Frauenfußball in der DDR

Unweibliche Treterei

Die Veränderungen des Jahres 1968 machten auch zuvor Undenkbares möglich: Frauen durften plötzlich Fußball spielen.
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Wladimir Zwetkow wusste, dass er irgendwie Aufmerksamkeit für diese Partie erregen musste. Das erste offizielle Frauenfußballspiel der DDR sollte nicht vor leeren Rängen stattfinden. Zwetkow, ein Gaststudent aus Bulgarien, hatte mit Leuten gesprochen, die seine Idee für einen Scherz gehalten hatten. Und solchen, die fanden, die weiblichen Brüste seien beim Fußballspielen furchtbar im Weg. Er hatte mit misstrauischen SED-Parteifunktionären verhandelt und mit Karl-Eduard von Schnitzler, dem Moderator des »Schwarzen Kanals«.

Im August 1969 sollte die Premiere endlich stattfinden: die BSG Empor Dresden-Mitte gegen Empor Possendorf. Aber wer würde sich das anschauen?

Also griff Zwetkow zu ungewöhnlichen Mitteln. Während eines Heimspiels von Union Berlin kletterte der Student unbekümmert in den Sprecherturm, wo Sportreporter Heinz-Florian Oertel saß. Er überredete Oertel und den Stadionsprecher, und deshalb, weil er offenbar gut über­reden konnte, gab es während der Halbzeitpause Werbung für ein Frauen­fußballspiel. Rund 1 600 Zuschauer kamen schließlich am 4. August 1969 zur Partie. Frauenfußball gespielt wurde allerdings schon vorher.

Selbstverständlich war es kein Zufall, dass das Gründungsjahr des wegweisenden Vereins BSG Empor Dresden-Mitte 1968 war. In diesem Jahr begann überall sich in Europa ein bizarrer Bann zu lösen. Er hatte über Jahrzehnte gehalten; hinterfragt wurde er kaum. Die Vorstellung, dass die populärste Sportart für die Hälfte der Bevölkerung ungeeignet wäre, entsprang den gesellschaftlichen Verhältnissen.

Über Jahrzehnte übte sich die Presse in Nichtbeachtung. Doch auch der mediale Umgang änderte sich: Immer häufiger erschienen ermutigende Geschichten darüber, wie toll es sei, dass Frauen Fußball spielen, und dass sich die spielerische Qualität erhöht habe.

 

»Der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd

Ab 1955 war Frauenfußball in der Bundesrepublik offiziell verboten. Berühmt sind heutzutage die Paragraphen des DFB, die festhielten, dass Fußball »der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd« sei und »Körper und Seele unweigerlich Schaden« erlitten. Aber es ist ein billiger Spaß, sich über den Verband zu amüsieren. Denn was der DFB damals formulierte, spiegelte die Mehrheitsmeinung der Gesellschaft wider. Quer durch Europa hatten alte Herren mit ähnlichen Argumenten Frauenfußball verboten. Und die meisten Frauen teilten mit Überzeugung diese Auffassung. Erst Ende der Sechziger kamen Zweifel an dem auf, was etwa der niederländische Philosoph Fred J. J. Buytendijk 1953 zu Fußball gesagt hatte: »Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen. Das Treten ist wohl spezifisch männlich.« Mit dem Zusatz: »Ob darum das Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt.«

Heutzutage werden diese bizarren Aussagen häufig zitiert; das Inter­esse an der Geschichte der Sportart aber hält sich in engen Grenzen. ­Dabei verlief sie wild und keineswegs linear: In den Anfangszeiten wurde Fußball durchaus auch an Mädchenschulen gespielt. Später galt das ­Kicken zwar als unschicklich, fand aber trotzdem statt. In England ­zogen Frauenfußballspiele während des Ersten Weltkriegs sogar Zehn­tausende Zuschauer an. Erst als die Männer aus dem Krieg zurückkehrten, ebbte das Interesse ab und der englische Verband sprach ein faktisches Verbot aus. Das erste bekannte deutsche Frauenteam aus Frankfurt, das sich 1930 gründete, fand keine Gegner und traf auf so viel Ignoranz, dass es aufgeben musste. Die meisten Frauen verknüpften Fußball nicht unbedingt mit ihrem Selbstbild. Tot aber war der Frauenfußball sogar trotz der Verbote nie. In Westdeutschland gab es ab 1956 inoffi­zielle Länderspiele, 1957 in Berlin sogar eine inoffizielle EM.

Um das Jahr 1968 machten aufgeregte Meldungen überall in Europa die Runde. In Österreich wurde im Frühjahr 1968 ein Mädchen entdeckt, das heimlich in einer Jungenpartie mitspielte. Der Fall schaffte es landesweit in die Zeitungen. In Westdeutschland gründeten sich in Vereinen Frauenmannschaften. In Frankreich fanden erste Frauenspiele im Oktober 1968 so viel neugieriges Publikum, dass ein männlicher Spieler frustriert befürchtete: »Mit der Oberweite der Amazonen können wir eben nicht aufwarten.«

Viele Fußballspieler begegneten dem Frauensport mit einer Mischung aus ­Konkurrenzangst und Geringschätzung. Man darf sich das damalige ­Interesse am Frauenfußball kaum als sportliches Interesse vorstellen. Die Spiele Ende der sechziger Jahre funktionierten wie eine Art Zirkusveranstaltung. Männer besuchten sie mehrheitlich, um sich zu belustigen, in der Tradition vielleicht der Kuriositätenausstellungen der zwanziger Jahre. Damals hatte man Kleinwüchsige und Schwarze begafft, in den Sechzigern waren es Fußball spielende Frauen. Andere Kritiker fürchteten keine sportliche Konkurrenz, sondern einen Siegeszug des Klamauks im so ernsten Fußball.

 

Pinke Tore, Schönheitswettbewerbe und Rodeo

Stellvertretend für diese Haltung steht vielleicht der Kommentar des damals sehr bekannten österreichischen Sportjournalisten Leo Lohberger von 1970: »Eine Dame ist keine solche, wenn sie das ausübt. Für das ist sie körperlich nicht geschaffen worden. Und der ÖFB wird gut daran tun, so schnell wie möglich das Kind gleich mit dem Bade auszuschütten. Die Frauen und ihre Manager dorthin zurückzuschicken, woher sie gekommen waren und auch hingehören: in das Milieu des Zirkus, der Schausteller, der Gaukler. Wir wollen Mädchen, Frauen auf dem Fußballplatz sehen. Die Liebe zum Freund, zum Bräutigam, zum Ehemann und vielleicht die Liebe zum Fußball soll sie hinführen.« Immerhin: Liebe zum Fußball wird als Möglichkeit zugestanden. Die Pionierinnen des Fußballs fügten sich durchaus den Erwartungen: Bei einem der ersten Weltturniere, in Mexiko 1971, gab es pinke Tore, Schönheitswettbewerbe und Rodeo. Es war ein riesiger Publikumserfolg.

Aber die sportliche Entwicklung kam genauso schnell wie der Ernst. 1969 gründet sich die Confederation of Independent European Female Football als Konkurrenz zur Union of European Football Associations (Uefa). Diese geriet daraufhin leicht in Panik. 1971 empfahl sie, die Ver­bote für Frauenfußball aufzuheben, und beeilte sich, die Frauen zu in­tegrieren. Der DFB hatte sein Verbot schon 1970 kippen müssen. In Westdeutschland wuchs die Zahl der Spielerinnen rasant: 1971 gab es etwa 70 000, zwei Jahre später schon zweimal so viele. Auch in der DDR gründeten sich Mannschaften, aber der Sport blieb reiner Freizeitsport. Eine richtige Meisterschaft erlaubte der Ostverband erst im Jahr der Wiedervereinigung.

Frauenfußball wurde mit der Zeit zwar ernsthafter betrieben, erschien dem Publikum und den Medien dadurch jedoch weniger spannend und exotisch. Das Interesse verlor sich. Über Jahrzehnte übte sich die Presse in Nichtbeachtung. Doch auch der mediale Umgang änderte sich: Immer häufiger erschienen ermutigende Geschichten darüber, wie toll es sei, dass Frauen Fußball spielen, und dass sich die spielerische Qualität erhöht habe.

In Deutschland schwand die Ignoranz erst allmählich mit der WM 2011. Damals war auch Zwetkow zu Gast. Der inzwischen 72jährige war von der Thüringischen Allgemeinen und dem MDR aufgespürt worden und erhielt sehr verspätet Wertschätzung für seinen Einsatz. »Es wäre ­natürlich schön, wenn die Pionierarbeit in der DDR heute irgendwie gewürdigt werden würde«, sagte er der Thüringischen Allgemeinen damals. »Nicht meinetwegen, sondern auch wegen der Frauen und Mädchen, die damals mit dabei waren.« Er wirkte trotz der Aufmerksamkeit enttäuscht. Kein Wunder: Der DFB hatte ihm für die Frauenfußball-WM in Deutschland 2011 weder eine Einladung noch eine Eintrittskarte zukommen lassen.