Ausstellung »Contemporary Muslim Fashions«

50 Shades of Sittsamkeit

Die vieldiskutierte Ausstellung über muslimische Mode in Frankfurt am Main macht erneut deutlich: Wer die Verhüllung von Frauen als Selbstbestimmung feiert, erschwert Gesellschaftskritik und weibliche Emanzipation.

Vor dem Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main steht ein weißer Pavillon, um diesen eine Traube Menschen, die im Nieselregen Schilder vor sich halten. Darauf zu sehen sind Fotografien und Texte zur »Islamischen Revolution« im Iran – Bilder von Menschen, die mit hohem Einsatz für die Befreiung von religiösen Zwängen kämpfen. Die Menschen protestieren gegen die von dem ehemaligen Direktor des Städel-Museums, Max Hollein, initiierte Ausstellung »Contemporary Muslim ­Fashions«. Diese war erstmals im Fine Arts Museums of San Francisco zu sehen gewesen, jetzt gastiert sie in Frankfurt. Das Museum zeigt unterschiedliche Kleidungsstücke, die größtenteils von Designerinnen und Designern aus muslimisch geprägten Ländern entworfen wurden, aus dem Mittleren Osten, Malaysia oder Indonesien, aber auch aus den USA. Es finden sich knallige, bunte Farben, Pailletten und Muster, zu den meisten Entwürfen gehört ein Kopftuch oder eine andere Kopfbedeckung. Gemeinsam sind den etwa 80 Exponaten die langen Ärmel, der tiefliegende Saum, die hochgeschlossenen Kragen, die weiten Formen und die blickdichten Stoffe.

Die Entscheidung, dieses oder jenes anzuziehen, unterliegt immer schon einer Bestimmung von außen, dem Blick des anderen. Die Verhüllung dient sich diesem Blick an, dem lüsternen Blick des Mannes.

Bereits zwei Wochen vor der Eröffnung am Donnerstag vergangener Woche hagelte es reichlich Kritik. Die »Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung«, zu denen die iranische Frauenrechtlerin Monireh Kazemi gehört, warf dem Museumsdirektor Matthias Wagner K in einem offenen Brief vor, religiös begründete Diskriminierung von Frauen zu protegieren und zu verkennen, dass »die sogenannte Freiwilligkeit, mit der sich Models oder sogenannte modebewusste muslimische Frauen verhüllen, eine antrainierte Haltung ist«. In eine ähnliche Kerbe schlug das Protestschreiben des Zentralrats der Ex-Muslime, in dem von einer Verspottung »von Millionen Frauen, die Opfer dieser ›Mode‹ geworden sind«, die Rede ist und eine Annul­lierung der Ausstellung gefordert wird. Die Menschenrechtsorganisation Terres des Femmes sieht »Contemporary Muslim Fashions« ebenfalls kritisch, da das Gebot der Verhüllung Mädchen jeden Alters als Sexual­wesen und potentielle Verführerin markiere.

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Der Herr mit dem kunstvoll nachgestellten K im Namen kann indessen kein Problem erkennen. Die Ausstellung stehe für Weltoffenheit und Multikulti, es gehe darum, »eine Mode vorzustellen, bei der es ganz klar um die Selbstbestimmung der Frau geht«, sagte Wagner K in der ­Eröffnungsrede. Die Kritik artikuliert für ihn und die Kuratorin Mahret Ifeoma Kupka eine Perspektive unter vielen. Zwischen einem Video, in dem eine hochschwangere Frau davon rappt, wie sie ihren Hijab wickelt, zwischen der Kritik nicht am Burkini, sondern am Burkini-Verbot, zwischen den vielen Texten, die Verschleierung als selbstbestimmt deklarieren und zwischen den vielen langen Gewändern hängen einzelne Fotos von Hengameh Golestan. Sie zeigen unverschleierte Frauen im Iran 1979, die in Massen gegen den Verhüllungszwang auf die Straße gingen. Für das Museum scheint die Pflicht zur Differenzierung damit erfüllt zu sein, ebenso wie für die Modeindustrie. In der Vogue schwört man die Leserin in einem Artikel darauf ein, Mode eben Mode sein zu lassen. Die Designerinnen stammten schließlich aus Weltregionen, in denen es normal sei, sich zu verhüllen. Die Ausstellung sei Ausdruck einer »pluralen, multikulturellen Gesellschaft – deren Botschafter die Mode sein kann«.»Vergnügtsein heißt Einverstandensein.«

Hijab von Dior? Vergnügtsein heißt Einverstandensein.

Dass die Weltoffenheit der pluralen, multikulturellen Gesellschaft dadurch stimuliert werden dürfte, dass muslimische Mode ein riesiges Marktsegment darstellt, bleibt unausgesprochen. Die Kommerzialisierung religiöser Kleidervorschriften und ihre Eingliederung in den Kapitalismus verspricht große Gewinne, dazu können die Unternehmen sich auch noch als weltoffen präsentieren. Es herrscht Goldgräberstimmung bei Labels wie Dolce & Gabbana und Dior ebenso wie bei H & M und Nike. Sport-Hijabs werden vertrieben und auf den Laufstegen dieser Welt sind bereits vereinzelt Frauen wie Halima Aden zu sehen. Diese zierte schon mehrmals das Cover der Vogue und teilt auf Instagram Bilder von sich als Zweitklässlerin mit Hijab.

Dass das Verhüllungsgebot für Frauen unter Musliminnen nicht ­unumstritten ist, daran erinnert Seyran Ateş, Imamin und Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, in der Männer und Frauen gemeinsam beten. In Ateş’ Augen ist das Kopftuch, das viele der Modelle in der Ausstellung tragen, Kennzeichen eines rückwärts­gewandten politischen Islams, der Geschlechter­apartheid predigt. Sie ­erhebt im Magazin Emma den Vorwurf, die Veranstalter würden »sich für Geld an die Modeindustrie und die Islamisten« verkaufen. Eines der Exponate versinnbildlicht eine solche Allianz: Die Fotografie von Wesaam Al-Badry zeigt einen Niqab, der aus einem dunkelblauen Seidentuch ­gefertigt ist. Dieses verhüllt das gesamte Gesicht der Trägerin, aufgedruckt ist eine goldene Kette, auf der das Wort Chanel dort steht, wo ein Mund vermutet werden darf. Die Offenheit für eine kritische Rezeption macht dieses Foto zu einem der weniger eindeutigen Gegenstände der Ausstellung, die sich sonst in der Affirmation der farbenfrohen und raffinierten Weisen erschöpft, in denen man den Körper verhüllen kann. »Vergnügtsein heißt Einverstandensein«, schrieb Theodor W. Adorno. Was uns die Kritikerinnen der Ausstellung nicht vergessen lassen wollen, ist, dass das Vergnügen an diesen Entwürfen das Privileg einer kleinen Gruppe von Menschen ist, für die Verhüllung Mode sein kann. Die fröhlichen Farben in der Ausstellung verbergen nicht nur den weiblichen Körper, sondern auch die Geschichte der Kämpfe, die um ihn geführt werden.

»Contemporary Muslim Fashions« normalisiert und etabliert eine ­Praktik als muslimische Mode, die religiösen Bedeckungsgeboten folgt, wodurch die, die sich nicht so kleiden, als Abweichlerinnen erscheinen. Die Ausstellung macht Politik für einen konservativen Islam und für die privilegierte Gruppe derer, die sich entscheiden können, das Kopftuch zu tragen oder auch nicht. Indem sie Verhüllung und Kopftuch zum Symbol der Selbstbestimmung erklärt, nimmt sie allen Frauen, die sich nicht freiwillig so kleiden, die Möglichkeit, sich auf­zulehnen. Dagegenzuhalten, es gebe in Deutschland ja keinen Zwang zur Verschleierung wie im Iran oder in Saudi-Arabien, ist absurd. Nur ein Zyniker oder ein äußerst naiver Mensch wird behaupten wollen, dass es keine gesellschaftlichen, kulturellen und familiären Zwänge gibt, wenn diese nicht von der Staats­gewalt durchgesetzt werden. So zu argumentieren, heißt, Gesellschaftskritik zu verunmöglichen. Denn tatsächlich zwingt ja auch niemand in der westlichen Gesellschaft Mädchen dazu, Rosa zu tragen, mit Puppen zu spielen, Kleider anzuziehen, zurückhaltend zu sein, Care-Arbeiten zu übernehmen und sich später dem Mann unterzuordnen, Kinder zu bekommen, die Schuld immer bei sich zu suchen oder mit weniger Gehalt zufrieden zu sein.

Trotzdem sind Geschlechterstereotype und die Zurichtung auf eine Geschlechterrolle Gegenstand der Kritik und Veränderung. Wo es keine direkte staatliche Gewalt gibt, herrscht nicht gleich Selbstbestimmung. Das Gegenteil zu behaupten, heißt, hinter die Einsichten eines Feminismus zurückzufallen, der in dem berühmten Satz von Simone de Beauvoir zum Ausdruck kommt: »Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.« Die von Wagner K proklamierte, in der Ausstellung gefeierte »Selbst­bestimmung« wird schon dadurch konterkariert, dass Mode als Kulturphänomen den Blick des anderen immer mitdenkt.

Die Entscheidung, dieses oder jenes anzuziehen, unterliegt immer schon einer Bestimmung von außen, dem Blick des anderen. Aus einer feministischen Perspektive, die für Befreiung streitet, wiegt aber schwerer, was genau für ein Blick das ist: die gegen die Ausstellung Protestierenden wenden sich gegen den Blick, dem Verhüllung sich andient, den lüsternen Blick des Mannes nämlich, dem keine Triebkontrolle abverlangt werden darf. Darauf machen auch die Performer aufmerksam, die die Eröffnung in Frankfurt störten: Eine junge Frau stürmte in schwarzer Burka in den Raum, entledigt sich des Kleidungstückes, darunter trug sie ein bauchfreies, glänzendes Top mit Netzapplikationen. Der Mann, der sie begleitete, streifte sich die Burka über. Beide wurden unverzüglich von einem ­Polizisten aus dem Raum geschoben. Ihre Inszenierung sollte daran erinnern, dass es nicht in der Verantwortung der Frauen liegt, sich zu verhüllen, und an die Solidaritätsaktionen iranischer Männer, die im Netz unter dem hashtag #MenInHijab kursieren. In der Tat ist es erstaunlich, dass sich in der gesamten Ausstellung kein einziges Kleidungsstück findet, das Männer tragen sollen. »Muslim Fashion« betrifft offenbar nur Frauen. Frauen, die dem männlichen Blick mit Verhüllung begegnen. Frauen, die im Sommer im Ganzkörperbade­anzug planschen, ohne das Gefühl von Sonne, Wind und Wasser auf der Haut zu spüren. Frauen, für die Bescheidenheit oberste Tugend ist. Und Frauen, die dagegen Widerstand leisten, wie Nasrin Sotoudeh, die im Iran jüngst zu 33 Jahren im Gefängnis und zu 148 Peitschenhieben verurteilt wurde.

Contemporary Muslim Fashions. Die Ausstellung ist bis zum 15. September im ­Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main zu sehen.