Unter jungen Leuten im Iran herrscht Aufbruchstimmung

Wie ein Lachen unter Wasser

Rund 60 Prozent der Iranerinnen und Iraner sind unter 30 Jahre alt. Viele von ihnen wollen das Land verlassen, unzufrieden sind die meisten.
Reportage Von

»Was denken die Menschen in Deutschland über den Iran?« fragt Jasmin*. Es ist eine der ersten Fragen, die man zu hören bekommt, wenn man mit jungen Leuten im Iran redet. Jasmin studiert Filmwissenschaften an der Universität Teheran. Der Campus liegt direkt an der mittlerweile bekannten Enghelab-Straße, wo mutige Frauen monatelang immer wieder mittwochs ihr weißes Kopftuch als Zeichen des Protests abgenommen und an einen Stab gehängt haben.

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Viele junge Iranerinnen und Iraner sorgen sich trotz der allgegenwärtigen Repression sehr um den Ruf ihres Landes. Fast alle Iraner und Iranerinnen, die man trifft, erkundigen sich danach, was westliche Menschen über den Iran wissen, wie sie ihn sehen, ob sie ihn als unsicheres Land oder als terroristische Macht wahrnehmen, und wie die Medien über das Land berichten. Die Identi­fikation mit dem Land ist meist keine mit dem Regime, man beruft sich auf Tausende Jahre Zivilisationsgeschichte und nicht zuletzt auf die berühmten persischen Dichter. »Heute wird noch fast dieselbe Sprache gesprochen, wie vor 1 000 Jahren«, schwärmt auch Jasmin, »vor allem wegen Ferdosi.« Ferdosi, der auch Chronist war, hat vor 1 000 Jahren sein »Buch der Könige« verfasst, das zum nationalen Kanon ­gehört. Das Regime sieht sich gezwungen, diese Tradition zu respektieren, obwohl die homoerotischen und den Wein preisenden Verse Omar Khayyams und anderer Poeten der islamistischen Ideologie widersprechen.

Im Straßenbild des Iran sind Frauen ebenso präsent wie Männer. Nicht anders sieht es an den Universitäten aus. Das Regime ist im Hinblick auf technokratische Modernisierung weiter als viele andere islamische Staaten. Das Potential der Frauen soll genutzt werden – doch sie bleiben strikten patriarchalen Regeln unterworfen.

Die Islamische Republik Iran hat eines der repressivsten Regime der Welt. Vor allem die jungen Menschen und besonders die Studierenden sind es, die sich nach Veränderungen sehnen. Sie sind in Aufbruchstimmung. Nur wohin dieser Aufbruch gehen könnte, ist ungewiss. Das Risiko offenen Protests ist hoch, es drohen Inhaftierung, Folter und sogar die Todesstrafe.

Derzeit sind es vor allem Angehörige ärmerer sozialer Schichten und Einwohner der Provinzstädte, die offenen Widerstand wagen. Die Proteste richten sich vor allem gegen die desaströsen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse. Der Iran verfügt zwar über die drittgrößten Erdölvorkommen der Welt und über die größten Gasreserven, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Jahr beträgt jedoch nur rund 5 000 US-Dollar; den Zahlen der UN zufolge liegt der Iran damit auf Rang 93 in der Liste aller Nationen. Die Arbeitslosenrate liegt offiziell bei zwölf Prozent.

»Die Situation ist nicht einfach für uns«, beklagt sich sie Studentin Leila*, eine Freundin Jasmins, aus Isfahan: »Nur wenige können studieren. Viele finden keinen Job, ob jung oder alt. Gehälter werden zu spät gezahlt, auch vom Staat.«

 

Kritik am Regime

Der angehende Elektroingenieur Darian kommt aus einem Dorf im Zentraliran. In Shiraz teilt er sich mit drei Kommilitonen ein etwa 17 Quadratmeter großes Zimmer in einem Studentenwohnheim. Er lobt den früheren Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad: »Unter seiner Regierung war die wirtschaftliche Situation einfach besser.« Im Westen war der ehemalige Präsident als fundamentalistischer Hardliner berüchtigt. Dass die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes auch mit der Außenpolitik des iranischen Regimes zusammenhängt, ist vielen Iranerinnen und Iranern allerdings klar.

»Nur wenige können studieren. Viele finden keinen Job, ob jung oder alt. Gehälter werden zu spät gezahlt, auch vom Staat.« Leila*, Studentin

Die hohe Inflationsrate macht vielen Menschen zu schaffen. Geldwechselstuben tauschen kein Geld ein, da der Wert der iranischen Währung Rial großen Schwankungen unterliegt. Der Handel mit ausländischer Währung findet nur noch auf der Straße statt, oftmals direkt vor den Wechselstuben, unter den Augen der Staatsmacht, die diese Praxis duldet. Der Wert des Rial ist so weit gesunken, dass Händler für Importwaren kaum noch Käufer finden. Diese Probleme führten zur Schließung des Bazars und zu Straßenprotesten in Teheran und anderen Städten.

Für das Regime ist es notwendiger denn je, die Kommunikation so weit wie möglich zu kontrollieren. Viele Internetseiten sind gesperrt und nur über eine spezielle Software zu erreichen. Erst im April wurde der im Iran am weitesten verbreitete Messengerdienst Telegram blockiert. Diese App war ein wichtiger Ersatz für die verbotenen sozialen Medien Facebook und Twitter, selbst große Firmen präsentierten sich dort. Dass iranische Führer teils auch über Twitter und Telegram kommunizierten, stellt dabei nur einen der vielen Widersprüche des Iran dar.

Nachdem US-Präsident Donald Trump den Rückzug seines Landes aus dem Atomabkommen mit dem Iran (JCPOA) verkündet hat, befürchten viele nun eine weitere Verschlimmerung der Lage. Einige haben gar Angst vor einem Krieg mit Israel und den USA. Seit Inkrafttreten des JCPOA, das Sanktionen schrittweise zurücknehmen und signifikante Mengen Kapital ins Land bringen sollte, hat sich für die Bevölkerung nicht viel verbessert. Die wenigsten haben eine Veränderung im Vergleich zu 2015 gespürt, als der Vertrag unterzeichnet wurde. Von den Milliarden an US-Dollar, die nach dem Abschluss des Abkommens freigegeben wurden, und von den höheren Handelsgewinnen nach Aufhebung der Sanktionen ist nichts bei der Bevölkerung angekommen. Das Geld ging vermutlich direkt an Irans Verbündete im Ausland, vor allem an das Regime Bashar al-Assads in Syrien, schiitische Milizen im Irak sowie die iranischen Revolutionsgarden in diesen Staaten und die Verbündeten im Jemen. Viel Geld verschwand zudem im korrupten Klientelsystem der Dikatur.

Die Menschen im Iran, die nicht vom System profitieren und daher auch am meisten unter den Sanktionen zu leiden haben, stellen sich nun auf noch härtere Zeiten ein und haben mancherorts bereits damit begonnen, Vorräte anzulegen. Viele iranische Kurden feierten hingegen die Entscheidung Trumps, aus dem Atomabkommen auszusteigen. So auch Faysin* aus Sanandaj: »Trump hat das Richtige getan, auch wenn die Bevölkerung nun weiter zu leiden hat. Das Problem ist aber das Regime und nicht Trump.« Faysin ist eine Art fahrender Lehrer und unterrichtet in der armen und ländlichen kurdischen Region den Umgang mit Computern.