Der Kampf gegen die Gewalt von Männern gegen Männer ist langwierig

Treffen sich zwei Männer

Gewaltdelikte haben häufig eines gemeinsam: Die Mehrheit der Täter ist männlich, die Mehrheit der Opfer auch. Die Veränderung gewalt­tätiger Männlichkeitsvorstellungen benötigt Zeit.

10. Juli 2017: Zwei Brüder werden in Straubing mutmaßlich von drei Männern angegriffen. Einer der Brüder ­erhält von einem der Angreifer einen Stoß und fällt eine zweieinhalb Meter hohe Brüstung hinunter, der andere zieht sich Schnittwunden zu. 8. August 2018: Vier mutmaßlich männliche ­Täter greifen in Leipzig einen Mann an. Selbst als er auf dem Boden liegt, treten sie weiter auf ihn ein. Ende August 2018: Ein 23jähriger Student ermordet einen 26jährigen Kommilitonen. Das sind nur drei Fälle aus einer längeren Liste von Gewalttaten der zurückliegenden Monate.

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Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), in der die während eines Jahres angezeigten Straftaten erfasst werden, listet die Zahl der Tatverdächtigen nach Delikt, Alter und Geschlecht auf. Wie in allen Jahren zuvor waren auch 2017 bei allen Delikten und über alle Altersstufen hinweg Männer weitaus häufiger tatverdächtig als Frauen. Besonders auffällig sind hierbei die Gewaltdelikte. Während Männer ab 21 Jahren in 1 954 Fällen von Tötungsdelikten als tatverdächtig galten, waren es lediglich in 275 Fällen Frauen. Der Körperverletzung waren 85 627 Männer tatverdächtig, jedoch nur 16 265 Frauen.

Noch etwas ist auffällig: Klammert man Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung und persönliche Freiheit aus, die vor allem Frauen treffen, dann ist auch die Mehrheit der Opfer von Gewalttaten männlich. Ein Mann zwischen 21 und 25 Jahren war der Opferstatistik der PKS 2017 zufolge beinahe doppelt so gefährdet, getötet zu werden oder eine Körperverletzung zu erleiden, wie eine Frau im gleichen ­Alter.

Häufig machen weibliche Opfer von Gewalttaten Schlagzeilen, etwa wenn es um Mordfälle geht. »Wenn es eine Frau trifft, dann wird das gesondert thematisiert, weil es ungewöhnlich ist«, sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer. Der ehemalige ­Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) und ehemalige niedersächsische ­Justizminister (SPD) ergänzt: »Wenn Menschen aber generell über Gewalt ­reden, dann meinen sie ja Gewalt von Männern gegen Männer.«

»Gewalt ist eine Form von Anerkennung, schon unter Jungs«, sagt Jugendarbeiter Burak Yilmaz. Sprüche wie »Wenn du geschlagen wirst, schlag zurück!« führten häufig zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Denn solche Ideale würden verinnerlicht.

Pfeiffer sieht Gründe für die Gewalt von Männern gegen Männer in tradierten Rollen und Fortpflanzungsvorteilen. »Wir beobachten gerade eine nie dagewesene Friedensphase. Jede männliche Generation vor uns ist mit der Vorstellung aufgewachsen, sie müsste kämpfen lernen, um sich und den Nachwuchs im Krieg besser zu verteidigen«, so Pfeiffer. Männer, die das Rollenmuster eines sich durchsetzenden Mannes erlernt hätten, hätten sich schlicht häufiger fortgepflanzt. Daher rührten die auffälligen Zahlen in den Kriminalstatistiken. »Je stärker eine Gesellschaft von männlicher ­Dominanz geprägt ist, desto stärker der Anteil der Männergewalt«, so Pfeiffer. Allerdings lässt sich so nicht erklären, warum manche zu Tätern werden, ­andere aber nicht.

Jack Urwin argumentiert nicht so evolutionsbiologisch wie Pfeiffer. Der 25jährige britische Autor veröffentlichte 2016 den Essay »Man Up. Surviving Modern Masculinity«. Darin schreibt er über männliche Identität, Selbstoptimierung, Selbstverletzung und Gewalt. Urwin, der mittlerweile in Toronto lebt, liefert unter anderem ein psychologisches Erklärungsmuster: Kriege hätten generationsübergreifend zu posttraumatischen Belastungsstörungen geführt, die das derzeitige Bild von Männlichkeit krankhaft prägten. Der Autor plädiert deshalb für Verhaltensänderung hin zum Positiven – ohne den heterosexuellen Mann an sich abschaffen zu wollen.

Burak Yilmaz beschäftigt sich wie Urwin mit gesellschaftlichen Hierarchien und stereotyper Männlichkeit. Der 30jährige macht Jugendarbeit. Er hält Workshops für das Berliner Projekt Heroes e. V., dessen Ableger in Duisburg er 2011 mitgründete. Ungefähr 1800 Jugendliche erreichen er und sein Kollege Selim Asar jährlich. Manche blieben dem Projekt von Anfang an treu, sagt Yilmaz der Jungle World. In den Gesprächen gehe es auch um Gewalt: »Gewalt ist eine Form von Anerkennung, schon unter Jungs.« Sprüche wie »Wenn du geschlagen wirst, schlag zurück!« führten häufig zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Denn solche Ideale würden verinnerlicht.

Was männliche Jugendliche aber nicht lernten, sei, mit der Opferrolle umzugehen, berichtet Yilmaz. Jungs, mit denen der Gruppenleiter arbeitet, könnten von erfolgreichen Schlägereien erzählen, als handele es sich um die kühnsten Hollywood-Geschichten. Würden sie aber verprügelt, hätten sie schlicht keine Worte, um über den Schmerz zu sprechen. Das sei die Kehrseite, sagt Yilmaz.

Erkennen Jugendliche die starren Bilder von gewalttätiger Männlichkeit, die auch ihnen schaden und nicht nur den Mitschülerinnen und Mitschülern, neigen sie dem Jugendarbeiter zufolge zu Übertreibungen. »Es kommt häufig vor, dass Jungs dann sagen: ›Im Patriarchat sind wir die eigentlichen Opfer und nicht die Frauen.‹ Es wird eine Opferkonkurrenz aufgemacht.« Andererseits bekämen Jungs, die sich gegen starre Vorstellungen von Männlichkeit einsetzten, häufig auch starke Gegenreaktionen zu spüren. »Das Wort ›Feminist‹ fällt dann als Beleidigung.«

Nach Ansicht des Duisburgers sollte es nicht nur pädagogische, sondern auch kreative Angebote geben, mit Hilfe derer sich junge Menschen mit ihren Rollenerwartungen in der Gesellschaft auseinandersetzen können. »Was ich anstrengend finde, ist, dass der gesamte Bereich der Pädagogik derzeit zu einer Präventionsmaschine umgebaut wird«, sagt Yilmaz. Man könne jedoch nicht mit Crashkursen eine heile Welt herbeizaubern. »Die Emanzipation von patriarchalen Strukturen dauert Generationen. Deutschland ist da das beste Beispiel.« Der Jugendarbeiter wünscht sich politische Bildungsangebote, Plattformen für einen Dialog über Geschlechterrollen, mehr Fachliteratur und eine bessere Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis. Es brauche einfach einen flächendeckenden Plan – auch an Schulen, fordert er. Denn sonst werde kaum darüber gesprochen.