Der Soziologe Heinz Bude im Gespräch über die Gegenwart einer Revolte, die vor einem halben Jahrhundert die Welt erschütterte

»1968 war eine globale Explosion der politischen Leidenschaften«

Der Soziologe Heinz Bude erklärt im Gespräch, warum seine Generation im Radio Adorno hörte, den Wunsch nach Grenzüberschreitung hegte und die Konservativen zwang, sich zu entscheiden.
Interview Von

Achtundsechzig ist ein globales Ereignis gewesen, das man mit ­Orten wie Berkeley, Frankfurt, West-Berlin, Prag, Belgrad und Tokio verbindet. Oder auch mit der Kommune von Shanghai 1967, deren Name auf die Pariser ­Kommune zurückgeht und auf die sich wiederum die Pariser Kulturrevolutionäre von 1968 be­riefen. Wie konnte es zu einem solchen politischen Aufbruch kommen?
Es war eine globale Explosion der politischen Leidenschaften. Und das in einer Situation, in der die meisten reflektierten Menschen der Ansicht waren, dass man nach dem Zweiten Weltkrieg und den Völkermorden von den politischen Leidenschaften ­zunächst Abstand nehmen müsse. So plädierte Seymour Martin Lipset in seinem Buch »Political Man« von 1960 für eine Desaffektion des Poli­tischen als das Vernünftige der modernen Gesellschaften. Geprägt ­waren solche Ansichten von der totalitären Erfahrung. Nun passiert aber etwas sehr Überraschendes: Es meldeten sich bei den jungen Menschen die politischen Leidenschaften und zwar überall auf der Welt. Man muss sich klarmachen: In allen Nachkriegsgesellschaften wurde auf eine junge Generation gewartet. Es handelte sich dabei um die relativ geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1938 und 1948. Von diesen Jahrgängen wurden Neuerungen erwartet, auch weil sie nicht mehr zu den Akteuren der teuren Triumphe und der furchtbaren Niederlagen des Zweiten Weltkrieges gehörten. Man war bereit, Neuerungen zu akzeptieren. Das bildete die soziale, emotionale und ­politische Gelegenheitsstruktur für die Ereignisse der sechziger Jahre. Die ist dann von einer jungen und energischen Generation in einer Weise genutzt worden, die selbst das erwartungsvolle Publikum aus der Fassung brachte, obwohl man deren Auftritt zunächst interessiert zur Kenntnis genommen hat. Die Ablehnung war nicht so stark, wie man heute vermuten würde. Die Achtundsechziger waren eine erwartete ­Generation, die einen neuen Sound bringen sollte. Aber was zu hören war, wollte man dann doch lieber nicht hören. Den Antitotalitären war besonders suspekt, dass die Achtundsechziger im Grunde an versäumte Augenblicke der Vorkriegszeit, in Deutschland an die der ­Weimarer Republik, anknüpften; ’68 erschien als Reenactment einer vergangenen Entscheidungssituation.

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In Ihrem Buch »Adorno für Ruinenkinder« sehen Sie ’68 vor allem als einen Widerhall von 1945. Die Generation hatte den Zweiten Weltkrieg noch erlebt, war durch diesen oder die unmittelbare Nachkriegszeit sehr geprägt.
Zum Lebensfond der Achtundsechziger gehört die frühe Erfahrung der Geltungslosigkeit aller Autoritäten. Was hatten die Lehrer mit dem Nazigepäck, die Politiker mit ihrem Versagen in der Weimarer Republik, die Tanten und Onkel mit ihren Endlosgeschichten vom Krieg zu sagen? Nichts! Junge Menschen hatten plötzlich keine Schwierigkeit, nein zu ­sagen. Es gab die Bereitschaft, alles in Frage zu stellen. Das wiederum kann man nur erklären aus dem von der Generation geteilten Gefühl, dass es sich bei der Nachkriegsgesellschaft um ein System leerer Behauptungen handele.

 

»Die Achtundsechziger waren eine erwartete Generation, die einen neuen Sound bringen sollte. Aber was zu hören war, wollte man dann doch lieber nicht hören.«

 

Ist das jenes Unbehagen, von dem Adorno angesichts der »wiederaufgebauten Kultur« sprach? Die Erfahrung der Zerstörung, der Anblick der Ruinen und die anschließende Scheinhaftigkeit, die der glatten Oberfläche der Welt des Wiederaufbaus innewohnte?
Das ist eine der prägenden Erfahrungen dieser Generation. Dazu kommt in den fünfziger Jahren noch ein Kontrollloch, wenn man es sozialisationstheoretisch fassen möchte. Jugend­liche, die alleine gelassen wurden und auch allein gelassen werden wollten. Von Rolf Dieter Brinkmann stammt die Formulierung, dass man sich in der Grube befinde. Von da aus erschien die Wiederaufbauwelt als eine Scheinwelt. Und diese Welt konnte nur mit ontologischer Vehemenz in Frage gestellt werden – und zwar als ganze.

Zur Vorgeschichte der Achtundsechziger gehören also die so­genannten Halbstarken der fünfziger Jahre: »Rebel Without a Cause« und ähnliche Filme haben dieses Lebensgefühl festgehalten.
Die Halbstarken waren die jungen, proletarischen Achtundsechziger. Die hatten schon früher ein Gespür für die gesellschaftliche Situation. Es gab in der damaligen Jugendsoziologie eine irritierte Debatte darüber, dass der sogenannte Jungarbeiter nicht mehr so einfach bereit war, sein Schicksal zu akzeptieren und zu sagen, man lebt, um zu arbeiten. Die Halbstarken drehten die Sache um: Sie wollten arbeiten, um zu ­leben. Bestürzt fragten sich die gesellschaftlichen Autoritäten, wofür ­diese jungen Proletarier denn plötzlich leben wollten? Und die Antwort war: Für Sex, Drugs, Rock 'n' Roll.

Die Vorstellung des Rock ’n’ Roll-Lebens war auch geprägt vom Krieg. Die Motorradclubs mit ihrem männerbündischen Habitus waren gespeist aus der Erfahrung des Kampfes und der Unmöglichkeit, sich wieder in ein befriedetes bürgerliches Leben zu integrieren. Und auch Rockmusik, so urteilte Friedrich Kittler, sei im Grunde Missbrauch von Heeresgerät gewesen. Die Erfahrung des Krieges fließt in die Populärkultur der Nachkriegsgesellschaften ein.
Ich habe auch über die Flakhelfer­generation geforscht, das sind die um 1928 Geborenen. Aus dieser Genera­tion kommt die Idee der neuen Musik, eine Welt von Tönen im Geräusch. Karlheinz Stockhausen, der zu dieser Flakhelfergeneration gehört, sagte mir seinerzeit in einem Gespräch, dass er Töne gehört habe, die man sich nicht vorstellen könne. Diese Töne waren die Geräusche der Flakgeschütze. Die Flakhelfer-Generation konnte die Geräusche in Musik verwandeln. Für die Achtundsechziger ist der Rock ein Geräusch der Direktheit, das den Körper trifft. Diedrich Diederichsen hat das präzise erfasst. Mutterseelenallein sitzen die Her­anwachsender der später fünfziger und frühen sechziger Jahre vor dem Radio und hören auf AFN unglaubliche Stimmen, die sie als ihre eigenen Stimmen erkennen.

 

Apollo 6, 1968

Auch das passierte 1968: Die Rakete Apollo 6 macht sich auf den Weg in den Weltraum