Hanna Mittelstädt, Herausgeberin, über die Editionsgeschichte der Werke des kommunistischen Schriftstellers Franz Jung

»Jung wusste, was wichtig ist«

Hanna Mittelstädt, Mitgründerin der Edition Nautilus, hofft, dass sich die Linke von den Ideen des Schriftstellers Franz Jung inspirieren lässt.
Interview Von

Am Berliner Theater HAU Hebbel am Ufer wird dieser Tage Franz Jungs »Die Technik des Glücks« aufgeführt, als Revue mit der Hamburger Band Die Sterne. Wie kam es zu der Revue?
Ich habe dieses Jahr im Verlag aufgehört. Ich habe aber gewissermaßen noch einige Rechnungen offen, was die Tradition und Werte der Edition Nautilus betrifft. Dazu gehört die Franz-Jung-Werkausgabe. Die Ausgabe haben wir von den achtziger Jahren bis in die Neunziger gemacht, das sind über 6 000 Seiten in zwölf Bänden mit Teilbänden, letztlich sind es also 15 Bücher. Wir haben 16 Jahre gebraucht, um diese Ausgabe zu verwirklichen. Es war eine Zusammenarbeit zwischen Ost und West, Jung-Forscher und -Kenner aus der BRD und der DDR haben, alle unentgeltlich, mitgewirkt. Sie haben diese Ausgabe möglich gemacht und das ­Material von und über Jung aus der ganzen Welt zusammengetragen. Vieles davon befand sich bei Jungs zweiter Ehefrau Cläre Jung in Ost-Berlin, sie hatte das größte Archiv. In diesem Archiv haben auch Sieglinde und Fritz Mierau gearbeitet, die sehr viel biographisches Material zusammengetragen haben. Von dem dieses Jahr verstorbenen Fritz Mierau gibt es auch eine Franz-Jung-Biographie: »Das Verschwinden des Franz Jung«. Was die Mieraus gemacht haben, war eine wichtige Grundlage für die Werkausgabe.

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Es gab auch Forscher aus Westdeutschland, die Franz Jung als linksradikalen Schriftsteller Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre entdeckt hatten – wie Walter Fähnders, Helga Karrenbrock und Martin Rector. Die hatten bei Luchterhand schon einige Sachen von und zu Franz Jung veröffentlicht, das Nachwort zu einer Ausgabe von Jungs ­Autobiographie »Der Weg nach unten« stammt von ihnen. Diese Forscher kamen auf die Edition Nautilus zu und fragten, ob wir eine Werkausgabe machen würden. Wir wussten nicht, worauf wir uns einlassen, und haben zugesagt. Das Ganze ohne Förderung und neben dem Verlagstagesgeschäft. Und man muss leider sagen, dass das Werk von Franz Jung untergegangen ist. Nur »Der Weg nach unten« ist einem größeren Publikum bekannt, aber die anderen Werke sind im Grunde in der Versenkung verschwunden. Franz Jung wieder bekannter zu machen, war ein erster und wichtiger Impuls für die jetzige Revue.

Sie findet 100 Jahre nach den revolutionären Novemberereignissen statt, an denen sich Jung auch beteiligte.
Das passt tatsächlich sehr gut, sogar, was den Ort angeht. Die Aufführung findet am Halleschen Ufer 32 statt, dort ist das HAU2. Und an genau der Adresse hatte Jung damals ein Büro, in dem er gemeinsam mit Genossen Spartakus-Parolen auf Geldscheine stempelte. Im November 1918 war Jung in Berlin. Kurzerhand sprach er ein paar herumstehende Soldaten auf dem Potsdamer Platz an und besetzte das Wolffs Telegraphisches ­Bureau, eine wichtige Nachrichtenagentur. Es ging um die Kontrolle der Presse. Jung wurde Mitglied der KPD und gründete kurz darauf die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands, die KAPD, die im Gegensatz zu einer Parteidiktatur die Autonomie der Räte erstrebte. Berühmt geworden ist die Aktion, wie er mit einem Genossen ein Schiff entführte, um damit nach Murmansk zu fahren und von dort aus weiter nach Moskau, um mit Lenin und Bucharin über die Aufnahme der KAPD in die Komintern zu diskutieren. Die stellten klare Aufnahmebedingungen und Jung reiste zurück, um dafür zu werben, diese Forderungen zu akzeptieren. Das war aber in der KAPD eine minoritäre Position, und so hat er die Partei verlassen.

Mit Max Hoelz und anderen kämpfte er im Mansfeldischen bei den bewaffneten Arbeiteraufständen, das waren die Märzkämpfe 1921.Er wurde mehrfach von der Polizei verhaftet. Als er nach der Niederschlagung der Märzkämpfe versuchte zu fliehen, wurde er in die Sowjetunion ausgewiesen. Dort war er zunächst bei der Hungerhilfe an der Wolga tätig, dann baute er eine Streichholzfabrik neu auf. Da kannte er sich aus, seine Doktorarbeit hatte er über die Zündholzindustrie geschrieben. Mit dem »neuen Menschen im neuen Russland« hatte er seine Probleme, denn die Arbeiter dort hatten keine Lust, sich von einem Deutschen in Sachen Arbeitsdisziplin belehren zu lassen. Die sagten, dass sie jetzt die Macht hätten und deswegen erstmal gar nichts machen würden. Er hat darüber den Roman »Die Geschichte einer Fabrik« geschrieben. Seine Erfahrungen in der Sowjetunion haben ihn aber auch sehr glücklich gemacht. Die Tätigkeit dort war sein Beitrag dazu, wie es nach der Revolution weitergehen könnte. Wie arbeitet man zusammen? Wie kann man eine Gesellschaft aufbauen und demokratisieren? Wie Freiheit gestalten?

»Die Technik des Glücks« ist Jungs theoretisches Hauptwerk. Worum geht es?
Schon mit Anfang 30, im Gefängnis, hat er »Die Technik des Glücks« geschrieben. In dem Text zeigt er, dass aus der Niederlage der deutschen ­Revolution, aus der Entmachtung der Arbeiterautonomie und der daraus entstandenen Frustration der Kadavergehorsam folgt. Das verhinderte Selbstbewusstsein, der gebrochene Gestaltungswille und der Verlust des Selbstwertgefühls der Arbeiter hat zu Passivität und Verkümmerung der Autonomie und so letztlich in die Unterwerfung unter Hitler ­geführt. Jung hat neben seinen ungeheuer vielfältigen literarischen ­Bemühungen meist als Wirtschaftsanalyst gearbeitet, um Geld zu verdienen. Er war ein gefragter Analyst. Während der Naziherrschaft hat er für die Anti-Hitler-Koalition gearbeitet, Analysen und Informationen ­geliefert. Jung war wirklich eine faszinierende Figur.

Wie wurden Sie selbst auf Franz Jung aufmerksam?
1961, zwei Jahre vor Jungs Tod, erschien »Der Weg nach unten« bei Luchterhand, seine Autobiographie und zugleich die Schilderung eines unglaublichen Lebens in einer wahnsinnigen Zeit. Lutz Schulenburg und ich haben das Buch in den siebziger Jahren verschlungen, auch weitere kleinere Schriften, die damals in einer Sammelausgabe erschienen waren. Und dann kamen schon die Experten zu uns und wollten die Werkausgabe veröffentlichen. Jung war ja ein Geheimtip – im Westen wie im Osten. In Ost-Berlin gab es eine Gruppe um den Dichter Bert ­Papenfuß und weitere, die auch den Basis-Druck-Verlag gemacht haben. Es gab Zeitschriften wie Sklaven und die Abspaltung Sklaven Aufstand nach einer Idee von Jung, später dann die Zeitschrift Gegner, dann Abwärts!. Armin Petras initiierte 1988 in der Zionskirche in Ostberlin eine Aufführung von »Die Technik des Glücks«. Er probte bis kurz vor Mitternacht des Tages, an dem er die DDR verlassen musste. Die Premiere fand ohne ihn statt. Annett Gröschner war auch bei den endlosen Jung-­Lesungen in der Kneipe Torpedokäfer dabei. Im Westen wurde Jung nach 1968 wieder bekannter. Zu der Zeit wurde überhaupt Literatur, die durch den Nazifaschismus beiseitegedrängt war, wiederentdeckt. Dazu gehörten expressionistische Texte wie auch die Tradition der proletarischen Literatur. Das betraf auch die Texte von Jung. Seine Autobiographie stand der Etikettierung als proletarischer Schriftsteller allerdings entgegen, die war zu negativ und selbstzerfleischend.

Was fasziniert heute noch an ­dieer Figur? Dass er Politik immer wieder aus der Situation heraus gemacht hat, geschaut hat, was möglich ist, oder auch den Bereich des Möglichen durch eigenes Handeln zu erweitern versuchte?
Jung hatte Lust, zu inspirieren. Und er wusste auch, was wichtig ist. Zum Beispiel, dass man 1918 eine Nachrichtenagentur besetzen muss. Oder dass man die Sowjetunion unter­stützen muss und dort eine Fabrik aufbaut. Er war gut im Kontakteknüpfen, auch im Klandestinen. In den zwanziger Jahren hatte er ­Waffen und Sprengstoff für militante Aktionen in seinem Haus versteckt. Er hat sich in die historische Situation geworfen. Er kämpfte oftmals außerhalb der bestehenden Formationen, aus Parteien ist er ja meist schnell wieder raus. Er zog in den Zwanzigern mit einer Truppe durch Berlin, die quasi professionell Veranstaltungen mit revolutionärer Propaganda ­störten, Theater, Kino, Empfänge, bis zu 20 Veranstaltungen am Tag. Er schrieb darüber, dass sie keinen Unwillen erzeugten, die Leute hörten zu, aber zur Umsetzung in die Praxis kam es nicht mehr. Geschrieben hat er auch schnell, er saß nicht lange an seinen Texten. Das zieht sich durch sein Leben. Vier Ehen sprechen vielleicht auch dafür.

Was kann die Linke von Jung lernen?
Ich denke, es geht um »Die Technik des Glücks«. Zu verstehen, worum es in einer sozialen Bewegung geht. Um die Autonomie und Selbstermächtigung der Einzelnen, die nicht äußerlich beschränkt werden. Dass die Energie der Einzelnen auch zu der einer Gemeinschaft werden kann, dass sie im Fluss ist, dafür hat Jung bis zu seinem Lebensende ­gekämpft. In seinen späten Jahren hat er sich auch mit Wilhelm Reich und Ernst Fuhrmann beschäftigt. Jung war auf der Spur dieser Art ­Lebensenergie und wusste, dass man sich dabei nicht auf die gegebenen Organisationen wie Parteien und Gewerkschaften verlassen konnte. ­

Kadavergehorsam steht dem Glück immer entgegen. Die Situationisten, die Jung noch kennengelernt hat, knüpften daran in den fünfziger und sechziger Jahren an, indem sie die Kritik an den großen ideologischen Formationen auf die Spitze getrieben haben. Die Situationisten stehen in derselben Tradition wie Jung. Und für mich waren die Franz-Jung-Ausgabe und die Herausgabe der Schriften der Situationisten die wichtigsten Reihen, die die Edition Nau­tilus veröffentlicht hat.

Ist dieser Vitalismus Jungs nicht längst Bestandteil des neoliberalen Subjekts, das ständig im Flow der Selbstverwirklichung begriffen ist?
Das ist die Rekuperation. Alles wird enteignet. Wie der Faschismus die Tradition und Kultur der Arbeiterbewegung enteignet hat, so nimmt der Kapitalismus in seiner aktuellen Form auch die Momente der Revolte gegen sich auf und stellt sie in seinen Dienst. Deutlich sieht man das bei der Kreativität und der individuellen Entäußerung. Die Techniken des Glücks muss man sich wieder aneignen. Und man muss sie verbinden mit der Idee der sozialen Gemeinschaft. Es geht zwar um das Individuum, aber das kann nicht in der Ver­einzelung glücklich werden. Der Kapitalismus zieht die kreativen Impulse heraus und vereinzelt extrem. Franz Jung ist natürlich auch kein Alleskönner oder Allesgeber, sondern ein Impuls, der für mich und alle, die an der Revue beteiligt sind, sehr wichtig ist. Was wir heute aus diesem Impuls machen, ist dann uns überlassen.

 

Die Franz-Jung-Revue »Die Technik des Glücks« hatte am 14. November im Berliner HAU Hebbel am Ufer Premiere und wird am 15., 16. und 17. November gespielt. Die Werkausgabe von Franz Jung ist in der ­Edition Nautilus erschienen.