Mit dem Einstellen von »Intro« und Viva stirbt ein großer Teil der Popkultur

Pop oder Verzweiflung

Viva sendet ab dem kommenden Jahr nicht mehr, »Intro« wurde eingestellt – die Zeit, als Popkultur wichtig war, scheint Geschichte zu sein.

Mitten im Finalspiel der Fußballweltmeisterschaft vor knapp zwei Wochen stürmten einige Frauen der Künstlergruppe Pussy Riot das Spielfeld, Millionen sahen dabei zu. Alle Zeitungen berichteten über das Ereignis und zeigten Bilder, etwa das Abklatschen einer der Frauen mit Fußballsuperstar Kylian Mbappé. Bald darauf erschien ein Bekennervideo der Gruppe. Und nur wenige Stunden darauf wurde, schöner Zufall, vom Euro­päischer Gerichtshof für Menschenrechte entschieden, dass das russische Verfahren gegen jene drei Pussy-Riot-Frauen, die 2012 das berühmte »Punkgebet« in einer Moskauer ­Kirche aufgeführt hatten, äußerst schlampig geführt worden war.

Anzeige

Und dann veröffentlichten Pussy Riot Mitte Juli ein Video zu dem Song »Track About Good Cop«, mit dem sie ihren Forderungen nach einer freieren Gesellschaft in Russland Nachdruck verleihen. Auch davon war in allen möglichen Medien zu lesen. Gemessen an der großen medialen Aufmerksamkeit aber wurde das bei Youtube hochgeladene Video vergleichsweise selten aufgerufen. Dieses Desinteresse an dem eigentlichen Clip scheint aber nicht an der Eingängigkeit der Musik oder dem etwas lieblos gemachten Video zu liegen, denn das dem so ist, konnte niemand vor dem Anschauen wissen. Nein, der Song, das Video, es ist egal. Im Gegensatz zum Video könnte dagegen das Bild der Aktivistin mit Mbappé ein bleibendes Bild werden. Der »Track About Good Cop« hingegen – schon der Titel ist langweilig (wie alle Songtitel von Pussy Riot) – wird es nicht einmal in die Jahrescharts der unmusikalischsten Menschenrechtler schaffen. Weil er egal ist.

Er ist egal, weil es so etwas wie breit rezipierte und in ihrer Gänze wahr­genommene Popkultur nicht mehr gibt. Man kann wieder recht bequem 25 Jahre alt sein, ohne die neuen Videos von Beyoncé zu kennen, ohne Popmagazine oder Helene Hegemann gelesen zu haben.

Die Superstars von heute sind noch immer die von gestern. Die welt­weite Trauer über den Tod von David Bowie, Georg Michael, Prince, Lemmy Kilmister oder Mark E. Smith zeigte das. Und schon da beschlich einen der Verdacht, dass Lemmy Kilmister, ja, sogar David Bowie direkt nach der Vermeldung ihres Ablebens mehr entschlossene Fans hatten als noch 24 Stunden zuvor.

Hier, nämlich im Fehlen solcher Pop-Phänomene in der Gegenwart, ist der Grund dafür zu suchen, warum in den vergangenen Wochen ­sowohl der Musiksender Viva als auch das Popmagazin Intro ihre baldige Einstellung verkündeten und das Echo darauf verhalten blieb.

Selbstverständlich war Viva von Beginn an ein kommerzieller Sender, der nicht zwischen gut und böse unterscheiden konnte und wollte. Die Plattenfirmen zahlten, einige der größten hatten den Sender schließlich sogar mitgegründet. Dennoch gab es dort Spartenformate, Moderatorinnen und Moderatoren, die sich auskannten: wie Schneider TM bei »Wah2« (beim Ablegersender Viva 2) oder Phil Daub in der Sendung »Metalla«. Zudem war Viva die längste Zeit, von 1993 bis 2010, frei zugänglich, erst dann mutierte der Musik­kanal wie der Schwestersender MTV – Viva wurde 2005 an dessen Betreiberfirma Viacom verkauft – zu einem Bezahlsender. An Silvester 2018 wird Viva sein Programm einstellen.

Eine allgemeine Idee von Pop, nämlich die von »Intro« oder Viva, ist tot: Pop als Heilsbringer der Menschheit, als Korrektiv, als Material.

Intro war bis zuletzt kostenlos. 1991 gegründet, schrieb sich die Redaktion langsam aus dem Örtchen Melle heraus, zeitweilig betrug die umsonst in Kneipen, Bars und Klubs verteilte Auflage über 100 000 Exemplare. Mit Hilfe von Autorinnen und Autoren wie Ada Blitzkrieg, Martin Büsser, Sonja Eismann oder Jens Friebe und angeleitet von Redakteuren wie Wolfgang Frömberg, Thomas Venker und Linus Volkmann, entwickelte das Magazin ein journalistisches Niveau, das mit dem von Spex mithalten konnte, der einzigen echten Konkurrenz, mit der man sich den Sitz der Redaktion in Köln sowie auch einige Autoren teilte. Im Juli erschien die letzte Ausgabe, die »negativen wirtschaftlichen Entwicklungen« zwangen die Zeitschrift zur Einstellung, wie Chefredakteur Daniel Koch bereits im April bekannt­gegeben hatte. Ein paar Abschieds­seufzer, auch von der mittlerweile in Berlin beheimateten Spex gab es. Doch dabei bleibt es. Achselzuckend muss man feststellen: Viva und Intro fehlt die relevante Popkultur, mit der sie sich beschäftigen können, und die Leser, die sich dafür interessieren.

Dieses Verschwinden der Popkultur hat nichts mit Fehlern zu tun, die etwa Viva oder Intro begangen hätten, hat nichts mit ihrer Abhängigkeit von Werbung zu tun, liegt nicht an der gegebenen Neigung dazu, Produktempfehlungen zu geben oder schon im Januar das »Album des Jahres« auszurufen, das man in den Jahrescharts am Ende des Jahres bereits wieder vergessen hat. Streng gesehen braucht es so etwas wie Jahrescharts auch gar nicht mehr – wenn Popkultur flöten geht, trifft das zuallererst die Popmusik.

 

Diese Poplethargie mag der Liberalisierung der Gesellschaft unter kapitalistischem Vorzeichen geschuldet sein. Diese führt zu einer Monadisierung der Menschen, und die zu einem Zustand, den Heiner Müller einmal so beschrieb: »Wer keinen Feind mehr hat, trifft ihn im Spiegel.« Wenn Menschen kein Außen mehr kennen, sondern nur noch sich selbst, gibt es am Ende nur noch die Wahl zwischen Verzweiflung und Selbstoptimierung. Der Pop samt seiner Utopie ist für beides kein guter Partner. Wer nur noch weint, will nichts von Klassenkonflikten wissen, vom Herumvögeln oder davon, der Staatsmacht die Zähne zu zeigen. Und wer nur noch lachen will, kann nicht ertragen, dass ihm das Glück erst in der Zukunft hold sein könnte. Ersterer braucht nichtaufregende Schmonzetten, Letzterer braucht Zerfick-die-Loser-bumms-Beats von Kollegah. Pop wird zum Hintergundgedusel der schnöden Stimmungen.

Der Rest, der etwas mehr zu finden glaubt als nur sich selbst, nimmt sich, was er kennt. Doors, Beatles, Rolling Stones, Fanta Vier, Motörhead. Nur wenige, die Eingeschworenen, suchen weiter und finden Tocotronic, Ja, Panik, Schnipo Schranke oder Sookee. Manchmal hilft ihnen das Radio, denn auch die öffentlich-rechtlichen Sender spielen mittlerweile ungewöhnlichen Pop und sind verhältnismäßig frei zugänglich. Manche der Eingeschworenen entdecken das Missy Magazine oder den Metal Hammer und finden in diesen Zeitschriften Unerwartetes. ByteFM, Spotify oder Twitter weisen manchmal auf neue Musik hin.

Fachzeitschriften wie Visions (für Rocker) oder Spex (für Musikkontextualisierer) ist es vergönnt, »am Markt« (Hans-Werner Sinn) zu überleben – sie bedienen die Fachleute unter den Eingeschworenen und bieten darüber hinaus Distinktions­gewinn.

Doch eine allgemeine Idee von Pop, nämlich die von Intro oder Viva, ist tot: Pop als Heilsbringer der Menschheit, als Korrektiv, als Material. Große – wenngleich auch warscheinlich vergebliche – ästhetische Revolten wie New Wave oder Techno sind gerade nicht auffindbar oder so schnell institutionalisiert, dass sie quasi wirkungslos werden. Der neueste Trend aus London hat sich überholt, bevor er in Berliner Redaktionsräumen angekommen ist. Pop gab jenen, die zumindest über ein Kunststudium nachdachten, die Möglichkeit zur Distinktion, und jenen, die nichts erben würden, wenigstens Halt und Hoffnung. Nun hören alle lieber Altbewährtes von Nick Cave, Madonna, Kylie Minogue oder Elvis, eben das, was man so kennt: Nostalgie.

Wenigstens kennen die Nostalgiker noch die Geschichte, den Jüngeren ist sie schlicht abhanden gekommen. Die große popmusikalische Hoffnung des letzten Jahres bleibt in aller Regel auch die Hoffnung des letzten Jahres und kann sich nicht ins neue Jahr hinüberretten. Wer war nochmal Lady Gaga?

Warum sollte sich also jemand in dieser Zeit die neue Intro-Ausgabe im Club suchen oder Viva einschalten, wenn die Gesellschaft stagniert, wenn das Ich mit sich selbst ringt und Fragen diskutiert werden, deren Ursprung die Mehrheit der Lesenden und Schauenden kaum mehr kennt und sie auch gar nicht interessiert?

Viva hat ein paar Seelen auf dem Land erleuchtet, Intro hat ein bisschen mehr Intellekt in die Kinderzimmer gebracht.

Danke. Nun geht es um Arbeit an der Gesellschaft. Aber die Gesellschaft ändert sich, hallo Frau Wagenknecht, hallo Herr Gabalier, auch keinen Deut, wenn Industriearbeiter wieder schweißtreibend in der Fabrik arbeiten und die Gendertoilette abgeschafft wird. Sie ändert sich ebenso wenig, liebe Telekom, lieber Apple-Konzern, wenn alle tanzen. Denn es kommt immer noch darauf an, zu was sie tanzen.