Krauts und Rüben – Der letzte linke Kleingärtner ist der Jesus der Beete

Der Kreuzweg des Kleingärtners

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 42.
Kolumne Von

Manchmal bin ich sogar als Kleingärtner sprachlos und fühle mich, als wäre ich in ­einem Wechselspiel aus Mitleid und Kopfschütteln gefangen. Dass man aus den »Krauts« im Kolumnennamen mal ein »Kraut« macht – geschenkt. Nachdem ich den Veranstalter einer Lesung in Saarbrücken auf den Fehler in der Ankündigung hingewiesen ­hatte, machte dieser flugs aus »Kraut« das Wort »Crowd«. Reflexhaft wollte ich zunächst einmal wieder mein kleingärtnerisches Schimpfgewitter über »die Saarbrücker« aus mir herausbrechen lassen. Aber nein, eigentlich haben sie ja recht. »Crowd« heißt Menge – das schmeichelt unsereinem aufs höchste. Also beließ ich es, wie es war, und machte lediglich zur Dokumentation ein Foto, das ich später meinen Hühnern zeigte. Das Gegacker war groß. Die Tiere haben sich aus tiefstem Herzen darüber gefreut.

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Sie hatten doppelt Grund zur Freude. Denn kurz zuvor waren sie von widerlichen Milben befallen worden, die allerhand Juckreiz und den Ausfall von Federn verursachten sowie letztlich die Eierproduktion reduzierten. Aber für solche Fälle bin ich ja da. Als Kleingärtner ist man gleichermaßen Seelentröster von Pflanzen und Tieren wie medizinischer Assistent. Die Gesundheit des ­Federviehs muss stabil bleiben, damit die Eierproduktion nicht zum Erliegen kommt. Ich halte die Hühner nicht aus Nettigkeit. ­

Jedenfalls beschaffte ich mir flugs Kieselgur und puderte die Hühner damit ein. Es ist ein extrem feines Pulver aus Kieselalgen, das ­Siliciumdioxid enthält und wegen seiner geringen Partikelgröße in jeden Hohlraum und jede Ritze eindringt und so die Milben austrocknet. Dieses Zeug, das ich mangels Alternative bei der von mir gar nicht so sehr geliebten Raiffeisen-Genossenschaft kaufte, ist so was von leicht und klitzeklein und damit lungengängig, dass man beim Einpudern des Viehzeugs und dem Bestäuben des Stalls besser eine Atemmaske trägt. Es half jedenfalls. Nach zweimal Einpudern sowie Bestäuben des Hühnerstalls mit dem Wundermittel reduzierte sich der Milbenbefall schnell und die Hühnergeschäfte liefen wieder wie üblich: arbeiten, fressen, Eier legen, saufen, schlafen. Repeat. Die haben es gut.

Ich freue mich zurzeit darüber, dass die Bullenhitze vorbei ist und das gärtnerische Werkeln – ich traue mich fast nicht, es zu sagen – doch so langsam dem jahreszeitlich bedingten Ende entgegengeht. Nicht ganz, aber der Herbst ist in Sichtweite. Ein Schaudern verspüre ich vor der Kartoffelernte. Nicht nur, dass sie dieses Jahr deutlich früher beginnt. Das Ergebnis dürfte allen Erwartungen nach miserabel werden, was mich jetzt schon tiefste Traurigkeit durchleiden lässt. Womit habe ich das nur verdient? Dabei hatte ich dieses Jahr keinen Kartoffelkäfer in meinen Kartoffelbeeten. Der kann einem auch den Spaß verderben. Sein Name ist etwas irreführend, denn er frisst keine Kartoffeln, wohl aber deren Blätter. Und dummerweise wachsen dann die Knollen unter der Erde nicht mehr. Diese Kreatur hat mich und meine Kartoffeln dieses Jahr also verschont, was mir viel Plackerei ersparte. Dafür musste ich aber als Kleingärtner das Leid des ausbleibenden Regens bei gleichzeitig brütender Hitze auf meine Schultern nehmen.

Irgendwie ist der Weg des Kleingärtners die Fortführung des Leidens- und Kreuzwegs »unseren Herrn Jesus«, wie es der Gläubige wohl sagen würde. Der Kleingärtner ist wie Jesus zu Höherem berufen und nimmt das Leid aller auf sich. Im Grunde genommen leistet der Kleingärtner sogar mindestens ebenso viel wie Jesus, denn auf ihm lastet ebenfalls das Schicksal von Pflanzen und Tieren – und damit letztlich das der ganzen Menschheit.

Ansonsten läuft die Produktion im Garten passabel. Es gab schon bessere Jahre. Aber ein Garten ist wie eine Beziehung. Manches, das wächst, hängt von der Qualität des eigenen Zutuns ab und manches kann man nicht beeinflussen. Es bricht schicksalhaft herein.

So ist das Leben. Mal hat man kein Glück, dann kommt auch noch Pech dazu, lautet eine bekannte Fußballweisheit.

Dafür wachsen die roten Hokaidokürbisse nach anfänglichen Startschwierigkeiten, die der Trockenheit und der Hitze geschuldet waren, gut. Und der Grünkohl gar, der wächst in einem Ausmaß und Tempo, das ich in meinem gärtnerischen Kosmos mit seinem eher sandigem Boden noch nicht erlebt habe. Chapeau. Die Rote Beete nimmt noch etwas an Gewicht und Umfang zu. Die Zucchini­ernte hält sich in Grenzen, überzeugt aber durch Kontinuität und steten Nachschub. So verhält es sich auch bei den Gurken, wobei ich dieses Jahr auf eine Mischung aus Einlege- und Salatgurke setzte, was die richtige Entscheidung war, da erstere weniger anfällig für den Falschen Mehltau sind als die hochgezüchteten Salatgurken – womit wir wieder einmal bei der Problematik des Hochertragssaatguts wären. Die Erfahrung des Kleingärtners: besser weniger, ­dafür aber sicherer Ertrag.