Andrej Platonov schildert den Anfang des Kommunismus

Der schwere Start ins Paradies

In der Sowjetunion durfte das Buch lange nicht erscheinen, heute gilt es als ein Hauptwerk der russischen Literatur: In seinem 1928 abgeschlossenen Roman »Tschewengur« imaginiert Andrej Platonow den Beginn des Kommunismus und sein vorläufiges Scheitern.

Am Rande der russischen Steppe liegt der kleine Ort Tschewengur, ein paar Hütten umgeben von Feldern. Der Vorsitzende des dortigen Revolutionskomitees blickt in die Landschaft. Mit der herrschenden Klasse wurde bereits 1917 aufgeräumt, nun soll der Kommunismus kommen: »Die Sonne war noch nicht untergegangen, aber man konnte sie jetzt mit den Augen anschauen – eine unermüdliche runde Glut; ihre rote Kraft musste ausreichen für den ewigen Kommunismus und für die völlige Beendigung der zwieträchtigen menschlichen Betriebsamkeit, die von der tödlichen Notwendigkeit zu essen herrührte, während doch eine ganze Himmelsleuchte unabhängig vom Menschen am Wachsen der Nahrung arbeitet.« So beginnt Andrej Platonows 1928 abgeschlossner Roman »Tschewengur«.

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Platonow ist ein vergessener Chronist der russischen Revolution. Der 1899 geborene Schriftsteller kämpfte in der Roten Armee und war in den zwanziger Jahren als Ingenieur für Elektrifizierung, Landgewinnung und Bewässerung tätig, bevor er sich ganz aufs Schreiben verlegte. Es verwundert nicht, dass Fragen der Naturbeherrschung, der Arbeit und der Technik in seinen literarischen Werken eine zentrale Rolle einnehmen. Kürzlich hat ihn der australische Philosoph McKenzie Wark in seinem Buch »Molekulares Rot. Theorie für das Anthropozän« als einen Ideengeber für eine kritische Theorie des 21. Jahrhunderts bezeichnet, weil Platonow auf prägnante Weise Geschichte als Naturgeschichte aufgefasst habe.

Die  Klassengesellschaft ist bei Platonow bereits Geschichte. Im Lichte einer neuen besseren Ordnung öffnet sich der Horizont; die Möglichkeit der Neugestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse lässt auch ein verändertes Verhältnis zur Natur vorstellbar werden.

Der Naturstoff selbst enthält ein utopisches Moment der Befriedung der Menschheit. Die Arbeit, das Reich der Notwendigkeit, legitimiert nicht mehr gesellschaftliche Herrschaft, sondern wird zur Bedingung des Reichs der Freiheit. Der Roman verschränkt  materialistische, religiöse und endzeitliche Motive. Immerhin geht es um das Paradies auf Erden. Beim Versuch, es zu errichten, gibt es aber zahlreiche Schwierigkeiten und Missverständnisse, wie Platonow aus eigener Anschauung wusste. Die neue Zeit wirkt wie eine groteske Zwischenwelt, bevölkert von Menschen, die geradezu verrückt erscheinen müssen. Diese Darstellung der unruhigen Revolutionsjahre durfte in der Sowjetunion erst 1988 erscheinen; 1990 ver­öffentlichte der DDR-Verlag Volk und Welt den Roman erstmals auf Deutsch. Jetzt hat der Suhrkamp-Verlag eine überarbeitete Fassung dieser Übertragung vorgelegt, nachdem bereits 2016 Platonows Roman »Die Baugrube« in einer Neuübersetzung erschienen ist.

»Tschewengur« ist eine Reise fernab des Zentrums, eine Fahrt durch die Landschaft von Revolution, Bürgerkrieg, Kriegskommunismus und »Neuer Ökonomischer Politik«. Die historischen Ereignisse der damaligen Zeit werden als Erfahrungen von Menschen lebendig gemacht. Es ist eine »Wanderung mit offenem Herzen«, wie es im Untertitel heißt.
Der junge Bolschewik Sascha Dwanow arbeitet als Heizer auf einer Lokomotive, die durch Raum und Zeit pflügt. Die Lokomotive als Signum einer neuen Zeit wird eindrucksvoll beschrieben, als gezähmtes Ungeheuer von unvorstellbarer Kraft und mit rätselhaftem Eigenleben.

Die Geschwindigkeit des ersten Teils wird in der Mitte des Romans allmählich abgelöst durch ein langsameres Tempo. Dwanow wird zu Pferd aufs Land geschickt und trifft auf den älteren Stepan Kopjonkin, der auf seinem Gaul namens Proletarische Kraft unterwegs ist. Er ist auf der Suche nach dem Grab Rosa Luxemburgs, in deren Namen er Heldentaten begehen will. Bald ziehen die Männer wie Don Quijote und Sancho Pansa durch die Landschaft; sie treffen auf Bauern, Landlose und sonstig Verlorene – Menschen, die irgendwie zu überleben versuchen, manche von einer Idee beseelt, die den Namen Kommunismus trägt. Es geht um die Hoffnung, einem Leben zu entrinnen, das seit Generationen durch Entbehrung und Gleichförmigkeit geprägt ist. Nicht überraschend, dass die ersten Versuche, dem Elend zu entkommen, wunderliche Züge annehmen.

An Maxim Gorki, der zwar von Platonows literarischer Begabung, aber nicht unbedingt von dessen Schilderung der Welt der Revolutionäre überzeugt war, schrieb Platonow, dass er in dem Roman nur versucht habe, den Beginn der kommunistischen Gesellschaft darzustellen. Die ideologischen Beschönigungen des sozialistischen Realismus findet man bei Platonow nicht. Darauf hat er gerne verzichtet, nicht jedoch auf literarische Raffinesse.

Platonow verdichtet die Erfahrung derjenigen, die noch unterhalb des Proletariats leben, die sich außerhalb der Großstädte durchschlagen, fern der Fabriken. Die Utopie dieser Überflüssigen ist eher das Ende der Zeit, der Arbeit und des Leids, ähnlich der christlich-gnostischen Idee der Erlösung.

Bald wird in Tschewengur die Arbeit niedergelegt, die Felder werden nicht mehr bestellt, es wird kein Holz für den Winter mehr gesammelt. Das letzte Huhn wird geschlachtet. Danach wird man wohl Gras fressen müssen, immerhin hat die Steppe genug davon. Erst nach einer Weile reift bei den Leuten die Erkenntnis, dass die Arbeit im Kapitalismus Quelle der Unfreiheit, im Kommunismus aber Quelle der Freiheit sein könnte. Und vor allem muss die Revolution erkämpft werden. »Ich hab früher gedacht, die Revolution wär’ eine Lokomotive, aber jetzt seh’ ich, das stimmt nicht«, sagt Dwanow.

»Tschewengur« ist durchzogen von Anachronismen und Ungleichzeitigkeiten. Platonow führt die Widersprüche vor, zeigt sie mit einem literarischen Verfahren, das – wie sein Gegenstand – Realismus und Surrealismus, Phantastik und Groteske verbindet. Die Revolution reißt ein Loch in den Himmel, die Geschichte ist radikal offen. Die Gefahr des Scheiterns geht damit einher. Was dann folgt? Der Autor antwortet auf diese Frage so: »In die Tiefe der angebrochenen Nacht gingen ein paar Menschen aus dem Kommunismus ins Ungewisse.«

 

Andrej Platonow: Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen. Aus dem Russischen von Renate Reschke. Suhrkamp, Berlin 2018, 581 Seiten, 32 Euro