Im Prozess gegen den mutmaßlichen Anführer des Sinaloa-Kartells machen sich mexikanische und US-Behörden verdächtig

Kartell des Grauens

Es herrscht die höchste Stufe an Sicherheitsvorkehrungen. Seit dem 5. November steht Joaquín Archivaldo Guzmán Loera, genannt »El Chapo« (der Kurze), in New York City vor Gericht, ihm droht lebenslange Haft. Er soll das mexikanische Sinaloa-Kartell geleitet ­haben. Seit seiner Auslieferung durch Mexiko am 19. Januar 2017 sitzt Guzmán in New York City in Haft. Ihm werden unter anderem die Führung einer kriminellen Organisation, Rauschgifthandel, Geldwäsche und Mord in bis zu 3 000 Fällen vorgeworfen; als Kopf des größten Drogenkartells der Welt soll er Hunderte Tonnen Kokain, Marihuana und Heroin in die USA geschmuggelt haben. Die US-Regierung bezeichnete ihn einst als den »skrupellosesten, gefährlichsten und gefürchtetsten Mann des Planeten«, die US-Antidrogenbehörde DEA als den »Paten der Drogenwelt«.
Guzmáns Leben, das als Vorlage für eine Fernsehserie diente, erscheint wie die idealtypische Kartellkarriere.

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Er wuchs in bäuerlichen Verhältnissen im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa auf. Sein Vater soll Opium angebaut, Guzmán die Schule nach der dritten Klasse verlassen haben. Im Alter von 15 Jahren begann seine Karriere als Drogenhändler. In den achtziger Jahren machte er sich mit seinem Partner Ismael Zambada García, genannt »El Mayo«, an den Aufbau des kriminellen Netzwerks, das heutzutage als Sinaloa-Kartell bekannt ist. Als die Macht der kolumbianischen Kartelle in den Acht­zigern bröckelte, stiegen die mexikanischen Kartelle langsam auf. Die Organisation um Guzmán und Zambada wurde durch geschicktes Agieren und brutale Gewalt zur mächtigsten von ­allen. Laut DEA ist das Sinaloa-Kartell zurzeit weltweit aktiv.

Vor der Auslieferung an die USA saß Guzmán bereits zweimal in Mexiko im Gefängnis. 1993 und 2014 wurde er festgenommen, beide Male gelang ihm einige Zeit später spektakulär die Flucht. Nach seiner letzten Verhaftung 2016 kam es in Mexiko zu Demons­trationen, auf denen seine Freilassung gefordert wurde. Unter Musikvideos, in denen er in der Tradition der mexikanischen corridos als Don Juan, Revolverheld und eine Art Robin Hood besungen wird, finden sich im Netz Kommentare wie »El Chapo soll Präsident werden«. Die Kartelle haben in Mexiko große Bedeutung erlangt, vielerorts bieten sie Geld, Arbeit und in manchen Gegenden gar Sicherheit vor Klein­kriminellen und den korrupten Staatsorganen. Neben dem Drogen-, Menschen- und Waffenhandel sind die Kartelle mittlerweile auch in legalen Wirtschaftszweigen vertreten, beispielsweise kontrollieren sie einen großen Teil des Avocadoanbaus in Mexiko. Dem Netzwerk Guzmáns werden Dutzende Firmen zugerechnet, darunter Sportvereine, Industriebetriebe und Apotheken.

Beobachter warnen davor, dass die öffentliche Beschuldigung Zambadas durch Guzmán zu Auseinandersetzungen innerhalb des Sinaloa-Kartells führen könnte.

Zur Verlesung des Eingangsplädoyers am 13. November war eine so große Zahl von Reportern anwesend, dass viele nur in der Vorhalle Platz fanden. Kommentatoren sprachen von einer »Show« und einem »Spektakel«. Emma Coronel Aispuro, eine ehemalige mexikanische Schönheitskönigin und die vierte Ehefrau Guzmáns, mit der er zwei seiner mindestens zehn Kinder hat, hatte auf Instagram eine theatra­lische Nachricht verbreitet. Einen Cocktail am Pool schlürfend hatte sie ihren 450 000 Followern am Vorabend mitgeteilt, dass sie von einer Umarmung ihres Gatten träume. Diese Bitte lehnte das Gericht aus Sicherheitsgründen ab. In ihrem Plädoyer behaupteten Guzmáns Anwälte, die Welt habe sich auf »die mythische Gestalt El Chapo« eingeschossen und nutze ihren Mandanten als Sündenbock. Der wahre Kopf des Sinaloa-Kartells sei Zambada. Dieser habe sich durch Schmiergeldzahlungen an höchste mexikanische Beamte, darunter Präsident Enrique Peña Nieto und seinen Vorgänger Felipe Calderón, Schutz erkauft. Von Prozessbeginn an hat Guzmáns Verteidigung, auch mittels Zeugenaussagen, weitere Prominente der Korruption und Kollaboration mit den Kartellen bezichtigt. Hierunter fallen ein ehemaliger Leiter der mexikanischen Bundespolizei sowie ein Vertrauter des designierten Präsidenten Andrés Manuel López Obrador, der während dessen Zeit als Bürgermeister Sicherheitsbeauftragter von Mexiko-Stadt war. Alle Beschuldigten haben bereits öffentlich ihre Unschuld beteuert.

Selbst wenn es sich bei den Beschuldigungen um ein taktisches Ablenkungsmanöver handelt, weisen sie auf ein reales Problem hin. In Mexiko, das fast 70 Jahre lang von der mächtigen Partei PRI regiert wurde, sind Klientelismus, Korruption und die Zusammenarbeit mit dem organisierten Verbrechen allgegenwärtig. Ein Mitbegründer des ersten großen mexikanischen Kartells, des Guadalajara-Kartells, arbeitete bei der Bundespolizei PJF. Diese wurde 2002 wegen überhandnehmender Korruption aufgelöst. Aus dem Guadalajara-Kartell entwickelten sich einige der größten heutigen Kartelle, darunter das Sinaloa-Kartell.
Die Liste der Staatsbediensteten, die auf lokaler und regionaler Ebene der Kollaboration mit dem organisierten Verbrechen überführt wurden, ist lang. Auch der Vorwurf der Zusammenarbeit des Sinaloa-Kartells mit mexikanischen Regierungen und US-Behörden ist nicht neu. Die mexikanische Zeitung El Universal veröffentlichte 2014 eine offizielle Dokumente enthaltende Reportage, die diese Verbindungen belegen soll.

2009 soll die US-Waffenkontrollbehörde ATF Waffen an das Kartell geliefert haben. Zwischen 2000 und 2012 habe es mehrfach Treffen zwischen Mitarbeitern der DEA und des US-Justizministeriums mit hochrangigen Mitgliedern des Kartells gegeben. Im Austausch für Informationen über verfeindete Kartelle hätten die US-Behörden Strafmilderungen für mögliche zukünftige Verfahren versprochen. Ein ähnliches Vorgehen ist aus dem Kampf gegen die kolumbianischen Kartelle bekannt.

Auch seriöse mexikanische Zeitungen haben seit Prozessbeginn auf Auffälligkeiten hingewiesen, wenn es um das Sinaloa-Kartell geht. Salvador García Soto merkte in El Universal an, es sei bemerkenswert, dass Zambada bis heute nicht ausfindig gemacht werden konnte, obwohl er einer der meistgesuchten Kartellbosse ist. Guzmán da­gegen sei während der zwölf Jahre der Amtszeiten Calderóns und Peña Nietos zweimal aufgefunden worden. Auch auf die mysteriösen Umstände seiner Ausbrüche aus Hochsicherheitsgefängnissen wird erneut hingewiesen. Diese können nur durch Beihilfe höchster Beamter ermöglicht worden sein. Die mexikanische Journalistin Anabel Hernández spricht in ihrem 2010 erschienenen Buch mit dem Titel »Los Señores del Narco« von einem »Pakt der Straflosigkeit«, der Guzmán geschützt habe. Präsident Vincente Fox (2000 – 2006) habe höchstpersönlich gegen eine Zahlung von 20 Millionen US-Dollar Guzmáns Flucht ermöglicht. An anderer Stelle wurde darauf hingewiesen, dass der 2006 durch Präsident Calderón ausgerufene Krieg gegen die Kartelle gegen gewisse Organisationen mit aller Härte, gegen das Sinaloa-Kartell jedoch kaum merkbar geführt worden sei.

Das Agieren von Gericht und US-Regierung hat bislang die Hypothese, es habe Absprachen gegeben, nicht entkräftigt. Wie Alan Feuer für die New York Times berichtete, habe die Regierung das Gericht in einer geheimen Nachricht dazu aufgefordert, Zeugenaussagen zu Korruption in Mexiko zu beschränken. Dieser Forderung habe das Gericht nach nichtöffentlicher Besprechung ohne weitere Erklärung und Begründung nachgegeben. Des Weiteren hätten Journalisten Zugang zu Transkripten erhalten, die geheime Absprachen zwischen dem Gericht und Guzmáns Verteidigung belegen. Bislang deute also einiges darauf hin, dass von hoher Stelle aus versucht werde, die mexikanischen Behörden vor Enthüllungen zu schützen.

All diese Anschuldigungen konnten bislang jedoch nicht einwandfrei belegt werden. Viele Beobachter erhoffen sich vom Prozess Informationen, um die mutmaßlichen Machenschaften der Behörden aufzuklären. Dass er auch zur Befriedung Mexikos beiträgt, glaubt jedoch niemand. Im Gegenteil: Beobachter warnen davor, dass die öffentliche Beschuldigung Zambadas durch Guzmán zu Auseinandersetzungen innerhalb des Sinaloa-Kartells führen könnte. Solche kartellinternen Macht- und Hegemoniekämpfe haben bislang die blutigsten Konflikte verursacht.