Der analoge Mann - Aus Kreuzberg und der Welt

ESC schauen, aber richtig

Eurovison Song Contest gucken, muss gelernt sein. Was man unbedingt braucht: Klingel, Geldtopf, Notizzeug und natürlich Rückungsschnaps.
Kolumne Von

Während ich im Supermarkt Bier und Chips in den Einkaufswagen stapele, beschleicht mich ein schönes, wenn auch eitles Gefühl: Ja, sollen ruhig alle sehen, dass der arrogante Hutheini Freunde hat, die ihn höchstwahrscheinlich am Abend besuchen, um mit ihm gemeinsam den Eurovision Song Contest 2019 zu schauen. Wie jedes Jahr bereiten wir zu Hause stundenlang Nudelsalat und Chili mit und ohne Carne vor. Ab 20 Uhr trudeln die Gäste ein. Vor Jahren sagte mal eine mitgebrachte Frau, die nicht zu unserem eingeschworenen ESC-Kreis gehörte, überrascht: »Oh, das ist ja gar nicht meine Musik.« Und quatschte dann die ganze Zeit dazwischen und stellte doofe Fragen. »Frechheit! Die hat ja gar nichts ­kapiert«, dachten alle. Als wäre die ESC-Musik die Musik von irgendeinem oder -einer von uns. Seitdem laden wir jedenfalls nur noch Leute ein, die auch wirklich Spaß daran haben, den ESC gemeinsam zu gucken, und die Veranstaltung auch ernst nehmen. Also sachkundig, leidenschaftlich, aber trotzdem distanziert sind. Wir führen Listen, machen uns zu jedem Teilnehmer und jeder Teilnehmerin Notizen, geben ihnen Schulnoten und tun alle ein paar Euro in einen Topf, die dann der Gewinner bekommt. Und wir haben eine Rückungsklingel, die geklingelt wird, wenn in einem Song eine Rückung, also ein plötzlicher Wechsel der Tonart, auftaucht. Dann trinken wir alle einen Rückungsschnaps.

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»Wacka, wacka, Karmakamäläon«, flötet Tom, denn irgendwas ähnliches singt die Sängerin aus Malta, die zuerst auftritt. Albanien, Tschechien, dann kommt auch schon Deutschland. Tja, leider langweilig. »Er sieht aus wie Hartmut Engler. Ivan Engler!« sagt Maria über den russischen Sänger. »Der hat Aussicht auf den letzten Platz«, urteilt Eva über den Sänger aus San Marino. Der bri­tiische Teilnehmer hat sich für den ESC noch nicht mal umgezogen und erscheint in Straßenkleidung. Hoppla, hier kommt der erste Rückungsschnaps. »Das sind schon wieder drei Songs in einem! Und warum können die nicht einmal den Refrain wiederholen?« meckert Franky. Grelle Animationen und Gimmicks wechseln in schnellen Rhythmus. Bei Platz 20 sagt Patrick:«Ich kann nicht mehr!« Alle stimmen zu. Es sind zu viele ­Effekte und zu wenige gute Lieder und alles dauert noch länger als im vorigen Jahr. Während die Stimmen ausgezählt werden, erscheint Conchita Wurst. Ein Highlight. Dass Madonna schief singt, überrascht nicht. Einige von uns haben sie bereits vor vielen Jahren live schief singen gehört. Die Isländer halten kurz eine Palästina-Flagge ins Bild, dann wird der Sieger verkündet. Auweia. Am Ende gewinnt das gefällige Bürschchen mit der Ballade. Oder: Der Song gewinnt, der herausragte, weil er am sparsamsten inszeniert war. Der Holländer galt zwar als Favorit, aber von uns hatte niemand auf ihn getippt. Weil ich Aserbaidschan und Norwegen in meinen Top 5 habe und Deutschland auf Platz 25, gewinne ich zum ersten Mal den Pott.

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