Der Finnentag in Hohenlockstedt geht unkritisch mit der Geschichte der deutsch-finnischen Waffenbrüderschaft um

Ein Kraftakt für die Jäger

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Rund zehn Prozent der Gäste kommen aus Finnland. Der Finnentag ist für die Gemeinde ein Mammutprogramm, vom Empfang am Vormittag über die Ehrung am Gedenkstein bis hin zum gemeinsamen Kaffeetrinken in der Aula. »Für unsere kleine Gemeinde ist das echt ein Kraftakt«, sagt Jürgen Klein, zweiter Bürgermeister des Dorfs. In der Aula werden Auszeichnungen und Wimpel überreicht, Schüler der ortsansässigen Wilhelm-Käber-Schule bekommen ein Stipendium, um sich weiterhin mit den finnischen Jägern beschäftigen zu können. Finnische Soldaten erhalten das Ehrenabzeichen von Hohenlockstedt in Gold und einige Soldaten die Waffenbrüderfahne, die wie eine Mischung aus dem finnischen Freiheitskreuz und dem deutschen ­Eisernen Kreuz aussieht. Die Atmosphäre ist freundschaftlich.

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Hanna Rieck-Takala, die das Jägermuseum im finnischen Kauhava leitet, lässt neben dem Stolz auf die Jägerbewegung immerhin auch etwas Kritik anklingen: »Ganz uneigennützig war die Ausbildung von Seiten des Deutschen Reiches nicht. Und auf finnischer Seite bestand die vage Hoffnung auf eine Niederlage Russlands, die die Unabhängigkeit beschleunigt hätte.« Ob die Tradition der Jäger auch bis zum finnischen Freiwilligen-Bataillon der Waffen-SS reicht? Darauf weiß sie – noch – keine Antwort, betont aber, dass dieses Kapitel mit Sicherheit weiter untersucht werden müsse.

Von den Schattenseiten der »Waffenbrüderschaft« will man offenbar nichts wissen. Auf deutscher Seite herrscht weitgehend Konsens, dass es keine positive Bezugnahme auf die »Leistungen« deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg geben darf. Aber auch dem Ersten Weltkrieg und der Niederschlagung des revolutionären Aufstands in Finnland kann man nicht neutral gedenken. Mark Aretz, Oberstleutnant der Reserve und Verbindungsoffizier zu den Finnen, schreibt im Magazin Der Infanterist, die deutsche Reichswehr sei in Finnland »selbstloser Helfer« und nicht »gieriger Imperialist« gewesen. Ob die Beteiligung der Deutschen kriegsverkürzend oder kriegsentscheidend in Finnland war, sei reine Speku­lation, an der nur »Schreibern unterschiedlicher Couleur« gelegen sei. »Der ausgesprochene Sonderweg, zu glauben, dass Außenpolitik nur bei lupenreiner Einhaltung höchster moralischer und ethischer Grundsätze legitim sei«, beschränke »sich hingegen vorwiegend auf den bundesdeutschen Kosmos«. Aretz resümiert: »Dass trotz ­gegenteiliger Faktenlage vielfach ein holzschnitzartig negatives Bild des deutschen Engagements in Finnland gezeichnet wird, dürfte wohl eher ideologisch motiviert sein.«

Die Atmosphäre ist freund­schaftlich. Von den Schatten­seiten der »Waffen­brüderschaft« will man offenbar nichts wissen.

Über den Zweiten Weltkrieg spricht man möglichst wenig. Das traditionelle Geschichtsbild Finnlands sieht das Land als Opfer der übermächtigen Sowjetunion, gegen die man sich verteidigt habe, ohne sich am deutschen Vernichtungskrieg zu beteiligen. Tatsächlich gab es kein formelles Bündnis und Finnland hat etwa die Belagerung Leningrads nicht militärisch unterstützt. Neuere Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass Finnland durchaus enger mit den Nazis zusammenarbeitete, als viele wahrhaben wollen. So wurden Tausende sowjetische Kriegsgefangene und mehr als 100 Zivilisten, unter ihnen 70 Juden, nach Deutschland ­deportiert. Zudem waren Finnen an den Morden der Einsatzkommandos beteiligt und dienten in der SS-Einheit Wiking.

Wenn der stellvertretende Vorsitzende der Jägerstiftung, Peter Fagernäs, in seiner Rede betont, dass die Enthüllung des Denkmals für die Jäger im Jahr 1939 »eine bemerkenswerte Feier der finnisch-deutschen Waffenbrüderschaft« gewesen sei, zeigt dies, dass eine kritische Aufarbeitung der Jägerbewegung noch aussteht. Die Feier an diesem sonnigen Tag in Hohenlockstedt mit den vielen angereisten Finnen und der Betonung der deutsch-finnischen Freundschaft ist offenbar nicht der passende Rahmen. Kritik wurde in den vergangenen Jahren nur sehr verhalten geäußert.

Der dem Finnentag sehr kritisch gegenüberstehende Hobbyhistoriker ­Georg Blum hatte immer wieder angeprangert, dass auf dem Finnentag einer »Traditionspflege für Bürgerkrieg und Massenmord« gehuldigt werde. Am Abend des 23. Februar waren immerhin auf Twitter die ersten kritischen Kommentare zu lesen.