Ein Attentäter hat aus Hass auf die ehemalige Regierung Polens den Danziger Bürgermeister getötet

Mord auf der Bühne

Der Danziger Bürgermeister Paweł Adamowicz ist nach einem Messer­attentat gestorben. Der Täter wollte sich mit der Tat angeblich an der liberal-konservativen ehemaligen Regierungspartei PO rächen, der Adamowicz lange angehörte.

Der Danziger Bürgermeister Paweł Adamowicz ist tot. Er erlag am Montag nach einer langen Notoperation den Verletzungen, die er tags zuvor bei einem Messerattentat während einer ­Benefizveranstaltung erlitten hatte. Der 27jährige Täter Stefan W. konnte noch an Ort und Stelle überwältigt und verhaftet werden. Der 53jährige Politiker hinterlässt eine Frau und zwei Töchter.

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Das »Große Orchester der Weihnachtshilfe« ist eine der größten karitativen Veranstaltungen Polens. Bis 2016 wurde die Spendensammlung von den Behörden, dem öffentlichen Rundfunk und Fernsehen sowie von der Armee unterstützt. Die rechte Regierung Polens unter der Führung der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) beendete dies, was dem Erfolg der Spendensammlung zwar keinen Abbruch tat, der Benefizveranstaltung aber eine politische Note ­hinzufügte. Seit ihrer Gründung im Jahr 1993 durch den Fernsehmoderator Jerzy Owsiak saß dieser der Stiftung vor.

Der Polizei zufolge äußerte Stefan W. auch in Gewahrsam Hass auf die frühere PO-Regierung. Er war im Mai 2014 in Danzig für vier Banküberfälle zu ­einer Haftstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt worden. Beim Prozess zeigte er weder Einsicht noch Reue, deswegen wurde er erst nach ­Verbüßung der Gesamtstrafe im Dezember 2018 entlassen.

Das Spendenfinale war am Sonntag. Eine der Abschlussveranstaltungen fand auf dem Kohlenmarkt in Danzig statt. Auf der Bühne befand sich auch Adamowicz, der seit 1998 Bürgermeister der Stadt war. Videos zeigen, was dann geschah: In Feierlaune zählt man um 20 Uhr gemeinsam herunter bis auf null, es gibt ein Feuerwerk auf der Bühne, die Menge jubelt. Ein Mann stürmt auf den Bürgermeister zu, in seiner Hand ein Messer. Er sticht auf Adamowicz ein, einige Sekunden dauert das. Dann wendet er sich der Menge zu, die die Situation noch nicht erfasst hat. Der Täter reißt seine Hände in einer Jubelgeste hoch. So schreitet er einige ­Sekunden auf der Bühne auf und ab, wie im Siegesrausch. Dann tritt er an ein Mikrophon. »Hallo, hallo, ich heiße Stefan«, beginnt er und erzählt, dass er wegen der liberal-konservativen Partei Bürgerplattform (PO), die Polen von 2007 bis 2015 regierte, unschuldig im Gefängnis gesessen habe und dort gefoltert worden sei. Er schließt mit den Worten: »Genau deshalb stirbt Adamowicz!« Dann wird er von einem Techniker überwältigt.

Der Polizei zufolge äußerte Stefan W. auch in Gewahrsam Hass auf die frühere PO-Regierung. Er war im Mai 2014 in Danzig für vier Banküberfälle zu ­einer Haftstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt worden. Beim Prozess zeigte er weder Einsicht noch Reue, deswegen wurde er erst nach ­Verbüßung der Gesamtstrafe im Dezember 2018 entlassen. Wie er zu seinem Hass auf die PO und Adamowicz gelangte, ist noch unklar – mitunter heißt es, W. sei psychisch labil. Ebenso unklar ist, woher W. einen Ausweis hatte, der es ihm ermöglichte, als vermeintlicher Medienvertreter in die unmittelbare Nähe des Bürgermeisters zu gelangen.

Adamowicz war eine wichtige Stimme für die Demokratie in Polen. Der studierte Jurist war früh in der Gewerkschaftsbewegung Solidarność aktiv, für die er im Mai 1988 auch einen Besetzungsstreik organisierte. 1990 zog er in den Rat der Stadt Danzig ein. 1998 wurde er Bürgermeister der Stadt. In der Folgezeit gehörte Adamowicz verschiedenen wichtigen liberalen bis bürgerlich-konservativen Parteien an, schließlich ab 2001 der PO, bei deren Ausbau er half. Er war auch PO-Mitglied, als diese gemeinsam mit der Polnischen Bauernpartei (PSL) von 2007 bis 2015 die polnische Regierung stellte. Nach ­Vorwürfen der Steuerhinterziehung gegen ihn endete Adamowiczs PO-Mitgliedschaft 2015. 2018 war er Schirmherr der Danziger Gay Pride Parade. In dem Jahr gründete er auch die Initia­tive »Alles für Danzig« und wurde, unterstützt von der PO sowie den örtlichen Linken, als Bürgermeister wiedergewählt.

Politikerinnen und Politiker aller Parteien äußerten Bestürzung und Trauer über die Ermordung Adamowiczs. In einer ersten Reaktion trat Owsiak als Vorsitzender des »Großen Orchesters der Weihnachtshilfe« zurück, da er die Sicherheit Adamowiczs nicht habe sicherstellen können. Am Montagabend demonstrierten Zehntausende Menschen in mehreren polnischen Städten gegen politischen Hass.