Laborbericht - Das Ungeheuer von Loch Ness als Clickbait der Wissenschaftskommunikation

Seeungeheuer statt Seehofer

Kolumne Von

Luxusprobleme erkennt man oft erst als solche, wenn man sie nicht mehr hat. Wie herzzereißend klagte dereinst etwa das nachrichtenverarbeitende Gewerbe über das sogenannte Sommerloch – und wie sehr sehnt man sich heutzutage nach Zeiten zurück, in denen lediglich Baggerseekrokodile die Schlagzeilen unsicher machten.

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Wenigstens auf einen Superstar der Sauregurkenzeit muss man dieses Jahr nicht verzichten: Seit Juni nimmt das Projekt »Super Natural History« Wasserproben im schottischen Loch Ness, um ein für allemal zu klären, ob das legendäre Seeungeheuer nun existiert oder nicht – und zwar streng naturwissenschaftlich. Das Zauberwort lautet »eDNA«, wobei der erste Buchstabe ausnahmsweise nicht für irgendwas mit Elektronik steht, sondern für »environmental«. Es geht also darum, Erbgut in der Umwelt aufzuspüren, das Lebewesen etwa mit Hautschuppen, Haaren oder Fäkalien dort hinterlassen.

Man kennt das Prinzip aus Forensik-Fernsehserien, es findet seit einigen Jahren aber auch Eingang in die Forschung – zum Beispiel eben, um Arten nachzuweisen, die man aufgrund ihrer Lebensweise oder Seltenheit kaum einmal direkt zu Gesicht bekommt. Also auch Nessie, sollte er/sie/es denn existieren. Dazu wird der genetische Code der im Wasser herumschwimmenden DNA ausgelesen und mit Daten­banken verglichen, in denen mittlerweile die DNA-Sequenzen von über 100 000 Lebensformen hinterlegt sind. Herauskommen werde, so das Forschungs­team auf seiner Website lochnesshunters.com, eine »Liste mit einheimischen, eingeführten und invasiven Dingen sowie jederlei unerwarteten Ergebnissen«.

Diese Formulierung deutet schon an, dass man nicht wirklich damit rechnet, Nessie ­aufzuspüren. »Ich glaube nicht, dass es ein Monster gibt, aber wenn ich mich irre, ist das auch okay«, sagte der Leiter der Unternehmung, der Genetiker Neil Gemmell. Vielmehr handelt es sich bei der Expedition um eine Art Clickbait der Wissenschaftskommunikation: Mit dem hypothetischen Seeungeheuer lässt sich die breite Öffentlichkeit erreichen, die sonst nie etwas von der Forschung hinter dem Projekt erfahren würde. Handfeste Erkenntnisse erhofft man sich über die Artenvielfalt des Gewässers.

Sollte aber tatsächlich ein Plesiosaurier – um den es sich bei Nessie handeln soll – in den See gekackt haben, würde man DNA-Schnipsel finden, die nicht in den Datenbanken auftauchen, aber irgendwo ­zwischen dem Genom von Vögeln und Krokodilen anzusiedeln wären. Unwahrscheinlich ist das leider schon deshalb, weil Plesiosaurier als seit 66 Millionen Jahren ausgestorben gelten, Loch Ness aber erst mit dem Ende der letzten großen Eiszeit vor etwa 10 000 Jahren entstanden ist. Vermutlich werden die für Anfang 2019 erwarteten Forschungsergebnisse also selbst ihren Teil zum Aussterben des klassischen Sommerlochfüllers beitragen.