Kritische Astrologie

Verdrängen, aber richtig

Sogar die Grünen reden plötzlich von Enteignung. Aber wer sich deswegen auf die Revolution freut und schon mal Pflugscharen zu Schwertern gießt, freut sich zu früh.

Wie haben unsere Politiker das jetzt bitte geschafft, wie kann man bloß das böse Wort benutzen? Plötzlich reden alle ganz selbstverständlich von Enteignung, als sei die Konfiszierung im Kapitalismus das Normalste von der Welt – als regierten in Berlin die Räte, als stünde Springer vor der Zerschlagung! Sogar Robert Habeck, der schreibende Seebär aus Schleswig-Holstein, ist unter Umständen dafür. Meint der das ernst, fragt der Focus alarmiert und sieht schon die herrlichen schwarz-grünen Bündnisse wackeln, auf die er sich so gefreut hatte. »Der Parteichef könnte sich schlicht vergaloppiert haben. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Schriftsteller die Wirkung seiner Worte in einer aufgeheizten Debatte unterschätzt.«

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Wer sich jetzt auf die Revolution freut und schon mal Pflugscharen zu Schwertern gießt, der freut sich wahrscheinlich zu früh. Es geht nämlich nur darum, dass bei der grünen Kernklientel die Lebenshaltungskosten gerade ausnahmsweise etwas schneller wachsen als die Gehälter. Bei dem großen Spiel Gentrifizierung haben alle noch gern mitgemacht, haben fleißig Migranten aus dem Altbau verdrängt und Kneipen die Lärmschutzpolizei auf den Hals gehetzt – sich selbst verdrängen lassen im Rahmen der nun anstehenden Super- oder Hypergentrifizerung, das will man dann aber doch nicht, jedenfalls nicht bis nächstes Jahr. Dann kann man nämlich immer noch überlegen, die Mietwohnung endlich mal zu kaufen, ja doch, und heiraten könnten wir dann in einem Aufwasch, meint der Steuerberater.

Im Übrigen geht es bei den »Enteignungen« letzten Nachrichten zufolge ohnehin allerhöchstens um einen erzwungenen Rückkauf, mithin um einen Sozialismus, bei dem die Kapitalisten noch was rauskriegen. So ähnlich wird es übrigens auch dieser Kolumne ergehen – sie wird per Redaktionsdekret komplett gestrichen, um nächste Woche durch eine neue, gleich lange Kolumne vom selben Autor ersetzt zu werden. Ich freue mich mit Ihnen auf dieses spannende sozialistische Experiment!