Kritische Astrologie - Die Organe und ihre Macht über unser Leben

Raucherlungen für alle

Kolumne Von

Im Mittelalter war die Sache noch relativ geordnet und klar. Jedem Sternzeichen war ein eigenes Organ zugeordnet und umgekehrt: den Zwillingen die Lunge, der Jungfrau der Darm, dem Löwen das Herz, dem Krebs der Krebs. Der Organ­gesundheit zuträgliche Behandlungen wurden in den Wirkungszeitraum des jeweiligen Sternzeichens gelegt, so dass nicht zuletzt auch Wartezeiten beim Facharzt erheblich verkürzt werden konnten. In unserer heutigen Zeit fehlt eine solche klare Ordnung der Dinge, weswegen Organe überall in der Weltordnung herumfliegen, nur nicht da, wo sie hinsollen. Während viele Tausend Menschen auf eine Spenderniere warten, führen eitle Fanten und Parvenüs gleich zwei oder drei davon auf dem Boulevard spazieren und erwarten dafür auch noch Applaus. Jens ­Spahn, der bisher nicht wesentlich durch Gesundheitspolitik auffällige Minister des Ressorts, hat sich daher für die sogenannte Widerspruchslösung eingesetzt: Alle Organe gehören erst einmal ihm, außer jemand will ausdrücklich dagegen klagen.

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Ist Deutschland der alsbald hereinbrechenden Organflut gewachsen? Werden wir zwischen Lebern und Milzen ersticken? Und was ist mit der Inflation? Ist ein Lungenflügel noch was wert, wenn bald jeder einen haben kann? Hier kann Spahn gleich Entwarnung geben: Durch die zahllosen von ihm betriebenen Kürzungen in der medizinischen Infrastruktur, gerade im ländlichen Raum, wird sich an der durchschnittlichen Lebenserwartung der Bevölkerung wenig ändern: Die Leute sterben einfach im Notarztwagen, lange bevor sie eine der nicht weggesparten Kliniken erreichen. So wird auch einem allzu sorglosen, geradezu verschwenderischen Umgang mit den Transplantaten ein Riegel vorgeschoben – es sind zwar genug Organe da, aber nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt. Wenn es dann wieder Herzwochen und Hirntage in den Kliniken gibt, ist auch die schöne kosmische Ordnung des Mittelalters wiederhergestellt und das Universum wieder im Lot.