Das Buch »Die Clubmaschine« will das postindustrielle Lebensgefühl der Clubgänger verstehen

Im Stroboskoplicht der Erkenntnis

Ins Berghain gehen, um das postindustrielle Lebensgefühl zu verstehen: Das Buch »Die Club­maschine« von Kilian Jörg und Jorinde Schulz soll einen Beitrag zur Analyse der Gegenwart leisten.

Spätestens seit dem Plagiatskandal um den Roman »Axolotl Roadkill« von Helene Hegemann im Jahr 2010, der das Berghain zum Schauplatz hatte, sind die Partynächte im skandalumwitterten Berliner Technoclub regelmäßig ein Medienthema. Jetzt haben Kilian Jörg und Jorinde Schulz, Mitglieder des Kollektivs philosophy unbound, ein Buch über das Berghain geschrieben. Der in der Taschenbuch-Reihe »Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden« im Hamburger Textem-Verlag erschienene Band »Die Clubmaschine« ist eine Art philo­sophische Skizze mit dem Anspruch, »aus der Dunkelheit eines Clubs makropolitische Spannungen, Tendenzen und Widersprüche unserer Gesellschaft ans Licht zu bringen, den Untergrund dieser Maschinenliebe zu ergründen und das postindustrielle Lebensgefühl zu verstehen«. Der Text will weder rein fiktiv noch subjektiv und schon gar nicht voyeuristisch sein. Vielmehr ist das Vorhaben der Autoren, die sich selbst als begeisterte Clubgänger bezeichnen, epistemologischer Natur. Die Beschäftigung mit einem der derzeit wichtigsten Clubs soll helfen, die Gegenwart zu verstehen. Amüsanterweise hat dieser Ansatz dem Autorensduo innerhalb der größten Berghain-­Facebook-Gruppe den Vorwurf eingebracht, einen ehernen Grundsatz verletzt zu haben: »What happens in Berghain stays in Berghain«.

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Besorgte regulars können jedoch beruhigt sein: »Die Clubmaschine« verrät nicht, was sich mit welchen Leuten im Club zugetragen hat. Eine trocken-präzise Analyse spätkapita­listischer Kulturindustrie, die einem das Ausgehen madig machen will, ist das Buch aber auch nicht. Stattdessen handelt es sich um eine bunte und kurzweilige Montage, die Versatzstücke aus den verschiedensten Text­sorten und philosophischen Schulen zusammenfügt, was zu einem wirklich netten Literaturverzeichnis führt: In DJ-Manier vermischt werden Berichte von Freundinnen und Bekannten der Autoren, E-Mails, Facebook-Kommentare, Exzerpte aus Texten von Rainald Goetz, Tobias Rapp, dem Berghain-Türsteher Sven Marquardt sowie Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Friedrich Nietzsche und Gottfried Wilhelm Leibniz.

Jörg und Schulz entlarven die Vorstellung von totaler »true­ness«, die auf das Berlin der neunziger Jahre häufig bezogen wird, als Chimäre. Auch schon vor fast 30 Jahren gab es Erscheinungen von Gen­trifizierung und Institutionalisierung von und durch Clubs und Techno­kultur. So fühlten sich etwa Punks und Hausbesetzer aus ihrem Haus in Berlin-Mitte gemobbt, damit dort unter anderem einer der ersten Berliner Clubs, die »Ständige Vertretung«, entstehen konnte.

Jörg und Schulz machen keinen Hehl daraus, dass sie voreingenommen sind. Zu Beginn schreiben sie über ihre Herangehensweise: »Uns ­interessiert nicht, die Wahrheit über das Berghain aufzuschreiben. Wir könnten es nicht. Die Auswahl der Perspektiven, die Mischung der Erfahrungen und Themen sind von unseren eigenen Sensibilitäten und blinden Flecken geprägt.« Bisweilen wirkt das recht beliebig, etwa wenn konträre Auffassungen unkommentiert aneinandergereiht werden; manchmal sind nicht einmal Zitate als solche gekennzeichnet. So liest man in einer E-Mail, dass Denken mit Fetischisierung anfange und zu viel Aufgeklärtheit dabei nur stören würde. An anderer Stelle wird das Berghain zur »Sozialplastik« erklärt; der nicht unproblematische Begriff wird umstandslos von Joseph Beuys übernommen. Ein paar Seiten weiter wird aus der »Dialektik der Aufklärung« zitiert, um zu beschreiben, wie das Verhängnis des Individuums von ihm selbst durch seine kultur­industriellen Vergnügungen ideologisch affirmiert wird. Dass sich diese Aussagen widersprechen, scheint für die Autoren kein allzu großes Problem darzustellen, schließlich will man ein vielschichtiges Bild des »Phänomens Berghain« erzeugen. Jörg und Schulz bedienen sich dabei durch­gehend eines postmodernen, diskursiven Schreibstils, der viel mit dem Plural (»Sexualität und Sexualitäten«, »Aufmerksamkeiten«) und zuweilen irritierenden Begriffsschöpfungen wie »queere Heteros« hantiert.

Trotz mancher Schwächen lässt sich dem Buch einiges abgewinnen. Ein Topos, der sich durch die Lektüre zieht, ist die Dialektik von innen und außen. Der Club ist eine Institution, die per definitionem nur durch den Mechanismus des Ausschlusses existiert. Tatsächlich ermöglicht der Ausschluss, den das Berghain durch seine »harte Tür« so schamlos zelebriert wie kaum eine andere Institu­tion, sich in seinem Inneren besonders und frei zu fühlen. Fraglich ist ­jedoch, ob völlig berauschter Hedonismus wirklich Freiheit bedeutet und inwiefern Praktiken oder Gefühle, die nur hinter geschlossenen ­Türen erlebt werden, emanzipatorisch genannt werden können. Letzlich beruhen sie auf Ausschlüssen, die nach Coolness-Kriterien erfolgen. Unter Philanthropie stellt man sich schließlich etwas anderes vor, als dass Menschen nach stundenlangem Schlangestehen in der Winterkälte ohne eine Erklärung nach Hause geschickt werden, nur weil sie in den Augen der hippen Feier-Crowd als spießbürgerlich gelten. All das hindert Schulz und Jörg nicht daran, dass Berghain mit Nietzsche zur »ethischen Autorität« hochzustilisieren und zum Maßstab von Stil und Geschmack zu erklären, was umso irritierender ist, als sie selbst feststellen, dass Differenz und Devianz in Zeiten des Spätkapitalismus schon längst keine Bedrohung mehr für die herrschende Ordnung darstellen, sondern sich in den allermeisten Fällen durch rasche Kommodifizierung nahtlos in die Sphäre der Warenzirkulation einfügen. Subkulturelle Codes sagen im zeitgenössischen Kontext eben nur bedingt etwas aus und können von Menschen mit unterschiedlichsten Wertvorstellungen verwendet werden.

Ergiebig ist die Lektüre immer dann, wenn historische Konstellationen angesprochen werden. So wird zum Beispiel Leibniz’ vorindustrielle Vorstellung einer monadischen Zukunftsgesellschaft, in der Individuen und Maschinen im Kollektiv zusammenwirken, auf das rhythmische Tanzen zu Maschinenklängen bezogen oder die schwindende Bedeutung des Militärs mit der zunehmenden Popularität endloser und physisch fordernder »Feiermarathons« erklärt. Auch die queere New Yorker Ballroom-Szene aus den achtziger Jahren und ihre rasche Verwertung nach der Logik des Kapitals werden dargestellt.

Zudem entlarven Jörg und Schulz die Vorstellung von totaler »true­ness«, die auf das Berlin der neunziger Jahre häufig bezogen wird, als Chimäre. Auch schon vor fast 30 Jahren gab es Erscheinungen von Gen­trifizierung und Institutionalisierung von und durch Clubs und Techno­kultur. So fühlten sich etwa Punks und Hausbesetzer aus ihrem Haus in Berlin-Mitte gemobbt, damit dort unter anderem einer der ersten Berliner Clubs, die »Ständige Vertretung«, entstehen konnte.

Die komplementär dazu formulierte These, dass Clubkultur in der ­Gegenwart nicht völlig verloren sei, sondern immer noch widerständige und subversive Potentiale berge, hätte von den Autoren hingegen anders begründet werden müssen als mit dem temporär im Exzess verspürten Glücksrausch und der vagen Beschreibung von auswechselbaren »Subjektivitäten«.

Mehr Entschiedenheit in der Form und weniger Eklektizismus hätten dem Text sicherlich gut getan, wollte man wirklich einen präzisen Beitrag zur Gesellschaftsanalyse leisten. Dies kann freilich ohnehin schwer ge­lingen, wenn man das Berghain (auch) als Kunstwerk begreift und ihm transzendierende Qualitäten zuschreibt. Dafür rauscht das Buch mit hohem Tempo durch die Philosophie- und Stadtgeschichte, fängt Ideen, Stimmungen und Emotionen ein und bietet zumindest für Berghain-Fans und jeden, der schon immer wissen wollte, wie es ist, »einer von denen« zu sein, eine mitreißende Lektüre.

 

Kilian Jörg und Jorinde Schulz: Die Clubmaschine. Textem-Verlag, Berlin 2019, 215 Seiten, 16 Euro