi« und einem eingekreisten Minus zurückerhalten hatte. Doch Thomas Bierschenk, Professor für Ethnologie an der Universität Mainz, hat in seiner Stellungnahme unter dem Titel »Natürlich sind die Ossis eine Ethnie« zum Stuttgarter Urteil geschrieben: »Gegenüber solchen ›substantivistischen‹ Vorstellungen hat sich daher in der neueren Forschung ein Ethnienbegriff durchgesetzt, der eher ein ausgeprägtes Wir-Gefühl von Gruppen betont. Dieses Wir-Gefühl entwickelt sich in erster Linie in Abgrenzung zu anderen Gruppen – Ethnien sind immer nur Ethnien in Bezug auf ›signifikant Andere‹, von denen sie sich abgrenzen und von denen sie ihrerseits als Gruppe wahrgenommen werden. Ohne Wessis keine Ossis und ohne Ossis keine Wessis. Das Wir-Gefühl wird durch bestimmte ›Identitäts-Markierer‹ gestützt: Das kann der grüne Rechtsabbiegepfeil sein, Gurken aus dem Spreewald oder die ­Jugendweihe, vielleicht auch bestimmte Redewendungen und vor allem die Vorstellung, geschicht­liche Erfahrungen zu teilen, in einem weiten Sinne verwandtschaftlich verbunden zu sein, und, mit ganz starker Bindungskraft, das Gefühl der Diskriminierung durch ›die Anderen‹.«

Der Völkerkundler hat’s bewiesen: Wer sich als Volk fühlt, ist auch eines. Und Volk ist, wer als solches diskriminiert wird. Was kommt als nächstes? Ein Safe Space für jene, die ihren Schutzwall vor 28 Jahren ver­loren haben? Dieses Zusammenspiel moralischen Überschwangs und ­wissenschaftlichen Widersinns treibt die seltsamsten Blüten.

Doch der Umstand, dass sich die Ostdeutschen tatsächlich immer mehr als ein Volk fühlen, ist erklärungsbedürftig. Es ist wie in dem Witz über die Wende: Läuft ein Ossi freudestrahlend auf einen Wessi zu, umarmt ihn und ruft: »Wir sind ein Volk!« Der Wessi schiebt den lästigen Ossi weg und sagt: »Wir auch.« 2017 müssten man den Witz wohl mit vertauschten Rollen erzählen; und es ist nicht abwegig, dies als ­Effekt der rechtlichen Gleichstellung bei ausbleibender wirtschaftlicher Integration zu begreifen.

So war am 1. November auf Spiegel Online zu lesen, dass dem Thüringen-Monitor 2017 zufolge 37 Prozent der befragten Thüringer angaben, individuell als Ostdeutscher benachteiligt zu sein, 49 Prozent fühlten sich kollektiv als Ostdeutsche benachteiligt. Der Augenschein mag das ­bestätigen: Ostdeutsche verdienen 20 bis 40 Prozent weniger bei gleicher Arbeit. Sie werden bei der Rente stark benachteiligt. Bei der Vermögensbildung sieht es noch schlechter aus, hier kommen sie im Vergleich auf lediglich 44 Prozent des Vermögens von Westdeutschen. In den ­Leitungsebenen von Wirtschaft und Politik sind Ostdeutsche unter­repräsentiert. In der Bundeswehr stellen sie nur einen General von 200, sind aber in den unteren Rängen bei Auslandseinsätzen überproportional vertreten und führen dementsprechend die Gefallenenstatistik an.
Was aber Ostdeutsche und Völkerkundler für die Erklärung der Sache halten, ist die ideologische Reflexion gesellschaftlicher Ungleichheit.

Die Ostdeutschen werden nicht als Ostdeutsche diskriminiert, sie haben vielmehr schlechte Ausgangsbedingungen im Kapitalismus. Während in der BRD auf Grundlage der Naziverbrechen privat akkumuliert wurde, gab es in der DDR Volkseigentum genanntes Staatseigentum. Das wurde 1990 in Privateigentum überführt, in einem beispiellosen Akt unter Führung der in der DDR gegründeten Treuhandanstalt. Am Volkseigentum der DDR konnte das Westkapital gesunden – zum Preis der Zerstörung der ostdeutschen Industrie. Manch einem ehemaligen Treuhandmanager, wie man in der Dokumentation »Goldrausch. Die Geschichte der Treuhand« sehen kann, zaubern diese wilden Zeiten der Privatisierung noch immer ein Lächeln ins Gesicht: »Ein wie in ›Friedenszeiten‹ geordneter Beratungsprozess im Parlament wäre einfach unmöglich gewesen.«

Das Resultat der innerhalb von nur vier Jahren durchezogenen Privatisierung einer gesamten Nationalökonomie war, dass die Ostdeutschen nicht in einer Bürgergesellschaft aufwachten, wo ein jeder Eigentümer ist, wie sich das Bürgerrechtler wie Winfried Schulz erhofften, sondern in einer bürgerlichen Gesellschaft, wo sie eben mehrheitlich Nichteigentümer waren – und bis heute sind. So funktioniert der Kapitalismus – wer hat, dem wird gegeben, und wer nichts hat, dem eben nicht. Das ist das »eiserne Gesicht der Freiheit«, von dem Heiner Müller sprach, als er den Demonstrierenden in Ost-Berlin am 4. Oktober 1989 anempfahl, unabhängige Gewerkschaften zu gründen. Leider wollte das damals im einsetzenden nationalen Rausch keiner hören. Und heute will man das immer noch nicht. Man klammert sich an hohle Phrasen, hinter ­denen die gesellschaftsgeschichtliche Erfahrung verschwindet. Die materielle Benachteiligung, die systemischer Natur ist (irgendjemanden muss es immer treffen), wird inzwischen nur noch als kultureller Kolonialismus, als Kampf der Kulturen oder Völker, bezeichnet. Der falsch eingerichteten Welt folgen die falschen Begriffe auf dem Fuß. Dagegen hilft nur Aufklärung über die Verhältnisse.