Die Musik der Komponistin Limpe Fuchs

Zwischen den Klängen

Die Komponistin Limpe Fuchs musiziert auf selbstgebauten Instrumenten und erforscht in ihrer Musik die Grenze zwischen Klang und Stille.
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Was ist eigentlich Musik? Wo hören Geräusche auf und an welchem Punkt fängt die Stille an? Das sind keine neuen Fragen. John Cage hat ein ganzes Buch darüber geschrieben und mit »4’33’’« ein inzwischen bekanntes Werk zur Aufführung gebracht, das genau diese Fragen verhandelt. Auch die Pariser GRM (Groupe de Recherches Musicales) um Pierre Schaeffer und Luc Ferrari hat sich zu großen Teilen diesem Thema verschrieben und noch heute finden sich zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, die dieses Thema beackern. Auch die Musikerin Limpe Fuchs ist so jemand, für den Stille, Geräusche und all das, was dazwischen liegt, eine große Rolle spielt.

Die Konzerte von Limpe Fuchs sind zu Beginn sehr irritierend. Leise gehen sie los, statt der Musik hört man mehr die Alltagsgeräusche um sich herum, wie Konzertgäste, die in ihren Jackentaschen rascheln oder husten, oder vorbeifahrende Autos. Nach und nach aber verschiebt sich die Wahrnehmung von diesen Geräuschen weg, ab einem gewissen Punkt spielt es keine Rolle mehr, woher welcher Laut kommt, ob von der Bühne oder aus dem Zuschauerraum. Ob Limpe Fuchs nun vor sich hin lautmalend über die Bühne geht und trommelt oder die Kühlschränke hinter der Theke leise brummen, ­alles ist gleich wichtig, gleich interessant.

Limpe Fuchs geht es dabei nicht um einen performativen Taschenspielertrick. Hier ist eine Frau am Werk, die voller Aufmerksamkeit hinhört, Geräusche von außen in die ­eigene Performance integriert und dabei offensichtlich großen Spaß hat. Ihre Konzerte lehren die Zuhörer das genaue Hinhören; sie ist in der Lage, die Wahrnehmungsgrenzen zwischen Klang, Musik, Stille und Aufführung zu verschieben.

 

Ein Leben für die experimentelle Musik

Limpe Fuchs hat ihr Leben mit ­experimenteller Musik verbracht. Schon in den sechziger Jahren, als Amon Düül und Konsorten in München die ersten Felder Krautrock ­bestellten, waren auch Limpe und ihr Mann, der Bildhauer Paul Fuchs, zugegen. Als Anima-Sound (später nur Anima – dann unter anderem mit weiteren Künstlern wie etwa dem Pianisten Friedrich Gulda) waren sie zwar nicht im rockigen Genre zu Hause, loteten aber in freier Improvisation ebenfalls die Möglichkeiten von Musik und Klang aus. Vielleicht ist dieses sehr freie Vorgehen, das eher an die Klangexperimente von John Cage oder etwa die Schwarzwaldfahrt von Peter Brötzman und Han Bennink erinnert, auch der Grund, warum das Trio eher selten in den einschlägigen Krautrock-Retrospektiven auftaucht, obwohl es da ebenfalls mit von der Partie war. Ein Teil von Krautrock zu sein schließt auch das Leben auf dem Bauernhof knapp 80 Kilometer außerhalb von München oder die Tour durch europäische Städte mit eigenem Trecker sowie den Kindern mit ein. Die Fernsehdokumentation »Anima-Sound: Mit 20 km/h durch Europa« hat eine dieser Tourneen festgehalten und kann nach wie vor über das Label Playloud, das so etwas wie das offizielle Archiv von Limpe Fuchs darstellt, als Stream gesehen werden – ein sehr zu empfehlendes Zeitdo­kument.

Die Konzerte von Limpe Fuchs lehren die Zuschauer das genaue Hinhören. Sie ist in der Lage, die Wahrnehmungsgrenzen zwischen Klang, Musik, Stille und Aufführung zu verschieben.

Dabei war dieser Weg mitnichten vorhersehbar. Limpe Fuchs studierte erst ganz klassisch Schulmusik (Gesang und Geige), dann noch Perkussion in München, fühlte sich aber bereits während des Studiums durch die herrschenden ästhetischen Konventionen eingeengt. Mit ihrem späteren Ehemann Paul Fuchs entstand gemeinsam eine für sie passende musikalische Sprache. Dem Gründungsmythos von Anima-Sound zufolge überzeugte Heimrad Prem, Mitbegründer der avantgardistischen Künstlergruppe SPUR, die beiden davon, gemeinsam Musik zu machen, als er unangemeldet ihren Hof besuchte und Limpe beim Musizieren und Paul beim Basteln antraf. Das gleichberechtigte Nebeneinander der unterschiedlichsten Klänge war damals ein zentraler Ansatzpunkt. Damit machte Familie Fuchs ernst. Das so aufziehende Klanggewitter in Form des ersten Albums hieß nicht von ungefähr »Stürmischer Himmel« – field­recordings eines herannahenden Unwetters und der Schafe aus dem Peterskirchener Umland ­sowie Aufnahmen der beiden Kinder kann man auf der Platte hören. Die so gefundene Arbeitsweise entwickelten sie konsequent weiter.

Mittlerweile gehen Paul und Limpe Fuchs musikalisch getrennte Wege. Mit ihrem Sohn Zoro tritt Fuchs hingegen weiterhin auf. Darüber hinaus steht sie mal solo, mal zusammen mit anderen Musikern – in diesem Jahr beispielsweise mit Evan Parker, Ignaz Schick oder Ronnie Oliveras und Ruth-Maria Adam von Datashock – auf der Bühne. Bei diesen Konzerten spielt sie nahezu ausschließlich auf ihren selbstgebauten Instrumenten. Ein zentrales Element ist dabei ein riesiges Lithophon – ein mehr als zwei Meter langes Xylophon, das anstatt aus Holzklang­stäben aus Steinen besteht. Auch die Pendelsaite spielt eine wichtige Rolle, ein Metallstab, der mit einer Klaviersaite an einer Trommel befestigt ist. Dieser schlägt, wenn man die Saite in Schwingung bringt, gegen einen am Boden liegenden Stein. Durch die Art der Aufhängung entstehen immer wieder leichte Varia­tionen in Tempo und Klang. Zusammen mit weiteren Trommeln, Steinkugeln, Muscheln oder auch einer Geige verwendet Limpe Fuchs so zahlreiche unterschiedliche Klangerzeuger, zwischen denen sie im Laufe einer Performance wechselt.

 

»String Stone Weight«: Die neue Platte

Limpe Fuchs’ Auftritte finden hierzulande häufig abseits der großen Kulturveranstaltungen statt. Ihre Arbeiten erfreuen sich noch immer großer Beliebtheit, die in den vergangenen zehn Jahren noch gewachsen ist und zu einem kleinen Comeback der Musikerin geführt hat. Seien es Wiederveröffentlichungen aus dem Katalog von Anima(-Sound), zahlreiche neue Aufnahmen oder verschiedene internationale Einladungen zu Arbeitsaufenthalten in New York, Kanada oder ins Londoner Café Oto – Limpe Fuchs ist noch immer schwer aktiv. Nun ist auf dem Mülheimer Label Ana Ott mit »String Stone Weight« eine neue Platte von ihr erschienen: die Live-Aufnahme eines ihrer Konzerte in Mülheim an der Ruhr anlässlich des jährlichen Video-, Medienkunst- und Musikfestivals Shiny Toys. Besonders auffällig ist bei dieser Aufnahme wieder der Klang zwischen den Klängen: Das Geflüster im Publikum, das Schreien ­eines Babys, der Nachklang des Raumes. Mit Bedacht bewegt sie sich in ihrem Klanginstrumentarium und konzentriert sich dabei meist auf einzelne Instrumente und Elemente. Die Stücke des Albums wie »Weight on String« oder »Bowing« reflektieren diesen Fokus. So gibt sie nicht nur den einzelnen Klängen viel Raum, sondern räumt auch der Stille einen Platz ein. Ihre Sounds klingen langsam aus oder verschwinden, ohne dass man es im ersten Moment bemerkt.

Limpe Fuchs nimmt sich und die Klänge ernst. Aber nicht als verklemmte Besserwisserin, die die E- gegen die U-Musik verteidigen muss, sondern indem sie mit Witz auf die Klänge achtet, wie etwa bei der nahezu absurd kurzen Zugabe, die mit ­einer kurzen Vokalimitation den darauf folgenden Klang vorwegnimmt und nur knapp eine Minute in Anspruch nimmt. Friedrich Schiller folgend, den sie im Katalog zu ihrer Ausstellung »Trampelpfad/nomainroad«, die im September stattfand, zitiert: »Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Dem Katalog zur Ausstellung liegt ebenfalls eine CD mit zahlreichen unveröffentlichten, sowohl solo als auch in Kollaboration mit anderen Musikern entstandenen Aufnahmen bei. Der Katalog wie auch die CD sind ebenfalls im Limpe Fuchs Archiv bei Playloud erhältlich. Ob das Ergebnis sich nun unter dem Begriff Musik einordnen lässt, Geräusch ist oder Stille, spielt vielleicht gar keine so große Rolle.

Limpe Fuchs: String Stone Weight (Ana Ott)