Ein tödlicher Dammbruch in Brasilien

Tödlicher Schlamm

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Immerhin hat Vale nun angekündigt, alle sogenannten upstream tailings ­abzubauen, denn diese Dammform für Klärteiche gilt als besonders riskant. In den Klärteichen von Eisenerzminen werden die Reste der Aufbereitung aufgefangen. Um das Erz zu konzentrieren, muss das in den Minen geförderte Material sehr fein gemahlen und in Wasser aufgeschlämmt werden. Während das angereicherte Erz zu Pellets weiterverarbeitet wird, leitet man die Aufbereitungsreste in Klärteiche, die von Erdschüttdämmen zurückgehalten werden, wo der Schlamm sich dann absetzt. Upstream tailing ist ein besonders billiges, aber auch gefährlicheres Verfahren, solche Dämme zu bauen. Um sie zu erweitern, muss lediglich Erdreich entgegen der Fließrichtung aufgeschüttet werden.

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Um die Sicherheit solcher Dämme zu gewährleisten, müssen sie kontinuierlich entwässert und gewartet werden. Feuchtigkeit erhöht zunächst die Stabi­lität dieser Erdschüttdämme, da das Wasser sie schwerer macht. Erreicht der Wassergehalt des Erdreichs aber einen bestimmten Punkt, verflüssigt es sich schlagartig und der Damm bricht, wie es in Mariana und Brumadinho ­geschah. Nach Angaben des Leiters der brasilianischen Umweltbehörde Ibama, Júlio Cesar Dutra Grillo, sind über 300 Dämme von Klärteichen in Bra­silien unsicher. 35 Millionen Menschen leben in der Nähe solcher Bauwerke. Vale betreibt nach eigenen Aussagen derzeit zehn weitere upstream tailings. ­Deren Abbau würde umgerechnet knapp 1,2 Milliarden Euro kosten. Am Montag vergangener Woche sank der Aktienwert des Unternehmens um annähernd 20 Prozent im Vergleich zur Vorwoche, das entspricht knapp 13 Milliarden Euro.

In den kommenden Monaten werden zudem erhebliche Schadensersatzforderungen auf Vale zukommen. Das Staatsanwaltschaft für Arbeitsrecht von Minas Gerais hat bereits verlangt, dass Vale für den erlittenen immateriellen Schaden der Beschäftigten beziehungsweise der Angehörigen umgerechnet jeweils mindestens 500 000 Euro Schadenersatz zahlen soll. Um die Zahlungen garantieren zu können, hat die Behörde bereits juristisch veranlasst, dass umgerechnet 188 Millionen Euro des Unternehmens Vale auf verschiedenen Konten eingefroren werden.

Schadensersatzforderungen könnten auch deutsche Unternehmen treffen. Die brasilianische Filiale des TÜV Süd hatte noch im September die Sicherheit des Damms überprüft. Zwei Mitarbeiter des Unternehmens wurden am Dienstag vergangener Woche verhaftet. Der Jungle World sagte ein Firmen­sprecher, dass die Überprüfung auf Grundlage gesetz­licher Vorgaben von Vale in Auftrag gegeben worden sei. Der TÜV Süd könne »aufgrund der laufenden Ermittlungen zurzeit keine weiteren Auskünfte geben«, unterstütze die Untersuchung aber »vollumfänglich«.

Die Überprüfung durch den TÜV Süd könnte wichtig sein, da erst im Dezember die Umweltbehörde von Minas Gerais eine Ausweitung der Aktivitäten der Mine Córrego do Feijão erlaubt hatte. Dabei wurde in einer Sitzung der zuständigen Kommission der Risiko­status des Klärteichs von Stufe sechs auf vier herabgesetzt. Tchenna Maso von der Bewegung der Staudammbetroffenen (MAB) schrieb in einer E-Mail an die Jungle World: »Wir vom MAB glauben, dass die externen Unternehmen, die die Sicherheit von Dämmen überprüfen, Verantwortung in diesem Fall tragen, denn es war ja mutmaßlich die Studie des TÜV Süd, die dazu beigetragen hat, dass der Damm im Dezember als sicher eingestuft und eine Erweiterung der Mine genehmigt wurde. Wir glauben, dass diese Unternehmen zu dem Netz gehören, das Straflosigkeit für Unternehmen garantiert, und zu dem auch die staatlichen Behörden zählen, die ihrer Pflicht zur Kontrolle der Wirtschaft nicht nachkommen.«

Dass beim Unglück so viele Arbeiterinnen und Arbeiter ums Leben kamen, liegt auch daran, dass der Damm oberhalb der Verwaltungsgebäude und der Kantine der Mine angelegt worden war. Diese Gebäude lagen also direkt im Weg der Schlammlawine. Das könnte auf den deutschen Konzern Thyssen-Krupp zurückfallen, denn der Klärteich wurde 1976 von dessen Tochterunternehmen Ferteco Mineração S.A. angelegt. 2001 kaufte Vale Ferteco auf.

Das Unglück ist die direkte Folge der laxen Überprüfung von Sicherheits- und Umweltstandards bei Unternehmen durch brasilianische Behörden. Die ­Politik in Brasilien folgt weiterhin der Maxime, dass die exportorientierten Wirtschaftszweige wie der Bergbau und die industrielle Landwirtschaft keinesfalls durch Regulierungen behindert werden dürfen. Bolsonaro kündigte in seinem Wahlkampf an, die Vergabe von Umweltlizenzen für den Bergbau und die Agrarindustrie noch zu vereinfachen, und kritisierte die Umweltbehörden als zu streng im Umgang mit »dem produktiven Sektor«. Kurz vor dem Unfall hatte er die Aufgabe, Schutzgebiete für Indigene zu markieren, von der Indigenenbehörde Funai auf das Agrarministerium übertragen. Er begründete den Schritt damit, das Wachstum des Bergbaus und der Landwirtschaft im Amazonasgebiet fördern zu wollen. Wenn Bolsonaro seine Forderung, jemand müsse für das Unglück bezahlen, wahrmachen und weitere solche Katastrophen verhindern will, dann müsste er grundlegend von seiner bisher angekündigten Politik abrücken.