Was Hippies und Hacker gemeinsam haben

Im Netz der Hackerhippies

Wie die Blumenkinder Computer, Internet, Freiheit und Überwachung brachten.
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Wie so oft sind es ikonische Bilder, die für ihre Zeit stehen. Für die sogenannten Achtundsechziger waren es die ersten Fotos von der Erde, die die Nasa aus dem Weltraum aufgenommen hatte. Sie verkörpern die ökologische Zerbrechlichkeit des Planeten, die Erkenntnis, dass sich alle Menschen diesen einen Planeten teilen. Das gilt auch für die Technologie, die diese Fotos überhaupt erst möglich gemacht hatte. Dass Hippies und Hacker zwei Seiten desselben kulturellen Phänomens sind, ließen diese Fotos von Anfang erahnen.

Das mag einige überraschen, werden doch mit Achtundsechzigern und Hippies vor allem Drogen, psychedelische Musik und ein starker Hang zur Natürlichkeit verbunden. Das Klischee vom Hacker als verkopftem und technikaffinem Nerd will dazu nicht passen. Während die politisch engagierten Achtundsechziger in den USA dazu tendierten, die Revolution zu planen, um eine neue Gesellschaft zu errichten, hatten die eher kulturell orientierten Blumenkinder andere Dinge im Sinn. Angetrieben von bewusstseinserweiternden Erfahrungen mit Drogen wie LSD ging es ihnen vor allem um individuelle Selbstverwirklichung.

Hippies und ihre Kommunen waren meist libertäre Projekte. Als Ideal galt maximale individuelle Freiheit, vom Staat wollte man in Ruhe gelassen werden. Das war verständlich nach der kulturellen Enge der fünfziger Jahre. Der Staat wurde 1968 in den USA vor allem mit atomarer Aufrüstung, Umweltverschmutzung und dem Vietnam-Krieg verbunden. Um Staatsferne zu verwirklichen, mussten die Hippiekommunen vor allem autark sein. Es stand hoch im Kurs, möglichst viele Dinge selbst zu machen, wobei alle Zugang zu Bildung und Werkzeugen bekommen sollten. Es wurde genäht, gebatikt, getöpfert und geschmiedet, was das Zeug hielt.

Der LSD-Trip wurde irgendwann durch Virtual-Reality-Brillen ersetzt, die ihre Benutzer in eine andere, virtuelle Realität versetzen sollten und mittlerweile, 20 Jahre nach ihrer Erfindung, sogar schon relativ gut funktionieren.

Hackern wiederum geht es darum, ein Gerät zu verstehen, es auseinanderzunehmen, es zu erforschen, herauszubekommen, was sich alles damit anstellen lässt, und dieses Wissen innerhalb ihrer Communities weiterzugeben. Im Grunde waren die Hippies in Kalifornien die ersten Hacker. Es waren nur keine Computer, die sie hackten, sondern alltägliche Werkzeuge. Für ihren Wissensaustausch hatten die verschiedenen Gruppen ein Zentralorgan, den Whole Earth Catalog. Dieser war eine Art Versandhauskatalog, in dem sich Werkzeuge und Hilfsmittel aller Art bestellen ließen, die für das Leben in Hippiekommunen interessant und hilfreich waren. Allerdings war der Katalog nicht rein kommerziell. Es gab Kriterien dafür, welche Produkte aufgenommen wurden: alles, was als Werkzeug nützlich oder für die Bildung relevant und noch nicht allgemein bekannt war und mit der Post verschickt werden konnte. Die Waren wurden nicht einfach nur gelistet, sondern eingehend beschrieben. Ein nettes Detail am Rande war ein bunt gestreifter Ball, der oft als Größenvergleich zusammen mit den angebotenen Gegenständen abgebildet wurde. Er war das Vorbild für das rotierende bunte Bällchen, das Mac-Benutzer sehen, wenn ihr Rechner gerade ausgelastet ist. Der Apple-Gründer Steve Jobs bezeichnete den Katalog einmal als »das Google der Hippie-Bewegung«, weil man alles Mögliche darin finden konnte.

Der Whole Earth Catalog enthielt auch Buchrezensionen und gegenkulturelle Aufsätze. Gelesen wurde er von Hippies, Ökologiebewegten und den ersten Hackern. So vernetzte der Katalog die sich überschneidenden Szenen und verstreuten Communities miteinander. Die letzte Ausgabe erschien 2003, einige Jahre nachdem das Internet den Katalog überflüssig gemacht hatte, weil dieses Wissen im Netz stand und via Google leicht gefunden werden konnte.

 

Die Hippiekultur und die Garagen der Silicon Valley

Während die Hippiekultur schon nach wenigen Jahren wieder von der Bildfläche verschwand, leben einige ihrer Ideale und Vorstellungen im entstehenden Silicon Valley weiter. Ende der Siebziger waren es hippieske Garagenfirmen wie Apple und Microsoft, die die damals großen IT-Konzerne wie IBM erfolgreich herausforderten. Dieses Mal sollte es die Technologie sein, die die Bewusstseinserweiterung möglich macht. Der Computer sollte als Maschine zur Erweiterung des Denkens dienen. Stewart Brand, der Herausgeber des Whole Earth Catalog, war es, der den Begriff »Personal Computer« (PC) erfand, für Rechner, die von gewöhnlichen Menschen zu Hause benutzt werden konnten – im Gegensatz zu den damals gängigen Großrechnern, die noch Schränke oder ganze Etagen füllten und über Lochkarten bedient wurden.

Die Ideen dieser Pionierphase haben weiterhin international Bestand, etwa in der Hacker-Ethik des 1981 gegründeten Chaos Computer Clubs (CCC). Ging es dem Whole Earth Catalog darum, Zugang zu Werkzeug und Bildung aller Art bereitzustellen, heißt es heute noch in den Grundsätzen des CCC: »Der Zugang zu Computern und allem, was einem zeigen kann, wie diese Welt funktioniert, sollte unbegrenzt und vollständig sein.«

Aber Computer sollten nicht nur von allen benutzt werden können, sondern auch untereinander verbunden sein. Dahinter steht die Idee einer vernetzten Welt, in der alle mit allen kommunizieren können. Manche sahen darin schon das Erwachen eines Weltbewusstseins und eine neue Phase der Menschheitsentwicklung, ähnlich derjenigen, die die New-Age-Esoteriker als »Zeitalter des Wassermanns« herbeisehnten. Der LSD-Trip wurde irgendwann durch Virtual-Reality-Brillen ersetzt, die ihre Benutzer in eine andere, virtuelle Realität versetzen sollten und mittlerweile, 20 Jahre nach ihrer Erfindung, sogar schon relativ gut funktionieren. Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter sollten die weltweite individuelle Vernetzung noch einmal stark vertiefen. Selbst neue Entwicklungen wie das unkontrollierte Darknet oder die Kryptowährung Bitcoin gehen auf das Anliegen der Hippies zurück, sich alles selbst zu bauen und fernab von staatlicher Kontrolle Strukturen zu schaffen.

Sogar aktuelle Entwicklungen wie der Transhumanismus nahmen in dieser Zeit ihren Anfang. Schon damals war man vor allem in Kalifornien der Ansicht, der Mensch schöpfe bei Weitem nicht sein Potential aus, und ersann Methoden, das zu ändern. Während es dem »Human Potential Movement« der sechziger Jahre darum ging, den Menschen mit Hilfe von Drogen und Psychologie zu verbessern, versuchen Transhumanisten dies heutzutage eher auf technologischem Weg. Dass beide Strömungen, »Human Potential Movement« und Transhumanismus, ihren Mittelpunkt im Silicon Valley haben, ist kein Zufall.

Doch die staatliche Regulierung und die kapitalistische Verwertung machten selbstverständlich auch vor diesen neuen Technologien und Arbeitsweisen nicht halt. Tim Wu hat in seinem Buch »Der Master Switch: Aufstieg und Niedergang der Informationsimperien« beschrieben, wie neue Medien zunächst unkontrolliert und graswurzelartig wachsen, bis der Staat und neu entstandene Unternehmen sie in geordnete Bahnen lenken. War es zu Beginn der Verbreitung der Radiotechnik noch üblich, dass in den USA hinter jedem Heuhaufen Hobbyradiomacher ihre Programme sendeten, sind Sendelizenzen inzwischen seit Jahrzehnten streng reguliert. Verlegten Dörfer einst kurzerhand selbst Telefonkabel, dank derer dann zwar nur lokal und in einer Art Konferenzschaltung, dafür aber kostenlos telefoniert werden konnte, stehen die Telefonnetze heutzutage vollständig unter Kontrolle der Telefongesellschaften. Auch das Internet ist auf dem besten Weg, künftig von Google, Facebook und ähnlichen Konzernen sowie von staatlichen Behörden kontrolliert zu werden. Zwar kann zurzeit noch jede und jeder nach Belieben eigene Websites ins Netz stellen. Dass jedoch in den USA in der vergangenen Woche die Netzneutralität abgeschafft wurde, dürfte dazu führen, dass künftig zahlen muss, wer im Internet wahrgenommen werden will.