In Bulgarien kommt es immer wieder zu Selbstverbrennungen

Tödlicher Ausweg

In Bulgarien kommt es seit den Protesten von 2013 immer wieder zu Selbstverbrennungen. Ein Grund dafür ist die ökonomische Misere, die viele Privathaushalte ins Elend stürzt.

Innerhalb nur weniger Wochen gab es in Bulgarien drei Fälle von Selbstverbrennungen. So zündeten sich in der ersten Februarhälfte ein 51jähriger Mann aus dem Dorf Burja in der Nähe von Drjanowo, eine 52jährige Frau auf dem Hof ihres Hauses im Dorf Kamen und ein Vater von zwei Kindern aus der Stadt Rila an. Die Medien berichteten in allen drei Fällen, die Motive seien Armut und Verzweiflung gewesen.

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Selbstverbrennungen gibt es in Bulgarien fast jedes Jahr. Einige dieser Fälle sehen Medien und Politik als politisch an, andere als sozial und wirtschaftlich motiviert, meist sind sie mit persönlichen Tragödien und psychischen Krisen verbunden.

Selbstverbrennungen rückten im ­Februar 2013 das erste Mal in die Aufmerksamkeit der bulgarischen Öffentlichkeit. Damals demonstrierten Zehntausende Menschen gegen die Regierung. Die Proteste in Sofia, Plowdiw, Warna und vielen anderen Städten richteten sich zunächst gegen Strompreiserhöhungen und Sparmaßnahmen, später forderten die Demonstrierenden höhere Einkommen und den Rücktritt der Regierung. Die wochenlangen Proteste, unter anderem vor dem Parlament in Sofia, führten schließlich zum Rücktritt der rechtskonser­vativen Regierung unter Bojko Borissow von der Partei Gerb. Viele sahen den Protest als Chance, um weitreichende Veränderungen zu erreichen, doch auch die folgende Minderheitsregierung unter Plamen Orescharski scheiterte nach 420 Tagen im Amt. Es kam erneut täglich zu Protesten gegen die alte politische Führungsschicht, die monatelang andauerten, einige Universitäten wurden besetzt und das Areal um das Parlament wurde abgesperrt. 2014 erlangte Borissow das Amt des Ministerpräsidenten erneut. 2017 trat er nach einem Streit um Präsidentschaftsnominierungen zurück, doch bei den wenige Wochen später folgenden Neuwahlen wurde Gerb wieder die stärkste Partei und Borissow ist seither zum dritten Mal Ministerpräsident.

Der erste registrierte Fall einer Selbstverbrennung während der Proteste von 2013 war der des 26jährigen Trajan Marechkow. Der junge arbeitslose Mann zündete sich am 18. Februar 2013 in Weliko Tarnowo an und erlag seinen Verletzungen. Weitaus mehr Aufsehen erregte allerdings zwei Tage später Plamen Goranow. Der 36jährige Fotograf und Fassadenkletterer zündete sich vor dem Rathaus in Warna an und kam ­zunächst ins Krankenhaus. Goranow war damals führend an den Antiregierungsprotesten in Warna beteiligt. Auf einem Plakat forderte er während ­seiner Tat den Rücktritt des damaligen Bürgermeisters von Warna, Kiril Jordanow, dem Verbindungen zum organisierten Verbrechen vorgeworfen wurden. Nach Goranows Tod am 3. März trat Jordanow tatsächlich zurück.

Goranows Tod löste eine Welle von Selbstverbrennungen im ganzen Land aus, im Verlauf des Jahres registrieren die Behörden mindestens acht weitere Fälle, die tödlich endeten, dazu mehrere Versuche. Nicht alle Taten fanden in der Öffentlichkeit statt. Die meisten Menschen, die sich 2013 selbst anzün­deten, waren in ihren Vierzigern und Fünfzigern, doch auch ein 21jähriger und zwei über 70jährige waren darunter. Auch 2014 gingen die Selbstverbrennungen weiter, mindestens sieben Menschen zündeten sich an, die meisten von ihnen waren in ihren Zwanzigern und Dreißigern. 2015 registrierten die bulgarischen Behörden fünf tödliche Selbstverbrennungen, für die ­Jahre 2016 und 2018 ist jeweils ein Fall bekannt.

Warum kommt es gerade in Bulgarien seit den Protesten 2013 immer wieder zu Selbstverbrennungen? Die in Liverpool lehrende bulgarische Soziologin Mariya Ivancheva, die sich intensiv mit der sozioökonomischen Situation und den Protesten 2012/2013 beschäftigt hat, hält fest: »Bulgarien ist ein Land, das von der Wirtschaftskrise sehr betroffen ist, insbesondere durch den Anstieg der Elektrizitätskosten 2013, der die Selbstverbrennungswelle auslöste.« Sie erinnert daran, dass dies einige Jahre nach Beginn des »arabischen Frühlings« geschah. Als Auslöser der Revolte in ­Tunesien und in der Folge des »arabischen Frühlings« galt die Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohammed Bouazizi am 17. Dezember 2010 in Sidi Bouzid. In Osteuropa war diese Protestform ­bereits durch die Selbstverbrennung des tschechischen Studenten Jan Palach bekannt, der sich am 19. Januar 1969 aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings anzündete. Nach dem Tod Plamen Goranows seien Selbstverbrennungen in Bulgarien in das »Repertoire des Protests« aufgenommen und von den Medien und der Öffentlichkeit entsprechend verstanden worden, so Ivancheva. Den Betroffenen sei später »das gleiche Symptom sozialen Leidens zugeschrieben« und ihre Taten seien nicht als »›einfache‹ Suizide« ­behandelt worden.

Während die Tat Bouazizis von der europäischen Linken breit diskutiert wurde, erhalten die immer wiederkehrenden Proteste in Bulgarien, die vor mittlerweile sechs Jahren begannen, sowie die Tat Goranows 2013 kaum Aufmerksamkeit. Zuletzt gingen im November Tausende in Bulgarien ­gegen steigende Treibstoffpreise und Steuern auf die Straße. Vergangene ­Woche demonstrierten Krankenschwestern für höhere Löhne. Grundsätzlich antikapitalistische Forderungen sind allerdings selten zu hören und rechtsnationalistische Positionen sind in der bulgarischen Bevölkerung weit verbreitet, was sich auch in der Regierung widerspiegelt. Gerb regiert in einer Koalition mit dem rechtsnationalistischen Bündnis Vereinigte Patrioten, dem unter anderem die rechtsextreme Partei Ataka angehört.

»Die Selbstverbrennungen zeigen, dass viele Menschen in Bulgarien inzwischen von Institutionen abgeschnitten sind, die eine gerechte Umverteilung, soziale Gerechtigkeit und Solidarität ermöglichen«, so Ivancheva. »Unter diesen Bedingungen ist der einzige Zugang zur Bürgerbeteiligung der Konsum, der – in der Situation chronischer Armut sowie bei prekären Einkommen und steigenden Preisen – einigen wenigen Privilegierten gewährt wird. Für die Mehrheit ist die Realität geprägt von wachsender Verschuldung, insbesondere betrifft dies die privaten Haushalte.«

Bulgarien ist das ärmste Mitgliedsland der EU. Das Durchschnittseinkommen liegt dort bei rund 300 bis 400 Euro monatlich, der Mindestlohn wurde im Januar auf 286 Euro im ­Monat erhöht. Die Lebenshaltungskosten sind sehr hoch. Zwar liegt Bulga­rien mit einem Wirtschaftswachstum von über drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts über dem EU-Durchschnitt von 2,4 Prozent, die soziale ­Ungleichheit wächst allerdings stetig.