Die Berlinale. Ein Überblick

Sinkende Boote

Junge Afrikaner fliehen übers Mittelmeer, in Teheran und in den USA langweilen sich die »rich kids«: Auf der Berlinale verläuft die Grenze zwischen Arm und Reich.

Sagt ein Filmkritiker zum anderen bei den Pressevorführungen des Berlinale-Sonderprogramms »1968 – Rote Fahnen für alle«: »Du auch hier?« Antwort: »Ja, ich wollte mir zur Abwechslung mal schlechte alte Filme ansehen.«

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Ganz so schlimm kam es dann nicht, denn das Kurzfilmprogramm zu 1968 erweist sich als erfrischend sperrig und fängt die wirre Stimmung des Umbruchs prima ein. Sehenswert ist beispielsweise der von Marquard Bohm und Helmut Herbst inszenierte Film »Na und?« aus dem Jahre 1966. Der von Bohm verkörperte, kettenrauchende junge Mann, der noch bei seinen Eltern wohnt, hat keine Lust zu arbeiten und sich der muffig-biederen Nachkriegsgesellschaft anzupassen.

Dass auch die jungen Leute von heute glücklicherweise noch gewisse Anpassungsschwierigkeiten haben, zeigt Philipp Eichholtz in seinem Film »Rückenwind von vorn«. Das gekonnt konstruierte Drama eröffnet die Sektion »Perspektive Deutsches Kino«, die zeigt, was der deutsche Filmnachwuchs so treibt. In Eichholtz’ größtenteils improvisiertem Langfilm fragt sich eine frisch gebackene Grundschullehrerin, ob sie tatsächlich als Nächstes ein nerviges Kind mit ihrem langwei­ligen Hipster-Freund möchte. Vorsorglich nimmt sie auf jeden Fall schon mal heimlich die Pille.

Wesentlich offensiver agiert die Protagonistin des iranischen Dramas »Dressage« von Pooya Badkoobeh, das in der Sektion »Generation« präsentiert wird. Der Programmblock ist seit 1978 fester Bestandteil der Berlinale und präsentiert ungewöhnliche Filme für Kinder und Jugendliche, die leider nur äußerst selten in die Kinos kommen.

In »Dressage« geht es um die korrupte Oberschicht im Iran. Die junge Golsa und ihre wohlsituierten Freunde rauben gemeinsam einen Kiosk aus, wobei sie einen afghanischen Angestellten niederschlagen. Beim Teilen der Beute fällt den rich kids auf, dass sie die Aufzeichnungen aus der Überwachungskamera vergessen haben. Golsas Komplizen zwingen sie mehr oder weniger dazu, noch einmal an den Tatort zurückzukehren und das Band zu holen. Die misstrauisch gewordene Golsa besorgt die Aufzeichnung zwar, versteckt den Datenträger aber, statt ihn ihren Freunden auszuhändigen. Diese versuchen daraufhin, Golsa zu erpressen, die mit bewundernswerter Sturheit auf das Intrigenspiel reagiert.

Eine nicht minder korrupte Gesellschaft porträtiert die US-amerika­nische Fotografin und Filmemacherin Lauren Greenfield in dem Dokumentarfilm »Generation Wealth«. Der Film läuft als eine von knapp 50 qualitativ sehr unterschiedlichen Arbeiten innerhalb der dreigeteilten Sektion »Panorama«, die nach dem Abschied des langjährigen Programmgestalters Wieland Speck erstmalig unter der Leitung der spanischen Kuratorin Paz Lázaro zusammengestellt wurde. Schon seit 25 Jahren ­dokumentiert Greenfield die erschreckenden Auswirkungen von Gier, Körperkult und Exzess in sensationellen Fotos und Filmen. In »Generation Wealth« untersucht sie zudem selbstkritisch, wie es um ihre eigenen Obsessionen bestellt ist. So befragt Greenfield nicht nur nimmersatte Materialisten und hedonistische Turbokapitalisten, die sie vor einem Vierteljahrhundert in ikonischen Fotografien verewigt hat, sondern auch ihre eigene Familie, die unter ihrer besessenen Jagd nach Bildern zu leiden hatte. Den US-amerikanischen Journalisten Chris Hedges erinnert die weltumspannende Sucht nach dem ewigen »Mehr« und größerem Reichtum gar an das Römische Reich kurz vor dem Untergang.

In schärfstem Kontrast dazu steht der Eröffnungsfilm in der Sektionsreihe »Panorama Special«. Mit »Styx« ist Wolfgang Fischer ein packend ­gefilmtes, aufrüttelndes Flüchtlingsdrama gelungen. ­Susanne Wolff verkörpert ­darin eine Notärztin, die allein auf einem Segelschiff im Süd­atlantik ­herumschippert, um die von Darwin zu einem Garten Eden umgestaltete Insel Ascension zu besuchen. Doch die paradiesische Insel soll sie nie erreichen. Statt­dessen trifft sie auf ein hoffnungslos überladenes, sinkendes Flüchtlingsboot. Weder die angefunkte Küstenwache noch der um seinen Arbeitsplatz besorgte Kapitän eines Supertankers wollen helfen. Heimatministerium statt Humanität scheint die Devise unserer Zeit zu sein. Doch die Ärztin auf ihrem viel zu kleinem Boot ist an ihren hippokratischen Eid ­gebunden. ­Paradise completely lost? Dirk von Lowtzow liefert aus der Unendlichkeit die Musik dazu.

Die Migrationsthematik zieht sich durch alle Sektionen. So hinterfragt Markus Imhoof in seiner Dokumentation »Eldorado« beispielsweise das System der organisierten Flüchtlingshilfe; Christian Petzold ließ sich für seinen Wettbewerbsbeitrag von dem Roman »Transit« von Anna Seghers inspirieren und verlegt ihn in die Gegenwart, während in »Zentralflughafen THF« (Panorama) der Flüchtlings­alltag in dem unwirtlichen Hangar des ehemaligen Flughafens in Berlin-Tempelhof dokumentiert wird.

Was würde ich tun? – Das fragt man sich auch bei dem in der gleichen Sektion eröffnenden Film »Shock Waves – Diary of My Mind« von Ursula Meier. Der aufwühlende Film ist Teil einer vierteiligen Reihe über reale Kriminalfälle aus der Schweiz. In Meiers Film erschießt ein Schüler scheinbar anlasslos seine Eltern. Auf An­regung seiner Lehrerin Esther, die hinreißend von Fanny Ardant verkörpert wird, hatte er die Tage vor dem Doppelmord minutiös in Tagebucheinträgen festgehalten. Diese schickt er nach seiner schrecklichen Tat postwendend an Esther, die nicht nur die Polizei am Hals hat, sondern sich auch die Frage stellen muss, ob und inwieweit sie dieser verwirrten Seele beistehen will.

Sehenswert in der Sektion »Panorama« ist auch Philipp Jedickes filmisches Porträt »Shut Up and Play the Piano« über den preisgekrönten Komponisten, schrägen Klaviervirtuosen und Entertainer Jason »Chilly Gonzales« Beck. Ein filmischer Trip durch den Kosmos eines äußerst sympathischen und durchaus auch selbstkritischen Größenwahnsin­nigen.

Während man in der Sektion »Berlinale Special Gala« dem netten Superstar Ed Sheeran beim Produzieren seines jüngsten Albums »Divide« zuschauen darf, kann man sich in einem anderen Kino womöglich mit dem norwegischen Film »Utøya 22. Juli« auseinandersetzen, der in letzter Minute noch in den Wett­bewerb aufgenommen wurde. Das Drama von Erik Poppe schildert das Blutbad auf der gleichnamigen Insel, das der Rechts­extreme Anders Breivik in einem Sommercamp der sozialdemokra­tischen Jugend anrichtete – aus der Opferperspektive.

17 Sektionen, die jeweils noch in Unterkategorien eingeteilt sind, ­bietet das überbordende Publikumsfestival, das mittlerweile auch ge­übte Festivalbesucher mit seiner Unübersichtlichkeit zu überfordern scheint.

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