Pharaoh Sanders auf dem Festival Überjazz

Dekonstruierte Harmonie

Das Festival Überjazz versammelt von Death Metal Jazz bis Afrojazz alle denkbaren Genrefusionen. Ohne essentialistische Untertöne kommt der Transzendenz-Botschafter Pharoah Sanders aber auch nicht aus.

Als energy music beschrieb Amiri Baraka einmal eine bestimmte Ausdrucksform des Jazz. Für Baraka, den vor vier Jahren verstorbenen afro-amerikanischen Lyriker, Aktivisten und Vordenker einer nicht ganz unproblematischen, weil essentialistisch gedachten black aesthetic, galt Jazz als Artikulation einer erfühlten Realität. Einer Realität, die wesentlich rhythmischer Natur sei, was Musik beinahe zwangsläufig zum bevorzugten Instrument der Erkenntnis mache. Mit dieser Ausrichtung auf einen in erster Linie über Affekte vermittelten Zugang zur Welt versuchte Baraka einen direkten Gegenentwurf zur westlichen Ideengeschiche der Rationalität vorzulegen. Schwarzer Jazz spricht demnach unmittelbar von schwarzer Existenzerfahrung.

Anzeige

Dass die seit mehreren Jahrhunderten einigermaßen komplex und im seltensten Fall harmonisch verläuft, ist hinlänglich bekannt – in jedem Fall verlangt sie einen ziemlich erweiterten Begriff der Harmonie. Unnötig zu erwähnen, dass Baraka ein großer Bewun­derer von John Coltrane war, dem er mit »Black Music« eine ganze Essay-Sammlung widmete.

Als energy music umschrieb er Coltranes letzte Schaffensphase, angefangen bei »Ascension« von 1965 bis hin zu »Om«, das zwei Jahre später das letzte Album vor Coltranes plötz­lichem Tod im selben Jahr sein sollte. Zu jener Zeit spielte Coltrane zusammen mit Pharoah Sanders, von dem Baraka einmal behauptete: »He makes people stomp, experience trans­cendental meditation, and think about revolution.« Dass der Begriff der Revolution in diesem Kontext auftaucht ist bezeichnend, denn für Baraka stehen Musik und Revolution in einem durchaus innigen Verhältnis. Der tief in den Strukturen der US-amerikanischen Gesellschaft verwurzelte Rassismus, aus dem nicht zuletzt Polizeigewalt und überproportional viele Inhaftierungen von Schwarzen erwachsen, ist als kontinuierlicher Ausnahmezustand in tragischer Weise banale Alltäglichkeit, die es zu durchbrechen gelte. Die über den Affekt vermittelte Wirklichkeit spitze sich also auf das Erkennen der eigenen Unterdrückung hin zu und verlange letztlich nach motorischer Abfuhr. Musikalische Praxis sei in dieser Konstellation immer schon kritische Praxis, insofern sie ausdrückt, was im Wesentlichen eine kollektiv geteilte Erfahrung sei. Musik werde so zum Bindeglied zwischen dem Fühlen einer Gegenwart, das zugleich ein Sich-fühlen-Fühlen ist, und dem Entschluss zu handeln.

Was bleibt, ist der Eindruck einer geteilten Sensibilität, die sich von Coltrane und Sanders aus über Hutchings und Ras G ins Offene erstreckt.

Als Pharoah Sanders knapp 51 Jahre nach seinem letzten Zusammentreffen mit Coltrane die Bühne des Hamburger Überjazz-Festivals betritt, ist das ein emotionaler Augenblick. Er ist alt geworden. Mit ungeheurer Langsamkeit, als würde sich unter der Last seiner Aura die Zeit dehnen, bewegt er sich quer durch den Raum hin zu einem Stuhl, setzt sich und wartet. Eine gefühlte Ewigkeit sitzt er so da, während sein Trio loslegt. Dann steht er auf. Mit kleinen, mühsamen Schritten bewegt er sich nach vorn zum Mikrophon und wartet wieder, setzt schließlich das Saxophon an und beginnt zu spielen.

Der Klang, rasiermesserscharf, kadriert den Raum: Die riesige Halle mit ihren feinsäuberlich hintereinander arrangierten Stuhlreihen, in die sich zuvor alle mit kaum revolu­tionärer Bereitwilligkeit eingepasst haben, verschwindet. Es bleibt nur dieser Sound, der wie Messerstiche auf die Großhirnrinde trifft. Es klingt, als würde ihm das Instrument die Noten aus dem Leib schneiden, um sie einem blutig ins Gesicht zu klatschen.

Währenddessen steht dieser gebeugte Körper, der beinahe nahtlos in das Instrument übergeht, wie erstarrt da. Bis er sich irgendwann in dieser zähen Zeitlupenhaftigkeit zu wiegen beginnt. So unsagbar langsam, dass die Bewegung wie eine endlose Zahl einzelner Muskelkontraktionen wirkt, die isoliert wurden und nun in Serie ablaufen.

»He makes people experience transcendental meditation«, schrieb Baraka. Die Antwort auf die Frage, um welche Art der Transzendenz es sich handelte, blieb er gleichwohl schuldig. Dabei lässt Sanders’ Auftritt zumindest erahnen, worum es geht. Es scheint sich um eine Form der Trans­zendenz zu handeln, die weder im strengen Sinne theologisch als Öffnung hin zu Gott verstanden werden kann noch als Überschreitung des Selbst zu einer Art Über-Ich. Es geht vielmehr um compassion, wie schon  ein Titel auf Coltranes Album »Meditations« 1966 lautet. Nicht gänzlich befreit von der religiösen Konnotation der Passion ist compassion (die deutsche Übersetzung des Begriffs lautet Barmherzigkeit) hier ein Mit-Leiden oder MitErleiden, das über die Empathie hinausreicht. Wichtig ist die Erkenntnis, dass Ex­istieren ganz wesentlich Koexistieren ist, dass das Leiden des anderen auch das eigene Empfinden betrifft. Diese Form der Transzendenz ist als Geste in Richtung des anderen und schließlich der Gemeinschaft vor allem eine ethische. Allerdings verliert diese Transzendenz in jenem Augenblick ihren eigentlich emanzipatorischen, tendenziell universalistischen Wert und wendet sich ins Doktrinäre, wenn sie als ausschließlich schwarze Transzendenz reklamiert wird.

Letzte Fetzen von Sanders’ Tenorsaxophon hallen noch nach, als Shabaka Hutchings mit The Comet Is Coming elementare Klangmassen in Bewegung setzt, die sich dickflüssig und zäh wie Lavaströme in den Raum ergießen. Das hier sind keine Gewehrsalven wie jene von Pharoah Sanders, sondern unkontrollierbar freigesetzte Eruptionen. Ras G & The Afrikan Space Program orchestrieren schließlich den Abschied: Bleischwere, von dicken Rauchschwaden verhangene Beats schwingen wie Abrissbirnen ins Publikum.

Darüber scheppern wütende Agitationsraps; »afrofuturistic« hört man, irgendwann auch »never stay quiet«. Und kurz darauf landet die Punchline »like in the ’92 riots« wie ein linker Haken – hier und da reckt sich eine geballte Faust für Rodney King.

Was bleibt, ist der Eindruck einer geteilten Sensibilität, die sich von Coltrane und Sanders aus über Hutchings und Ras G ins Offene erstreckt. Der Rückblick auf das, was Baraka als energy music beschrieben hat, eröffnet ein historisches Kontinuum, in dem sich einige disparate Klänge der Gegenwart möglicherweise unter anderen Vorzeichen hören lassen.

Vielleicht muss man ein paar Jahre zurückgehen, als sich im Schatten der Hollywood Hills ein befremdlicher Sound Gehör verschaffte. 2010 erschien das Album »Cosmogramma« des Musikproduzenten Flying Lotus, dessen musikalische Vision zwischen Breakbeat, Glitch und Free Jazz so deutlich aus jedem Referenzrahmen fiel, dass die Klänge im Rahmen zeitgenössischer populärer Musik wie der Monolith in Stanley Kubricks »2001« wirkten. Dass Ravi Coltrane, der Sohn John Coltranes, an den Aufnahmen beteiligt war, ist mehr als eine bloße Referenz. Seither ist Flying Lotus’ Plattenlabel Brainfeeder zu einem Hort dieses energetischen Revivals geworden, wo neben Ras G auch Kamasi Washington seine ersten Experimente wagte. ­Gerade ist ein Sampler zum zehnjährigen Bestehen des Labels erschienen, der die beeindruckende musikalische Bandbreite verdeutlicht und die Einsicht befördert, dass energy keine Frage des Stils ist.

Der Popgeschichtsschreibung fehlen noch immer die Worte, um zu beschreiben, was passiert, wenn Flying Lotus auf Busdriver trifft und dessen manisch heruntergeratterte Raps wie im Zeitraffer frontal in  die flirrende Mise en Scène des Free Jazz krachen. Oder wie Iglooghost es schafft, sich mühelos vom Vogelgezwitscher und gedämpften Pads hin zu einem eigenartig gläsernen Break­beat-Gewitter zu bewegen. ­Alles hier ist in höchstem Maße ambivalent, nichts dürfte zusammenpassen und doch passiert es. Am Ende stellt sich das bohrende Gefühl von Dringlichkeit ein. Diese Musik ­artikuliert – wenngleich noch seltsam kryptisch – etwas über ihre Zeit und das macht sie so ungemein wichtig.