Die absurden Vorwürfe gegen die israelische ESC-Gewinnerin

Gar nicht Netta

Erst gratulieren, dann denunzieren: die Reaktionen auf den ESC-Sieg der israelischen Kandidatin Netta Barzilai.

Der Eurovision Song Contest ist offenkundig eine völlig banale Veranstaltung, die aber den Vorteil zu haben scheint, dass man als Popantideutsche auch einmal etwas ganz Praktisches für Israel tun kann, wenn man dem Kandidaten aus Israel die Stimme gibt. Alle Lieder, die auf dieser Veranstaltung vorgetragen wurden, sind ganz objektiv Schrott – nur gilt genau dies auch für den Großteil des sonstigen Radio- oder Fernsehprogramms. Manche der Auftritte mögen angenehmer sein als andere, aber die Kategorie des »Angenehmen« kennt die Ästhetik nicht.

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In diesem Jahr surfte die Israelin Netta Barzilai auf der Me-Too-Welle zum Sieg; mit ihrem Lied »Toy«, in dem sie Männer »dazu erziehen« will, sie als »wunderschönes Wesen« zu sehen. Man konnte bei dieser Kandidatin, die keinem gängigen Schönheitsklischee entspricht, also für Israel und für den Feminismus abstimmen. Die Zeilen »I’m not your toy / You stupid boy / I’ll take you down / I’ll make you watch me / Dancing with my dolls« können als perfektes Beispiel des Autismus und Narzissmus der Sexismusdebatte gelten, weshalb es auch nicht ganz verwundert, dass Netta gehörig Punkte abräumte. Aber politische Korrektheit rächt sich mittlerweile schneller, als man deren Vermarktung auskosten könnte. Die Reaktion fiel nun dermaßen verrückt aus, dass man sich plötzlich in der misslichen Situation befindet, für ­banales Schlagergut Stellung zu beziehen und gegen den Wahn der Kritiker einzuschreiten.

Zu den angenehmen Stimmen gehörte zunächst auch die Süddeutsche Zeitung, die kurz nach dem ESC verkündete, der Sieg Nettas sei eine »schöne Klatsche für alle ›Me-Too-Zweifler‹« und »eine klare Ansage an alle, die Frauen, Übergewichtige und ­Israel hassen«. Der Artikel endete mit der Feststellung: »Die israelkritische BDS-Organisation sieht in Netta Barzilai jedoch nur ein Feigenblatt, eine Agentin Israels, die sich für Gleichberechtigung einsetzt, um die Lage der Palästinenser im Land zu verschleiern.

Vor dem ESC hat die Organisation deshalb zum Boykott aufgerufen: ›Null Punkte für den Song der israelischen Apartheid.‹ Das hat keine Wirkung gezeigt. In Lissabon hat sich der europäische Geist der Solidarität durchgesetzt. Der Slogan des diesjährigen ESC lautete: ›All Aboard!‹, alle an Bord. Eine bessere Siegerin als Netta hätte es nicht geben können.« Wäre die ­Zeitung doch bloß auch an Bord geblieben!

Die Darbietung sei rassistisch, hieß es unterdessen vielfach im Netz. Das an einen Kimono erinnernde Kostüm, die Zopffrisur und die Winkekatzen auf der Bühne erfüllten den Tatbestand des yellowface, Netta betreibe die »kulturelle Aneignung« ­japanischer beziehungsweise asiatischer Traditionen. Vorwürfe dieser Art wurden vor allem in Twitter-Mitteilungen geäußert und von den Medien aufgegriffen. Die US-Feministin Riley J. Dennis etwa schrieb: »Israel tut so, als ginge es in seinem Song um Vielfalt, obwohl er tatsächlich super ras­sistisch ist.« Der britische Schauspieler Jassa Ahluwalia schäumte: »Heilige Dollar?#!, yellowface?!«

Keine zwei Tage nach dem ersten Artikel veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung eine Karikatur, mit der sie dann doch noch von Bord sprang: Die Karikatur zeigt den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu als Netta verkleidet mit einer Rakete in der Hand, auf der ein Davidstern prangt, von der Bühne herab verkündend: »Nächstes Jahr in Jerusalem.« Mit der Karikatur fällt die Zeitung in den Chor derjenigen ein, die den Auftritt der Sängerin als perfide Propagandastrategie der israelischen Regierung denunzieren.