Lahme Literaten - Folge 3

Juli Zeh

Kolumne Von

Um zu ermessen, wer Juli Zeh ist und was ihre Verdienste sind, genügt eine Information: Anlässlich der Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten ist sie 2017 in die SPD eingetreten. Auch die lebensgeschichtlichen Voraussetzungen des unter ihrem Namen firmierenden Übels sind schnell rekapituliert: Studium des Völkerrechts; Praktikum bei der Uno; Aufbaustudiengang »Recht der Europäischen Integration«; seit 1996 Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig; »Tierschutzbotschafterin« der Stiftung Vier Pfoten; 2008 Einreichung einer Verfassungsbeschwerde gegen den biometrischen Reisepass; 2013 Engagement gegen US-amerika­nische »Spähangriffe« in einem offenen Brief an Angela Merkel; 2016 Mitinitiatorin der Charta der Digitalen Grundrechte der EU; schließlich 2018 Wahl zur ehrenamtlichen Richterin am Brandenburgischen Verfassungsgericht auf Vorschlag der SPD-Fraktion. Wer glaubt, eine solche Vita müsse die künstlerische Produktivität bis in den Triebgrund hinein zerstört haben, beweist nur das eigene Hinterwäldlertum. Zehs Engagement ist vielmehr ebenso Voraussetzung ihres literarischen Einsatzes, wie ihre zivilgesellschaftliche Daueraktivität ohne den übergriffigen Drang zu schriftstellerischer Betätigung unmöglich wäre. Ästhetische Banausie und politische Demagogie verschmelzen in ihr zur harmonischen Einheit.

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In Zehs Romanen geht es zuverlässig und penetrant immer nur um das, wovon sie auch außerliterarisch keine Ahnung hat, und zwar in einer Sprache, die sich von ihrem politmedialen Gerödel nicht unterscheidet. Ihr Debüt »Adler und Engel« (2001) handelt irgendwie von der Drogenmafia; in »Spieltrieb« (2004) tauschen sich überhebliche Privatgymnasiasten über die rechtsphilosophischen Grundlagen der Frühentjungferung aus, was natürlich böse endet; »Schilf« (2007) erzählt in einer Stilmischung aus Hoimar von Ditfurth und Nele Neuhaus von zwei Physikern, die durch einen Entführungsfall mit der Leerheit ihrer Abstraktionen konfrontiert werden; und »Nullzeit« (2012), ein Krimi mit dem Spannungsbogen von Adalbert Stifters »Nachsommer« und der psychologischen Subtilität Carolin Emckes, nimmt einen tranigen Taucherurlaub auf Lanzarote als Kulisse für eine Dreiecksbeziehung zwischen Figuren, die reden wie Maria Furtwängler im »Tatort«. Überhaupt dürften nur »Tatort«-Fans Juli Zehs Bücher überstehen, ohne mit akutem Gähnkrampf in der Notaufnahme zu landen. Aber da halb Deutschland »Tatort« schaut, werden ihre politexistentialistischen Verschwörungsschmonzetten hierzulande so lebhaft ­diskutiert wie Maischbergers Frage, ob Deutschland dunkler werde, nach der neuesten migrationspolitischen Räuberpistole mit Ballauf und Schenk. Dass Zehs Gesamtwerk erkennbar vom tugendbesoffenen Existentialismus, der hysterischen Moralisiererei und debilen Brachialrhetorik des »Tatort« geprägt ist, qualifiziert sie besonders für die Tätigkeit als ehrenamtliche Richterin. Anlässlich des Erscheinens von »Schilf« hat sie ihr Rechtsverständnis schon mal auf den Punkt gebracht: »Auch meine vorherigen Romane waren in gewisser Weise kriminalistisch, es ging fast immer um begangenes Unrecht, um einen moralischen Grenzfall und um den Versuch, das Weltengleichgewicht durch Aufklärung wiederherzustellen.«

Durchsetzung von Volksmoral statt Verteidigung der Rechtsordnung, Rettung der Welt statt Schutz des Einzelnen, globales Gleichgewicht statt individueller Urteilsspruch: Für jemanden, der solche Werte hochhält, ist ein popeliges Ehrenamt auf Landesebene nur ein kleiner Schritt auf einem weiten Weg. Darum darf niemand hoffen, künftig nichts mehr von Juli Zeh zu hören.