Im Januar 1979 führte Khomeini die iranische Revolution an, im November besetzten Jihadisten Mekka

Das Jahr, das die Welt veränderte

Von der Machtübernahme Khomeinis bis zur Besetzung der Großen Moschee in Mekka durch Jihadisten: 1979 trat der politische Islam in der internationalen Politik in Erscheinung.
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Vor genau 40 Jahren wurde der ­Islam endgültig zum Dauerthema in der »Tagesschau«. Am 1. Februar 1979 landete in Teheran ein Jumbo-Jet, dem ein alter Mann entstieg; Hunderttausende Iraner säumten die Straßen und zogen zum Flug­hafen, Millionen erwarteten ihn sehnsüchtig. Noch am selben Tag drohte er in einer Rede der vom Schah eingesetzten Regierung, eine Woche später hatte er die Macht im Land übernommen. Das ernste und dauerstrenge Gesicht Khomeinis mit Bart und schwarzem ­Turban wurde emb­lematisch. Die iranische ­Revolution endete in der sogenannten Islamischen Republik und als Dauer­störfall der Weltpolitik. Und »der Islam« war plötzlich international zur politischen Kategorie geworden, ein Phänomen, das auch noch nach 40 Jahren vor allem Irritation, Befremden und Ratlosigkeit im Westen auslöst.

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Mit Khomeini, den unheimlichen jubelnden Massen und der »Islamischen Republik Iran« fing es allerdings nur an. Das Jahr 1979 brachte im Nahen und Mittleren Osten ­Ereignisse, deren Auswirkungen weltweit zu spüren sind, längst auch in den westlichen Gesellschaften. Die üblichen symbolträchtigen Jahreszahlen davor und danach, also »’68« mit seiner kulturellen Ausstrahlung und »’89« mit seinem historischen Großereignis, dem Ende der Sowjetunion und des Kalten Kriegs, verstellen mit ihrer so schlüssig erzählbaren Kohärenz den Blick auf die scheinbar disparaten und entfernten Ereignisse des Jahres 1979. Dabei betreffen deren Folgen uns längst unmittelbar, und vor allem durchweg negativ.

Nach dem Sturz des Schahs und dem rasanten Aufstieg dieses sehr ungewöhnlichen Medienstars Khomeini wurde im März 1979 als Folge des Camp-David-Abkommens vom Vorjahr der ägyptisch-israelische Friedensvertrag geschlossen. Im Juni übernahm Saddam Hussein end­gültig die Macht im Irak, Ende November schließlich drangen einige wenige, verwirrende Informationen über die Besetzung der Großen Moschee in Mekka an die internationale Öffentlichkeit, ein Ereignis, das zudem erst von der Besetzung der US-amerikanischen Botschaft in Teheran und dann am Ende des Jahres vom sowjetischen Einmarsch in Afghanistan überdeckt wurde. Und so wie der ­revolutionäre Beginn des Jahres 1979 im Iran auf die antiimperialis­tischen Träume von 1968 zurückverwies, war mit der Fahrt der russischen Panzer nach Kabul unwissentlich der Weg nach 1989 eingeschlagen worden.

Die Phänomene und Ereignisse des Jahres 1979 sind nicht plötzlich vom Himmel gefallen, sie haben ihre Entwicklungsgeschichte; doch Erscheinungen treten irgendwann an die Oberfläche und sind plötzlich weltweit zu sehen; sie verdichten sich, durchdringen sich gegenseitig und schaffen so eine neue Realität. Was sich im Jahr 1979 ereignisgeschichtlich zusammendrängt, auf den Fernsehbildschirmen erscheint, gewinnt ein Eigenleben, wird in anderer Art und Weise plötzlich wirksam. Im Jahr 1979 hat sich die Welt verändert: Hier beginnt der Siegeszug des politischen Islam.

 

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