Sekt und Sozialismus - Abschied von der SPD

Nach dem Abschied

Kolumne Von

Abschied ist gar nicht so einfach. Etwas oder jemanden zu verabschieden, bedeutet Veränderung. Vielleicht sogar Kontrollverlust, mindestens Bewegung. In welche Richtung auch immer. Es bedeutet, etwas oder jemanden hinter sich zu lassen, Gefühle, Hoffnungen und Erwartungen als Erinnerung zu speichern. Erinnerung, die manchmal gegenwärtig wird, weil uns ein Geruch kurz zurückblicken lässt. Ein Moment der Hoffnung. Wie diese eine Liebe damals. Oder der Mauerfall. Wie die moderne Sozialdemokratie, die das 20. Jahrhundert maßgeblich und positiv geprägt hat und dann das 21. Jahrhundert … verkackt hat. Abschied bedeutet auch Schmerz und Verletzung. Und wenn es um die Sozialdemokratie geht, wird es stets hitzig. Für einige ist sie immer noch knallhart links. Für andere ist sie tatsächlich noch die Vorreiterin des gesellschaftlichen Fortschritts und für viele ist sie schlicht die Verräterpartei. Auch ganz ohne 1914.

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Während des Bundestagswahlkampfs 2017 erzählte mir ein weißer Mann von vielleicht 45 Jahren, dass der Wahl-O-Mat ihm zwei Parteien bei knapp 50 Prozent angezeigt habe. Platz 1: SPD, Platz 2: AfD. »Aber der SPD kann ich doch nicht vertrauen«, sagte er entschlossen. Die systematische Umverteilung von unten nach oben, die grassierende Armut und der gesellschaftliche Abstieg – das verzeihen die Leute der SPD nicht. Wie auch: Eine Entschuldigung kommt ja doch nicht. Gebrochene Herzen sind die härtesten. Das gilt auch für die Sozialdemokratie. Abschied bedeutet eben auch Enttäuschung. Enttäuscht sind viele von der SPD. Und, so lernen wir es in der Optimierungsgesellschaft, wenn die Enttäuschungen überhandnehmen, dann sollte man sich trennen. Abschied nehmen.

Doch was kommt nach dem Abschied? Bewegung, sicher. Eine linke Bewegung, die sich nicht zerfleischt, bevor sie etwas wirklich Gutes erreichen kann? Eine Bewegung, die die Menschen wirklich hoffen macht, dass sie nicht alles so skrupellos verscherbelt, wie es Gerhard Schröder gemacht hat? Was kommt nach dem Abschied, wenn die Wunden immer noch da sind, sogar größer geworden sind? Die Agenda 2010 hat die Grundlage gelegt, Deutschland und letztlich auch Europa sozial so zu spalten, dass überall Wut und Enttäuschung herrschen. Die Ungerechtigkeiten sind zu offensichtlich. Die 25 Euro mehr Kindergeld, die die SPD im Koalitionsvertrag ausgehandelt haben, werden auf Hartz IV angerechnet. Es ist, als gäbe sich die SPD nicht einmal Mühe. Eben wie so eine (t)rotzige Liebe, die so viel könnte, wenn sie wollte. Aber sie will nicht. Deswegen muss man manchmal Abschied nehmen.