Cyclocross ist in Belgien sehr populär

Matadore des Matschs

Cyclocross ist überall eine Randsportart – außer in Belgien. Ein Besuch im berühmtesten Sandkrater der Branche.
Reportage Von

Der Zirkus kommt ins Dorf! Früh am Morgen schon sind die Material­wagen angerückt und die bunten Wohnmobile der Rennställe. Ab dem Vormittag zieht eine Prozession über die Hauptstraße Zonhovens: Menschen in Allwetterkleidung, mit gefütterten Jacken und Gummistiefeln, wandern in fröhlicher Erwartung durch das bisschen Schnee, das in der Nacht gefallen ist, hinaus ins Heidegebiet vor dem Städtchen. Manche tragen Fahnen, auf denen Frauen und Männer mit Fahrradhelmen ­abgebildet sind. Matadore sind es. Matadore des Matschs.

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Die Karawane hält in der dunklen Jahreszeit jedes Wochenende irgendwo in Belgien an. Sie folgt dem Kalender einer Sportart, die hier veldrijden heißt, Cyclocross oder einfach nur Cross. Samstags ein Rennen, sonntags ein anderes, und die Fankarawane folgt überall hin. Nicht wenige sind das, was man im Fußball »Allesfahrer« nennen würde. Sie tingeln durchs Land und streifen Orte, die außer Anwohnern oder Liebhabern kaum jemand kennt: Loenhout, Provinz Antwerpen. Gullegem, Provinz Westflandern. Oder eben Zonhoven, in der Nähe des Bergbaugebiets in der Provinz Limburg. Cross ist ein Spek­takel in unscheinbarem Rahmen.

Die einzige Möglichkeit, aus der Grube wieder herauszukommen, ist zu Fuß. Also geht es am Beginn der Steigung raus aus den Pedalen, und dann gibt es das klassischste aller Cross-Bilder: der qualvolle Weg bergauf mit geschultertem Rad und von Anstrengung verzerrtem Gesicht, nicht nur ein paar Meter, sondern etwa 40 endlose Schritte lang.

In Deutschland sind Querfeld­einradrennen seit den Tagen Mike Kluges weitgehend aus der öffent­lichen Aufmerksamkeit verschwunden. In Belgien dagegen, wo die Mehrzahl der Weltklassefahrer herkommt und auch die weitaus meisten Rennen stattfinden, ist Cross eine der populärsten Sportarten. Rund eine Stunde lang Vollgas geben auf verschiedenem Untergrund, Wald und Wiese, Feld, Sand und nur ein wenig Asphalt, der Kampf, im Sattel zu bleiben auf durchweg schwerem Gelände, und manchmal nur mit geschultertem Rad weiterlaufen zu können – das lockt schon mal mehr als 10 000 Zuschauer bei Wind und Wetter hinaus an den Parcours.

Wer in der Branche den Namen Zonhoven hört, denkt unweigerlich an de kuil. Die Grube ist eine ehemalige Müllkippe, ein gigantischer Krater aus braunem Sand von sicher 100 mal 200 Meter Fläche und 20 Metern Tiefe, der sich unvermittelt in einem Nadelwald auftut und auf jeder Runde zweimal durchquert wird. In belgischen Medien trägt de kuil Spitznamen wie »Kolosseum des Querfeldeinrennens«. Obwohl erst seit 2010 in den Parcours integriert, gilt die Grube als einer der wichtigsten Orte dieses Sports.

Mit einer Schneeschicht bedeckt, verstärkt sich die beeindruckende Aura noch. Der Kraterrand ist gesäumt von Menschen, und auch im flacheren Abhang kleben Fantrauben an der Strecke. Gegenüber, wo es deutlich steiler ist, haben sich ein paar Mutige niedergelassen, nachdem sie zuerst mit den Stiefeln den Schnee zur Seite geschoben hatten. Auf dem Boden des Kessels sind die Rummelplatzelemente aufgebaut, die zu jedem Rennen gehören. Kulinarischer Schnickschnack ist hier nicht zu finden.

Belgisches Pils und Fritten, je nach Gusto vielleicht noch Frikadellen, so schmeckt der Cross – eindimensionale Energiestöße, bewährt bei diesen Temperaturen. Die Beats, die samt Lightshow und Animator von einer massiven Bühne kommen, spielen in der gleichen Liga.

Unter schneegrauem Himmel bricht ein Johlen und Pfeifen aus, als das Peloton der Damen am Kraterrad erscheint. Die Matadorinnen kommen unter den kahlen Nadelbäumen herausgeschossen und pesen auf der steilen Seite in die Grube hinein. Die Juniorenrennen am Morgen haben die Senke noch tiefer gemacht, der Sand ist von bemerkenswerten Rillen durchzogen. Was Zonhoven besonders macht, ist die Kombination aus Sandboden und Gefälle. Die ersten Fahrerinnen kommen noch gut hinunter, dahinter wird es eng, und nur mit Mühe kann so manche einen Sturz vermeiden.

Unten im Kessel endet der Schwung. Die einzige Möglichkeit, aus der Grube wieder herauszukommen, ist zu Fuß. Also geht es am Beginn der Steigung raus aus den Pedalen, und dann gibt es das klassischste aller Cross-Bilder: der qualvolle Weg bergauf mit geschultertem Rad und von Anstrengung verzerrtem Gesicht, nicht nur ein paar Meter, sondern etwa 40 endlose Schritte lang. Eine Fahrerin ist so erschöpft, dass sie sich nur noch torkelnd und wie in Trance vorwärtsbewegt und, endlich oben angekommen, gleich aufgibt.

Auf der steilen Seite ist der Anstieg noch heftiger. Sanne Cant, die bel­gische Weltmeisterin, braucht dafür 70 Schritte. Viele haben einen zusätzlichen Halt nötig und greifen mit der Linken nach den Werbebanden am Rand der Strecke. Cant liegt bis zur letzten Steigung hinter ihrer niederländischen Kontrahentin Denise Betsema. Die Frau von der Nordseeinsel Texel, die vor jedem Rennen erstmal die Fähre aufs Festland nehmen muss, ist die Entdeckung dieser Saison. Erst kurz vor dem Finish nutzt Cant zwei kleine Fehler Betsemas aus und gewinnt.

Die Rennen der Frauen und Männer runden einen Cross-Tag ab. »Elite« heißen beide Kategorien, im Unterschied zu den Junioren- und Nachwuchswettbewerben zuvor.

Eines dieser Dinge, die Querfeldeinrennen besonders machen, ist die Kombination von Weltspitze und Peripherie. Die meisten Veranstaltungen finden in guter belgischer Tradition in Dörfern und Kleinstädten statt, woher auch viele Fahrerinnen und Fahrer stammen. Vielleicht kommen sich »Volk« und »Elite« in diesen Zeiten nirgendwo anders mehr so nahe wie beim Cross.

Wie genau diese Nähe aussieht, lässt sich auf halber Höhe im Steilhang erfahren. Dort stehen ein Dutzend Zuschauer um eine Flagge, die hoch in die graue Luft ragt. Auf der Flagge grinst Laurens Sweeck, einer der besten belgischen Fahrer, der diese Saison schon zwei Rennen gewonnen hat. Er ist der bekannteste der drei Sweecks im circuit. Unterstützt werden Laurens, Diether und Hendrik von einem Fanclub, der ihnen nahezu überallhin folgt. Wie die Brüder kommt er aus der Umgebung von Leuven. Die begeisterten Anhänger tragen schwarze All­wetterjacken, auf denen in leuchtendem Grün »Sweeck« steht.

»Dort unten stehen auch noch welche von uns«, sagt Erik Joors, ein Mann mit weißem Bart und schwarzer Mütze, und weist irgendwo den Kessel hinunter. Mit knapp 30 Leuten sind sie nach Zonhoven gekommen, wo zweifellos eines ihrer Lieblingsrennen stattfindet. Andere Favoriten sind Middelkerke und Koksijde, beide an der Küste gelegen. Den Sweeck-Brüdern folgen sie, weil sie die Familie schon lange kennen. Man stammt aus derselben Gegend und ist sich freundschaftlich verbunden.

Nach dem Rennen schlendern die Sweeck-Fans noch auf einen Plausch am Wohnwagen vorbei, für eine kurze Nachbetrachtung des Rennens.

Es ist nicht zuletzt diese Übersichtlichkeit, die den Charme des Cross-Zirkus ausmacht und die selbstverständlich nur so lange besteht, wie die Saison der Weltspitze vor allem in Belgien stattfindet und das Teilnehmerfeld einer erweiterten offenen belgischen Meisterschaft gleicht. Genau das aber steht derzeit zur Debatte. Eine Reform der Sportart scheint beschlossene Sache. Bislang gehören jeweils eine Handvoll Rennen zu verschiedenen, von belgischen Unternehmen gesponserten Klassements. Dazwischen gibt es Weltcup-Rennen, EM und WM. Geplant ist, dies in absehbarer Zeit durch eine Weltcup-Serie mit internationalerem Charakter zu ersetzen.

»Komm, Laurens«, feuert Erik Joors seinen Favoriten an, als dieser sich anderthalb Meter entfernt durch die Sandfurchen nach oben kämpft. Die Reform ihres Lieblingssports behagt der Gruppe gar nicht. »Teurerer Eintritt, teureres Bier«, befürchtet Joors, »und wenn sie den Weltcup ausbauen, werden schöne Rennen mit familiärer Atmosphäre dafür verschwinden.« Schon derzeit gibt es Tendenzen, die langjährigen Liebhabern nicht besonders gefallen. »Dieser Krach ist wirklich schlimm«, klagt Joors und weist in Richtung der Bühne, wo der Animator einen Parforceritt auf Kirmesbeats hinlegt. »Wir verstehen den Kommentar ja gar nicht mehr!«

Tatsächlich ist das, was sich an den anderen Schauplätzen des Rennens abspielt, zwar auf einem riesigen Videoschirm zu sehen, doch die Erklärungen dazu gehen im Soundbrei der Grube unter. So viel allerdings haben alle begriffen: Mathieu van der Poel, ein Niederländer, der immerhin in Belgien geboren wurde, hat das Feld ein weiteres Mal schon nach einer Runde weit hinter sich gelassen. Van der Poels schon zwei Jahre anhaltende Dominanz hat dem Cross einigen sportlichen Reiz genommen. Auch in Zonhoven bekommt er am Ende den gewohnten Konfettiregen.

Sobald die Eliterenner in ihren warmen Motorhomes verschunden sind, macht sich das Volk daran, die Strecke zu inspizieren. Auffallend ist, dass auch Kinder sich mit ihren Rädern auf den Parcours wagen. Als ein Junge im Sand stecken bleibt, springt sein Vater zu Hilfe. Nur mit größter Mühe gelingt es ihm, das Rad die Steigung hochzuschieben.

Die Karawane macht sich derweil auf den Rückweg. Am nächsten Wochenende wird sie ein anderes Kaff ansteuern, irgendwo in Belgien.