Ein Besuch des osteuropäischen Untergrunds in der Akademie der Künste Berlin

Gegen den Kapitalismus anspielen

Die Berliner Akademie der Künste zeigt unter dem Titel »Underground und Improvisation. Alternative Musik und Kunst nach 1968« die Ausstellung »Notes from the Underground« und das Werk des Avantgarde-Plattenlabels FMP.

Dem Underground haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film galt und gilt der Untergrund als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Außenseiter partizipiert. Die Erzeugnisse entzögen sich für gewöhnlich der Rezeption in einer öffentlichen Institution. Wenn nun die Akademie der Künste in Berlin die ­Ausstellung »Notes from the Underground« zeigt, erscheint dies auf den ersten Blick wie ein Widerspruch. Wird eine subversive und antikommerzielle Bewegung damit gezähmt und kategorisiert? Kann ein nüchterner Ausstellungskontext das Spontane und Wilde wiedergeben und ein ­Lebensgefühl reanimieren? Fragen, die sich auch der zuständige Kurator Sergej Newski gestellt hat: Wie rebellisches Aufbegehren präsentieren, ohne es zu institutionalisieren und damit im schlimmsten Fall zu absorbieren?

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»Notes from the Underground« widmet sich Kunst und alternativer Musik in Osteuropa zwischen 1968 und 1994 und trägt eine Fülle verschiedener Exponate zusammen: ­Fotos, Videos, Skulpturen und Ton­aufnahmen. Doch was verstand oder versteht man überhaupt unter diesem Underground? War es eine Revolte gegen die herrschenden Verhältnisse, ein Gegenentwurf zur Mainstream-Kultur?

Newski verwendet den Begriff weniger zur Beschreibung einer Ästhetik, sondern zur Darstellung einer Situation, in der der Künstler sich einen eigenen Kontext erschafft. Sein Kollege Daniel Muzyczuk sagt bei der Austellungseröffnung, man habe das Gefühl ­gehabt, die Geschichte des Underground sei bislang einseitig erzählt worden. Unter dem Label »Underground« wird hier eine Vielzahl an Protagonisten aus Ländern wie dem ehemaligen Jugoslawien, der früheren Sowjetunion, der Tschechoslowakei, aber auch der DDR gewürdigt, die sich als Avantgarde verstanden und von Futurismus, Dada und ­Konstruktivismus beeinflusst wurden.

Eine beeindruckende Videoper­formance, entstanden 1980 in der Kunstakademie im serbischen Novi Sad, zeigt die Künstlerin Katalin Ladik. Sie gilt als eine der radikalsten Künstlerinnen des ehemaligen Jugo­slawien und wurde bisweilen als »Yoko Ono des Balkan« tituliert. Ihren nackten Körper setzt sie als Medium der Rebellion und Subversion ein, während sie sich vor laufender Kamera eine wuchtige Sonnenbrille aufsetzt und sich Haare und Gesicht mit weißer Farbe besprüht. Untermalt wird diese Aktionen mit abstrakter Lautpoesie. Ladik wollte damit zeigen, »welche Formen dieses heitere, ruhige und harmonische Gesicht ­annehmen kann. All dies sind unsere eigenen, verzerrten Gesichter, es sind unsere inneren ›Selbste‹.«

 

Sven-Åke Johansson mit dem NMUI im SO 36

Das Cover stammt von Martin Kippenberger: Sven-Åke Johansson mit dem NMUI im SO 36, 1979

Bild:
FMP-Publishing

 

Das umstrittene Happening »Bird Feast« im Prager Music F Club aus dem Jahr 1969, bei dem der Fotograf Jan Ságl eine Installation mit einer nackten Frau und 100 Kilogramm weißen Federn schuf, wird in der Ausstellung fotografisch dokumentiert. Wie kontrovers die Aktion ­damals aufgenommen wurde, zeigt sich daran, dass Ságl die Bilder ver­stecken musste, nachdem es Verhaftungen im Umfeld des Kollektivs ­gegeben hatte. Die Aufnahmen blieben lange verschollen und tauchten erst vor einigen Jahren wieder auf, als sie der Fotograf 2012 beim Aufräumen entdeckte. Sie sind nun zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zu ­sehen.

Aber auch in der tschechischen Provinz experimentierte man mit ­ungewöhnlichen Performances. Exemplarisch dafür ist eine Kunst­aktion in Průhonice 1969. Zorka Ságlová versenkte mit befreundeten ­Musikern der Gruppen The Primitives und The Plastic People of the Universe weiße Bälle in einem Teich. Die Aktion war als symbolischer Akt der Befreiung gegen die Besetzung des Landes durch die Truppen des Warschauer Pakts angelegt und sollte als politisches Statement verstanden werden.

Eine politische Programmatik war jedoch kein wesentliches Merkmal der Undergroundszene im Ostblock. Die Ausstellungsleiter trennen ­daher zwischen Underground-Kunst und Protestbewegung. Ein einendes Stilmittel vieler Aktionen und Performances sei die Verwendung von ­Ironie.

Auch die Szene der DDR wird in der Ausstellung gewürdigt. Die ­Gruppe Auto-Perforations-Artisten um die Berliner Künstlerin Else ­Gabriel war in Leipzig aktiv und bezog im Frühjahr 1988 zehn Tage lang die Galerie Eigen+Art. Titel der Aktion: »Allez! ­Arrest«. Konzipiert wurde sie als Reaktion auf die angebliche Vereinnahmung von Joseph Beuys durch die DDR. Kurz zuvor war eine Beuys-­Ausstellung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ­eröffnet worden. Die Schau habe jedoch Aspekte des demokratischen und sozialen Enga­gements des Künstlers ausgespart. Dagegen sollte die »soziale Plastik« bei Eigen+Art subtil rebellieren. Dort verharrten Gabriel, Michael Brendel und Rainer Größe tagelang, ohne den Raum zu verlassen. Besucher konnten jeden Tag zwischen 18 und 20 Uhr vorbeikommen und bei den Besetzern Nahrungsmittel gegen die Darbietung von Musik und Performancekunst eintauschen. Der Medienturm von Gabriel erinnert in der Ausstellung an diese subversive Aktion: eine chaotische Skulptur aus Kühlschrank, Keyboard, Verstärker und Radio, in der haufenweise Krimskrams deponiert war und die als Alltags­altar und zur Aufbewahrung von Vorräten diente.

 

Zorka Ságlová: Bällewerfen

Zorka Ságlová: Bällewerfen (Házení míčů) in den Bořín Teich, Happening in Průhonice, April 1969

Bild:
Jan Ságl / Sammlung Muzeum Sztuki, Łódź, VG Bild-Kunst, Bonn

 

Ein zweiter, eigenständiger Teil der Doppelausstellung beschäftigt unter dem Titel »Free Music Production/FMP: The Living Music« mit der ­Geschichte des Labels FMP Free Music Production, das von 1968 bis 2010 existierte. Weil der Saxofonist Peter Brötzmann gegen den Dresscode des schwarzen Anzugs bei den Berliner Jazztagen rebellierte und deshalb ausgeladen wurde, organisierte er mit dem Bassisten Jost Gebers 1968 das erste Total Music Meeting, das bis 2000 insgesamt 33 Mal stattfand. Das Credo von FMP lautete, »mitten im Kapitalismus auf dem Felde des Kapitalismus gegen den Kapitalismus ­anzuspielen und anzutreten«. Auch der Musiker Peter Kowald gehörte zum Kern des Labels, das auch mit bildenden Künstlern wie A. R. Penck, Martin Kippenberger und Albert Oehlen kooperierte. So entwarf Kippenberger ein Cover für eine Seven-Inch-Single des Musikers Sven-Åke Johansson, das neben etlichen anderen FMP-Plattenhüllen in der Akademie der Künste ausgestellt ist.

Zum Selbstverständnis des innovativen Labels gehörte die Unterstützung der Emanzipation. So spielten Frauen wie »The Feminist Improvising Group« eine wichtige Rolle in der Szene. Sie irritierten die patriar­chalen Traditionen der Jazz-Community und sorgten für Aufruhr: »Die Leute waren total erschrocken. Denn sie spüren plötzlich die Macht, die von den Frauen ausging«, erinnert sich Bandgründerin Maggie Nichols.

Die Doppelaustellung, die bis zum 8. Mai in der Berliner Akademie der Künste zu sehen ist, wird von ­einem umfangreichen Musikprogramm begleitet. Wie die damaligen FMP-Konzerte finden die Auftritte am Hanseatenweg statt. Es bietet eine Bühne für die Protagonisten von damals wie der Schlagzeug-Legende Vladimir Tarasov oder dem FMP-Mitgründer und Saxofonisten Peter Brötzmann. Aus der osteuropäischen Performanceszene sind Katalin ­Ladik und die Band Ornament & Verbrechen dabei.

 

Underground und Improvisation. Alternative Musik und Kunst nach 1968.
Notes from the Underground – Art and Alternative Music in Eastern Europe 1968 – 1994.
Free Music Production/FMP: The Living Music.Berlin, Akademie der Künste. Bis 8.Mai.