Bitte nicht füttern - Mit Coco in der Schule

In der Welpenschule

Kolumne Von

In Berlin hat sich inzwischen herumgesprochen, dass man sich für den Kitaplatz direkt nach dem ersten ungeschützten Sex anmelden sollte. Safer sex bedeutet in der Hauptstadt, den Kita-Anmeldebogen immer bereitliegen zu haben. Wer sich einen Welpen anschafft, hat es in diesem Punkt, aber auch nur da, einfacher als bei der Sorge um menschliche Kinder. Für die Welpenschule gibt es keine Warteliste. Seit ich samstagvormittags zusammen mit der kleinen Coco die Schulbank drücke, fragen mich alle, wieso man das macht, was denn der Hund da bitteschön lernt. Nun, es ist nicht so, dass der Hund da ­etwas lernt – in dieser Schule lernen die Hundehalter. Wobei Schule das falsche Wort ist. Gruppen­therapie trifft es besser. Völlig verunsicherte, unausgeschlafene, abgemagerte Psychoeltern treffen sich und plötzlich, in diesem Kreis, kommt ihnen das erste Lächeln seit Wochen über die Lippen, das nicht ­ihrem kleinen Ungeheuer gilt, sondern der eigenen Situation. Ach, wir sind ja gar nicht so schlechte ­Eltern wie gedacht! Sieh da, die anderen haben ihre Biester auch nicht besser im Griff! Vielleicht sogar ­etwas Stolz: Hehe, das kann meiner schon lange! Nur darum geht’s.

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Auch sonst ist vieles ziemlich ähnlich bei der Hunde- und Menschenaufzucht. »Oh, Durchschlafen wäre schön« und »Hat er gekackt?« sind die am häufigsten gebrauchten Sätze, und der Spaziergang mit dem Hundebaby ist ein Spießrutenlauf, bei dem man vor lauter »Ist der süß!«- und »Darf ich mal streicheln«-Großstadtneurotikern kaum vorwärtskommt. Trifft man andere Hundeeltern, geht’s nur um den Schützling: Wie alt ist der denn? Ist es eine Sie oder ein Er? Nur die Frage nach der Rasse dürften Menscheneltern seltener gestellt bekommen. Beim Hund ist sie völlig legitim. Womit wir bei der wichtigsten Feststellung wären, nämlich dass, so viele Vergleiche sich auch aufdrängen, sich allzu viel Gleichsetzung verbietet. Es ist eben doch kein Mensch, das Viech.

Nicht einmal Chico, der Kampfhund aus Hannover, der eingeschläfert werden musste, nachdem er sein Frauchen und deren Sohn totgebissen hatte. Unbekannte, Tierrechtler vermutlich, versuchten, den Hund aus dem Tierheim zu »befreien« und fast 300 000 Menschen unterschrieben eine Petition, dass man Chico verschonen möge. Die Unterzeichner wissen eben auch, dass Tiere und Menschen nicht dasselbe sind: Für den kleinen Killerhund gäben sie ihr letztes Hemd, 500 000 tote Menschen im Syrien-Krieg lassen sie kalt. Es sei denn, der Ami kommt ins Spiel, dann gibt es Empathie für (potentielle) Opfer, so hat man es gelernt in Deutschland. Da kann der Deutsche, von rechts bis links, dann plötzlich doch »Nein« sagen.
In der Welpenschule lernen wir nächstes Mal auch, wie man »Nein« sagt. Ich werde Sie an diesem Bildungsprozess teilhaben lassen.