Der Kleingarten als Heimat

Ein Zuhause der inneren Art

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 35

KRNein, mein Garten ist kein Hobby. Überhaupt, weder habe ich zurzeit Hobbys noch hatte ich je welche. Ich habe ein Leben, das ich optimaler­weise nach eigenem Gutdünken gestalte, indem ich mich in möglichst vielen Lebensbereichen als Chef aufführe. Man kann das auch Autonomie nennen. Die Arbeit eines Kleingärtners mit dem Laberbegriff »Hobby« zu belegen, ist eine Beleidigung unserer Zunft und zugleich eine Bagatellisierung unserer so eminent wichtigen Arbeit, mit der wir Kleingärtner immerhin die Gesellschaft zusammenhalten. Menschen, die Hobbys haben, sind mir suspekt. Das klingt wie »nicht ernst gemeint« und nach Hippiegelaber. Entweder man ist oder man ist nicht. Das Leben sollte nicht als Hobby veralbert, sondern ernster genommen werden.

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Wie viel Heimatgedöns und sonstige wärmende Gefühle stecken eigentlich im Gemüsegarten? Ist die Beschreibung der Kleingärtnerei für das derzeitige Heimatgebrabbel etwa anschlussfähig? Man müsste sich mal darüber unterhalten. Als Kleingärtner lege ich Wert auf Sauberkeit und Ordnung. Ohne geht es nicht.

Nirgendwo im Leben. Das meine ich jedenfalls, wenn ich von einer paradiesischen Landschaft am gärtnerischen Horizont träume, von einem picobello gepflegten und geordneten Garten, also Heimat par excellence sozusagen.

Je mehr diese heimatgetränkte Vorstellung in meinem Kopf ­herumwabert, umso leichter fällt mir die gärtnerische Plackerei im Frühjahr. Ich freue mich dann geradezu darauf, stundenlang im Garten arbeiten zu dürfen – und nicht zu müssen. Ich habe schließlich als linker Kleingärtner ein lohnendes Ziel: ein aufgeräumter, quadratischer und herrlich blühender Garten, der die Menschheit mit Essbarem versorgt. Unter der Menschheit als fester Bezugsgröße macht es unsereiner nicht. Früher war es die klassenlose Gesellschaft, für die man allerhand lebensraubende Plackerei auf sich nahm. Für andere ist es heutzutage eine schicke Wohnung oder das Eigenheim oder ein hypersensibler Benziner oder der nächste faire Urlaub mit fairen Flugpreisen und natürlich voll CO2-neutral. Manchmal auch die mit grimmigem Blick vollzogene Politik mit dem Einkaufskorb, in dem sich nur regionales Gemüse finden darf. An irgendwas muss schließlich die Welt genesen.

Offensichtlich bleibe ich mit all meinen Kleingärtnerphantasien anschlussfähig an das Heimatgegurke. Das ist genau das richtige Stichwort: Gegurke. Gurken pflanze ich wieder an. Mal sind sie gerade, mal dünn, mal dick, mal krumm. Sie pfeifen auf jedwede ­EU-Norm. Egal, wichtig ist, was bei der Ernte in Sachen Geschmack und Menge herauskommt. Und wenn ich ehrlich bin: Ein bisschen Heimat ist ein Gemüsegarten schon. Wenn es mir gelingt, mich bildhaft in die am Horizont durchschimmernde geordnete Gartenlandschaft hineinzusteigern, dann durchflutet mich ein wohliges Gefühl von Nestwärme. Also genau das, was Bob Dylan in seinem großartigen Song »Shelter from the Storm« besingt, auch wenn er ihn seit Jahrzehnten nur ins Mikrophon nuschelt. Man stelle sich mal vor, wie viel Schimpf und Schande er ausgesetzt wäre, hätte er den Song auf Deutsch geschrieben. Der gemeine linke Heimat­kritiker würde heftig mit Dylan ins Gericht gehen. Glück gehabt, Dylan lässt uns mit deutscher Heimattümelei allein, schreibt auf Englisch und ich habe in meinem Gemüsegarten ein Zuhause der inneren Art, womit ich dann den bösen Begriff »Heimat« vermieden hätte. Ich denke, darauf können wir uns einigen; wir Kleingärtner gemeinsam mit unserem Publikum.

Eigentlich bin ich in jedem Frühjahr hochmotiviert, den Garten auf Vordermann zu bringen und mit der Aussaat zu beginnen. Aber wie immer im Leben eines Kleingärtners bremst das Wetter einen aus. War es vorletzte Woche noch zu kalt – was man bei minus neun Grad mit Fug und Recht sagen kann –, so ist es derzeit mal wieder zu nass. Das Verhältnis zwischen dem Wetter und dem Kleingärtner ist bekanntlich recht spannungsgeladen. Fast nie ist unsereiner mit dem Wetter zufrieden. Aber wenn er diese Unzufriedenheit äußert, wird ihm dies leicht als notorische Griesgrämigkeit ausgelegt, was er wiederum gerne als Beleidigung versteht. Nein, als Kleingärtner kämpft man das ganze Jahr über mit dem Wetter. Mal ist es zu viel Regen, mal zu wenig, mal zu viel Sonne, mal zu wenig. Zufriedenheit stellt sich nie ein. In meiner Phantasie stelle ich mir manchmal vor, man müsste sich vom Wetter unabhängig machen wie in den oberen Fußballligen: Rasenheizung und eine gute Überdachung, manchmal sogar ein schließbares Stadiondach. Wenn ich das zu Ende denke, bin ich bei gigantischen Gewächshäusern, die von freundlichen osteuropäischen oder maghrebinischen Landarbeitern gehegt und gepflegt werden. Aber das will ich irgendwie auch nicht, weil es nach Ausbeutung ausschaut. Vielleicht sollte ich das Wetter einfach akzeptieren. Auf diese Idee hätte ich auch früher kommen können.