Platte Buch - »The Hunger«, das neue Album von Sutcliffe Jugend

Abscheu fürs Ohr

Kolumne Von

Sutcliffe Jugend ist ein harter Brocken – daran hat sich seit 1982 wenig geändert. Damals prägte die britische Band gemeinsam mit der Gruppe Whitehouse das aus der Industrial Music hervorgehende Subgenre ­Power Electronics: ein Inferno aus Synthesizer-Krachwänden, Störgeräuschen und Geschrei, das dem Publikum nur zwei Möglichkeiten ließ: sich entweder dieser Musik rückhaltlos auszusetzen – oder ganz schnell davonzulaufen. Inhaltlich ging es nicht weniger konfrontativ zu: Benannt nach dem Serienkiller Peter Sutcliffe traf die Band mit ihren ­bevorzugten Sujets – Massenmörder, Serienkiller, Sex, Gewalt, psychische Ausnahmezustände – ihr Publikum direkt in die Magengrube.

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Sutcliffe Jugend haben sich von der reinen Krachmacherei verabschiedet, wie das neue Doppelalbum »The Hunger« zeigt. Der Synthesizer lässt zwar, wie im Song »Sehnsucht«, noch ge­legentlich ein harsches Stakkato niederprasseln, ein böses Dröhnen darf, wie in »Show Me«, an Gehör und Nerven zerren. Doch wo Kevin Tomkins und Paul Taylor den Hörer früher unter erdrückendem Krach begruben, erzeugen sie mittlerweile vorzugsweise eine von subtilen Synthesizerflächen, Klavier, Streichern, allerlei Geknister und untergründigem Rauschen getragene Dauerspannung. Auch der Geschichtenerzähler Tomkins kommt ohne die plakativen Schockeffekte früherer Tage aus. Auf »The Hunger« geht es um Begierden und das, was sich Begehrende antun. Tomkins führt das Publikum durch ein Panoptikum beschädigter Menschen, die aus jeder Begegnung mit noch größeren Schäden an Körper und Psyche hervorgehen. All das hat nichts Voyeuristisches. Etwas anderes treibt Tomkins um: »Meine Abscheu zu zeigen vor einer grausamen Welt, vor einer Welt voller beschädigter Menschen«, wie er es auf dem vorherigen Album formulierte. Zumindest an einem Punkt verhält es sich wie zu den Anfangstagen der Band: Man kann sich als Hörer von all dem über­wältigen lassen – oder schnell davonrennen.

 

Sutcliffe Jugend: The Hunger (Death Continues Records)