Yeziden und Christen im vom »Islamischen Staat« verwüsteten Nordirak

Verwüstet von den Jihadisten

Nach der Niederlage des »Islamischen Staats« im Norden des Irak sind die Folgen seiner Terrorherrschaft dort unübersehbar. Hilfs­organisationen bemühen sich um Wiederaufbau und die Betreuung der traumatisierten Bevölkerung. Doch die islamistische Gefahr bleibt.
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Auf einer Grünfläche im Camp lässt eine Gruppe Kinder Drachen steigen. Als sie das Auto von Aya Jalal und Suzn Fahmi erblicken, winken sie den beiden Frauen erfreut zu. Das Khanke-Camp für Binnenflüchtlinge ist mit mehr als 20 000 Bewohnern das größte yezidische Flüchtlingslager in der nord­irakischen Provinz Dohuk. Jalal und Fahmi arbeiten für das Jinda-Center, das sich um Opfer der Terrororganisation »Islamischer Staat« (IS) kümmert. Vor dem Rohbau eines Ladenlokals treffen sie Asima Qasim Hassan und Shiren Ali Qasim, zwei Yezidinnen, die bereits seit 2014 in diesem Camp leben. Die jungen Frauen fallen mit ihren sorgfältig frisierten langen Haaren und ihrer modischen Garderobe auf. Hassan hatte in Sinjar, der Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts, als Näherin, Qasim als Friseurin gearbeitet. Die beiden Frauen richten gerade mit Hilfe des Jinda-Centers einen Friseursalon und eine Schneiderei im Camp ein. Das zukünftige Ladenlokal besteht aus zwei Räumen mit jeweils 20 Quadratmetern. Hassan und Qasim wollen in Zukunft die Frauen im Lager für Festlichkeiten in Lalish herauszuputzen.

»Wir hatten einen Jungen im Jinda-Center in Behandlung. Er erzählte, dass er trainiert worden sei, Menschen zu enthaupten.«

Lalish ist ein Tal in der nordirakischen Provinz Shekhan, etwa 60 Kilometer nördlich der Stadt Mossul gelegen. Dort befindet sich das zentrale Heiligtum der Yeziden. Das Yezidentum ist eine monotheistische Religion, deren Wurzeln 2 000 Jahre vor das Christentum zurückreichen. Im Zentrum des Schöpfungsmythos des Yezidentums stehen das Tal Lalish und der Berg Shengal, der zwischen Mossul und der syrischen Grenze liegt.

Endlich wieder Drachen steigen lassen. Kinder spielen im Khanke-Camp für Binnenflüchtlinge nahe der nord­irakischen Provinz Dohuk.

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Sabine Küper-Büsch
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Der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi rief am 29. Juni 2014 sein »Kalifat« als selbsternannter »Kalif Ibrahim« in der Großen Moschee des an-Nuri in Mossul aus. Am 3. August 2014 überfiel der IS das Hauptsiedlungsgebiet der Yezidinnen und Yeziden in Shengal und verübte einen Völkermord. Über 5 000 Männer und Jungen wurden ermordet, mehr als 7 000 Frauen und Kinder entführt, Hunderttausende aus ihrer Heimat vertrieben; Tausende werden bis heute vermisst. Asima Qasim Hassan und Shiren Ali Qasim konnten damals rechtzeitig mit ihren Familien aus Sinjar auf dem Berg Shengal fliehen. Eine Cousine Hassans gehörte jedoch zu denjenigen Frauen, die 2014 nach Mossul verschleppt wurden. Die IS-Terroristen sperrten sie mit ihren zwei kleinen Kindern in eine Schule, die für Massenvergewaltigungen genutzt wurde.

Hassan zupft an ihren schönen langen Haaren. Die Gesichter der beiden jungen Frauen erstarren, als sie erzählen. Die Cousine wurde zwar 2016 von den kurdischen Streitkräften, den Peschmerga, bei der Zurückeroberung Mossuls aus der Sklaverei befreit, ihre beiden Söhne waren ihr zuvor allerdings weggenommen worden. »Wir haben keine Nachricht von ihnen, niemand weiß, was mit ihnen passiert ist«, murmelt Hassan tonlos.

Ein Nachbar aus dem Camp, den die beiden gut kennen, kommt vorbei und möchte sich die künftigen Läden an­sehen. Hamid Daroesh Khalaf kommt aus demselben Viertel in Sinjar wie die beiden Frauen. »Ich habe keinen gesehen, den ich kannte«, sagt er zu Hassan. Yezidische Flüchtlinge aus der gerade besiegten letzten IS-Enklave Baghouz sind im Khanke-Camp angekommen. Viele Familien hoffen darauf, ­geraubte Familienangehörige zu finden. Die kleinen Jungen wurden beim IS zu Kindersoldaten ausgebildet. »Die yezidischen Kinder, die gerade aus Baghouz hier angekommen sind, sprechen Arabisch, zitieren den Koran und verstehen sich als Muslime«, berichtet Khalaf. Seine Stirn legt sich in Falten. Ethnisch sind die Yeziden Kurden, die das nordkurdische Kur­manji sprechen. »Sie können weder Kurdisch noch wissen sie irgendetwas vom Yezidentum«, fährt Khalaf fort. »Sie sind dort einer totalen Gehirnwäsche unterzogen worden.«

Als der Wagen des Jinda-Centers das Lager nach zwei Stunden verlässt, ­wirbeln die bunten Drachen immer noch am Himmel. Spielen oder gar Drachensteigen zu lassen, wäre in Gebieten, die vom IS kontrolliert wurden, verboten gewesen, erzählen die beiden Betreuerinnen, die seit mehreren Jahren mit traumatisierten Opfern des IS arbeiten.

Traumatische Folgen
Das Jinda-Center liegt im Zentrum der Provinzhauptstadt Dohuk, 20 Minuten Autofahrt von dem Camp entfernt. Jinda bedeutet »Hoffnung«. Die Direktorin, Cheman Rasheed, arbeitet seit über 20 Jahren mit der deutschen NGO Wadi e. V. im Rahmen humanitärer Hilfe zusammen. Seit 2015 koordiniert sie mobile Frauenteams, die Opfer des IS unterstützen. Das Jinda-Center liegt in einer großzügigen, schönen hellen Wohnung. Im zentralen Aufenthaltsraum hängen in Therapiegruppen hergestellte bunte Handarbeiten, die abgehenden Zimmer werden als Behandlungsräume genutzt. Auch die Nobelpreisträgerin Nadia Murad, die 2016 vor den Vereinten Nationen über ihre Misshandlungen sprach und die Untätigkeit der Weltöffentlichkeit angesichts des Genozids an den Yezidinnen und Yeziden anprangerte, ist hier behandelt worden.

Die sozialpsychologische Betreuung von Opfern des IS sei eine gewaltige Aufgabe, unterstreicht Cheman Rasheed. Viele hätten fünf Jahre in Gefangenschaft leben müssen. »Wir hatten einen Jungen im Jinda-Center in Behandlung. Er erzählte unseren Psychologen, dass er trainiert worden sei, Menschen zu enthaupten. Er kam nicht bis zu diesem Schritt, aber er hatte Freunde, die das tun mussten. Das sind Kinder, die eine intensive psychiatrische Behandlung brauchen.« Im Internet finden sich immer noch Propagandavideos des IS über den schranken­losen Kindesmissbrauch. Zehnjährige in Uniform lernten, Anschläge zu verüben. Bei öffentlichen Hinrichtungen wurden »Freiwillige« aus dem Publikum rekrutiert, darunter fast immer Kinder und Jugendliche. Vermummte, schwer bewaffnete IS-Krieger bewachten das grauenvolle Geschehen.

Gut besucht. Heutezutage ist die Kirche in Teleskuf wieder voll besetzt.

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Sabine Küper-Büsch

Doch auch nach der Befreiung vom IS ist die Tragödie für viele Yezidinnen und Yeziden noch nicht vorbei. In Syrien und an der Grenze zum Irak sind Hunderte yezidische Frauen und ihre in Zwangsehen gezeugten Kinder damit konfrontiert, dass die yezidische Gesellschaft den Müttern zwar die Reintegration anbietet, die Kinder jedoch ­rigoros ablehnt, da sie Muslime seien. Von den Frauen wird erwartet, sich von ihren Kindern zu trennen. Die Yezidinnen und Yeziden leben traditionell in einem endogenen Kastensystem. Die Folgen von Vergewaltigungen und Zwangskonversionen überfordern die Gemeinschaft. »Wir müssen erst einmal den Frauen helfen. Die meisten wollen sich natürlich nicht von ihren Kindern trennen«, so Rasheed. Erst vor kurzem äußerte der Hohe Geistliche Rat der Yeziden in einer Stellungnahme, dass alle befreiten Personen, Mütter und ihre Kinder, aufgenommen würden. Allerdings würden die Kinder der muslimischen Vergewaltiger weiterhin nicht als yezidisch gelten.

Rasheed ist eine couragierte Frauenrechtlerin und kämpft schon mehrere Jahrzehnte gegen frauenfeindliche Traditionen und Vorschriften im Irak. »Es geht hier ja nicht nur um das yezidische Kastensystem, sondern auch um die überalterte Regelung im ganzen Irak, dass Kinder automatisch der Religion des Vaters angehören, und das ganz konfessionsunabhängig«, sagt sie. Internationale Hilfsorganisationen warnen derzeit vor einer zweiten humanitären Katastrophe wegen der viel zu spät anlaufenden Hilfsmaßnahmen. Die internationale Gemeinschaft müsse schnellstens Schutzeinrichtungen im Nordirak und in Europa zur Verfügung zu stellen, die die Frauen und Kinder aufnehmen. Dort könnten die Kinder auch unter dem Namen ihrer Mütter regis­triert werden. Wadi e. V. weist zudem darauf hin, dass ein Flüchtlingscamp kein geeigneter Ort für eine psychologische Behandlung sei.

Christen unter Beschuss
Die Rehabilitierung der Opfer ist derzeit kein leichtes Unterfangen. Emanuel Youkhana von der christlichen Hilfsorganisation CAPNI in Dohuk bemängelt die fehlende Solidarität auch im Irak. »Es gibt bis jetzt keine ernsthafte Debatte im Irak über all das, was geschehen ist, warum es geschehen konnte und wie es zu verhindern gewesen wäre. Sie können von den Opfern des IS nicht verlangen, einfach zu vergessen. Wir müssen ihre seelischen Verletzungen heilen.«

Neben den Yezidinnen und Yeziden vom Berg Shengal gehören die nicht­sunnitischen Minderheiten im Einzugsgebiet von Mossul zu den Bevölkerungsgruppen, die vom IS am schlimmsten heimgesucht wurden. Die nordirakische Ninive-Ebene hat die größte Dichte christlicher Städte und Dörfer im Irak. Die 5 000 Jahre alte Stadt Alqosh geht noch auf die Zeit der mesopotamischen Hochkulturen der Assyrer und Babylonier zurück. Assyrische Tempel, jüdische und christliche Heiligtümer reflektieren die lange vorislamische Geschichte der Region. Das nur 30 Kilometer östlich liegende Mossul, bis 2016 das Hauptquartier des IS, geht auf das assyrische Ninive zurück, nach dem die gesamte Ebene heute benannt ist. Die Assyrer gründeten bereits im 4. Jahrhundert die ersten Kirchen. Ihre Nachfahren sind stolz, die geschichte ihrer Gemeinden bis zum Urchristentum zurückverfolgen zu können. 2014 rückte der IS auch in diese Region mit dem Ziel vor, sie von Andersgläubigen zu »befreien«.

In der Kleinstadt Teleskuf, nur wenige Kilometer von Alqosh entfernt, ist die Kirche voll. Die Gemeinde betet für den Frieden. Messdiener tragen Holzkreuze in einer Prozession, um an die Passionsgeschichte zu erinnern. Die Jakobskirche musste zwei Jahre lang restauriert werden, nachdem der IS 2016 das zweite Mal von den kurdischen Peshmerga und US-amerikanischen Spezialeinheiten vertrieben worden war. Die Terroristen hatten die 700 Jahre alte Kirche für Kampf- und Schießübungen benutzt. Ein Foto von einer enthaupteten Christusstatue erinnert im Büro des chaldäisch-katholischen Priesters Aram Rumel Qia an den Vandalismus der Jihadisten. Alle Bewohner hatten rechtzeitig fliehen können, bevor eine Horde Schwerbewaffneter im August 2014 den Ort das erste Mal besetzte.

»Es gibt bis jetzt keine ernsthafte Debatte im Irak über all das, was geschehen ist, warum es geschehen konnte und wie es zu verhindern gewesen wäre.«

»Der IS gab allen Christen in Mossul und Umgebung eine Frist von drei Monaten, um entweder zu gehen, eine Kopfsteuer zu entrichten oder zu sterben«, erinnert sich der Priester an den Sommer von 2014. »Wir haben auch schon unter Saddam Hussein in der jüngeren Geschichte aus politischen Gründen ethnische Säuberungen erlebt, aber die rein religiös begründete Vertreibung und die Androhung von barbarischen Strafen wie Kreuzigungen und Enthauptungen waren selbst für uns einfach nur grotesk.« Vor allem in Nord­syrien hatten vereinzelt Christen die vom IS überrannten Gebiete nicht geräumt und sich geweigert zu konver­tieren. Vom IS produzierte Propagandavideos von gekreuzigten und verstümmelten Leichen hatten weltweit für Entsetzen gesorgt.

In Teleskuf sorgten diese Gräuel dafür, dass auch nach dem militärischen Sieg über den IS von ursprünglich 11 000 Bewohnern bislang nur knapp 1 000 zurück­gekehrt sind. Aram Rumel Qia holt seinen Laptop aus seinem Büro. In dem Vorzimmer stehen bequeme Sessel, an der Wand hängt ein Porträt von Papst Franziskus. Der Priester spielt ein Video auf seinem Rechner ab. Es zeigt einen US-amerikanischen Priester in der Hauptkirche der Nachbarstadt Batnaya. Er deutet auf Schmierereien an der Wand. Jihadisten haben dort in fehlerhaftem Deutsch eine Schmähung hinterlassen: »He ihr Kreuzsklaven. Ihr habt kein Platz in ein islamische Land. Entweder du gehst raus oder wir töten dich.« Batnaya liegt im Zentralirak und wird von der irakischen Regierung in Bagdad verwaltet, die von aus dem Iran unterstützten Schiiten dominiert wird. Teleskuf liegt in der autonomen Re­gion Kurdistan im Irak. Die meisten Christen bevorzugen die kurdische Autonomieregierung. So auch Qia: »Wir vertrauen Bagdad nicht, 2014 ist die Armee einfach abgehauen, als der ›Islamische Staat‹ Mossul erobert hat. Daraufhin hatten die Terroristen auch noch modernste Waffen, die die irakische Armee von den Amerikanern bekommen hatte.« Erst nachdem die kurdischen Peschmerga mit Waffensystemen aus Europa ausgestattet worden waren, gelang es mit Unterstützung internationaler Luftangriffe und US-amerikanischer Spezialeinheiten am Boden, den vorher militärisch über­legenen IS 2016 endgültig aus Teleskuf zu vertreiben.

Frieden in weiter Ferne
Natia Qarxqos sitzt im Gemeinderat von Teleskuf. Er wohnt in einem luxuriösen Haus mit neun Zimmern, das von einem großen Garten umgeben ist. Während seine Frau Ragdan Tee serviert, lässt er den jüngeren Sohn die Uniform eines IS-Kämpfers bringen. Die hatte der Hausherr in seinem Schrank gefunden, als sie das Anwesen wieder bezogen. »Offensichtlich hat der hier gewohnt. Es ist merkwürdig, sich vorzustellen, dass in den eigenen vier Wänden Verbrecher gehaust haben. Wer weiß, was sich alles hier abgespielt hat.« Die beiden Söhne sind zwölf und 14 Jahre alt. Die Familie war in das 43 Kilometer entfernte Dohuk gezogen, als der IS vorrückte. Wie viele Christen ist Qarxqos davon überzeugt, das der IS und die Regierung in Bagdad trotz ihrer Feindschaft das Ziel teilen, die nichtislamischen Minderheiten aus der Region zu vertreiben.

Ähnlich denkt Lara Yousif Zara, die Bürgermeisterin von Alqosh. Sie leitet als einzige Frau im Irak eine Gemeinde. Zara ist Anfang 30, im Internet kursieren Fotos von ihr in einer Peschmerga-Uniform. Sie machte Schlagzeilen, als sie während der Bedrohung durch den IS nicht aus der Stadt wich, sondern mit einer Handvoll Bewaffneter zur Verteidigung blieb. Sie zweifelt stark daran, dass der IS besiegt wurde. »Viele Leute wollen immer noch auswandern, weil sie glauben, dass der IS wiederkommt. Die Leute haben Angst, an Orte wie Mossul zurückzukehren, in denen sie zu einer Minderheit gehören.«

An Normalität ist auch nach der Zerschlagung des »Kalifats« im Irak vor allem für die vertriebenen Minderheiten nicht zu denken. Die yezidischen Städte auf dem Berg Shengal liegen noch in Schutt und Asche. In Mossul beginnt langsam der Wiederaufbau, doch ein dauerhafter Friede liegt in weiter Ferne. Fast jede Woche erschüttert ein islamistischer Anschlag die Umgebung von Mossul. »Der IS ist eine Welt von Gedanken und Glaubensrichtungen, die man nicht wegzaubern kann«, bemerkt Zara ernst. »Eine Realität, der sich auch Europa dauerhaft stellen muss«, unterstreicht sie, »denn das ›Kalifat‹ ist eine internationale Bewegung«.