Billigproduktion in der EU

Kleider machen Leute arm

Egal ob Adidas, H&M oder Hugo Boss: Viele Textilkonzerne lassen in Bulgarien produzieren. Die Löhne sind dort so niedrig, dass sie kaum zum Überleben reichen.

Mit dem Label »Made in Europe« verbinden viele Qualität, doch die Arbeitsbedingungen in der Europäischen Union unterscheiden sich stark. Zahlreiche Unternehmen verlagern Teile ihrer Produktion oder Dienstleistungen aus anderen europäischen Ländern nach Bulgarien, das gilt für Call Center ebenso wie den Textilsektor. Unternehmen wie H&M, Benetton, Intimissimi, Hugo Boss, Tommy Hilfiger und Strellson lassen in Bulgarien ihre Textilien über Subunternehmen produzieren. Die Sozialwissenschaftler Georgi Medarov, Jana Tsoneva and Madlen Nikolova haben monatelang sieben verschiedene Fabriken in Bulgarien untersucht und Arbeiterinnen und Arbeiter zu ihrer Tätigkeit befragt. Was sie in ihrem im Februar veröffentlichten Bericht »Exploitation and Resistance. Labour in Three Subcontracting Industries« (»Ausbeutung und Widerstand. Arbeitskraft in drei Zulieferindustrien«) zu Tage gefördert haben, ist bezeichnend für die seit Jahren gängige Praxis.

Beschäftigte werden unter Druck gesetzt, Löhne häufig nicht gezahlt.

In ihrem Bericht konzentrieren sich die drei auf Interviews und Gespräche mit den Arbeiterinnen und Arbeitern in den Fabriken, um deren eigene Perspektive aufzuzeigen. Ergänzt haben sie die Veröffentlichung mit recherchierten Zahlen und Fakten. So kamen sie zu dem Ergebnis, dass in einigen extremen Fällen das Nettogrundeinkommen bei zehn Prozent des auskömmlichen Lohns für einen Familienhaushalt liegt. Im bulgarischen Landesdurchschnitt liegt das Einkommen von Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie bei 15 bis 17 Prozent des auskömmlichen Lohns, wie er von bulgarischen Gewerkschaften zur Führung ­eines Familienhaushalts vorgeschlagen wird. Die Warenpalette für den täglichen Konsum, die man mittlerweile in Bulgarien auch bei Discountern wie Lidl kaufen kann, kostet viel Geld. Milch, Butter, Fleisch oder Bananen sind dort häufig nicht nur relativ, sondern auch absolut teurer als in Deutschland.

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»Natürlich war es nicht immer leicht, mit einigen Arbeiterinnen und Arbeitern in Kontakt zu kommen, weil die Firmen häufig die einzigen Arbeitgeber auf dem Land sind«, sagt die Sozialwissenschaftlerin Nikolova im Gespräch mit der Jungle World. Sie und ihre Mitautoren fanden heraus, dass die Auslagerung von Arbeit an Subunternehmen die Arbeitsbedingungen direkt verschlechtert und die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter signifikant einschränkt. Beschäftigte werden unter Druck gesetzt, sich nicht krankschreiben zu lassen oder viele Überstunden zu machen; häufig werden Löhne nicht gezahlt und Sozialversicherungsbeiträge nicht ordentlich abgeführt. Grundsätzlich ist es in Subunternehmen auch schwieriger, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Die Textilbranche in Bulgarien hat in der letzten Zeit allerdings auch mit anderen Problemen zu kämpfen. Viele junge Bulgarinnen und Bulgaren wandern lieber aus, als sich den schlechten Arbeitsbedingungen im Herkunftsland zu unterwerfen und mit ihrer Arbeit nicht genug für den Lebensunterhalt ihrer Familie zu verdienen. Das bezeichnen die Wissenschaftler in ihrer Studie als »individuellen Widerstand« gegen die Ausbeutung. Im Jahr 2004 gab es 170 000 Arbeiterinnen und Arbeiter in der bulgarischen Bekleidungsindustrie, mittlerweile sind es weniger als 80 000. Pirin-Tex in Goze Delchew beispielsweise hatte vor kurzem noch weit über 3 000 Beschäftigte, jetzt sind es weit weniger als 2 000. »Wenn man sich die offiziellen Daten ansieht, hat man das Problem nicht nur im Textilsektor, sondern im gesamten Niedriglohnsektor«, sagt Nikolova. »Jedes Jahr werden durch ökonomische Zwänge Zehntausende Arbeiterinnen und Arbeiter dazu genötigt, nach Westeuropa zu gehen.«

Im Jahr 2017 befanden sich über 40 000 Bulgarinnen und Bulgaren in Deutschland. Seit dem Ende der Sowjetunion haben circa 1,5 Millionen Menschen Bulgarien verlassen. 2017 prognostizierten die Vereinten Nationen, dass das Land bis 2050 knapp 28 Prozent weniger Einwohnerinnen und Einwohner haben werde als zum damaligen Zeitpunkt. Bulgarien, das 2007 der Europäischen Union beitrat und immer noch als »Armenhaus der EU« bezeichnet wird, hat nicht nur einen politischen Systemwandel hinter sich.

Nikolova fasst die Entwicklung wie folgt zusammen: »1989 markiert den Beginn der Deindustrialisierung und Privatisierung der Ökonomie Bulgariens. Einer der Faktoren, die hierbei eine Schlüsselrolle spielten, ist der Verlust der alten internationalen Märkte des Landes. Zusätzlich hat sich Bulgarien Anfang der Neunziger ernsthaft verschuldet.« Auch nach dem EU-Beitritt haben sich die Löhne für viele nicht sonderlich gebessert. »Wenn man sich überlegt, dass die EU bislang mehr eine Wirtschafts- und Finanzunion ist und weniger eine Sozialunion, sollte hier mehr getan werden«, sagt Georgi Medarov und beschreibt die Situation in Bulgarien als »Sozialdumping«. »Dass auf EU-Ebene über Arbeitnehmerrechte und Sozialpolitik diskutiert wird, ist gut, aber nicht genug. Es fehlt ein Mechanismus, Arbeitnehmerrechte europaweit durchzusetzen.« Jana Tsoneva konstatiert: »Wir haben in unseren Untersuchungen herausgefunden, dass, wo auch immer es eine organisierte und aktive Gewerkschaft in einer Fabrik gibt, die Situation für die Arbeiterinnen und Arbeiter besser ist, weil sich die Arbeitgeber wenigstens an die Gesetze halten. Weniger als fünf Prozent der von uns befragten Menschen sind jedoch in Gewerkschaften orga­nisiert. Deswegen braucht es Unterstützung für die Gewerkschaften von der Öffentlichkeit und sozialen Bewegungen.«

Dass die Fabrikarbeiterinnen nicht in Obdachlosigkeit leben, liegt unter anderem daran, dass viele Menschen in Bulgarien noch eigenen Wohnraum besitzen.

Die organisierten Beschäftigten gehören meist einer der zwei größten Gewerkschaften an, CITUB und Podkrepa. Nikolova erinnert an ­einen Arbeitskampf vor über zehn Jahren: »2007 organisierten Gewerkschafter von Podkrepa einen Streik in der von einem Deutschen gegründeten Fabrik von Pirin-Tex. Der Streik dauerte ungefähr einen Monat und zwang den Besitzer, einen kollektiven Vertrag abzuschließen und damit die Löhne beträchtlich zu er­höhen, die Anzahl der Überstunden zu beschränken und zusätzliche Urlaubs­tage für die Arbeiterinnen und Arbeiter einzuführen. Allerdings wurde dieser Kollektivvertrag vor zwei Jahren beendet und die Arbeitsbedingungen in der Fabrik sind schnell schlechter geworden. Aufgrund ständigen Drucks durch das Fabrikmanagement wurde auch dafür gesorgt, dass einige Arbeiterinnen und Arbeiter die Gewerkschaft verließen.«

Bulgariens Mindesteinkommen ist das niedrigste in der EU. Im Januar gab es eine zehnprozentige Anhebung auf 286 Euro pro Monat. Dass die Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter nicht in ­Obdachlosigkeit leben, liegt unter anderem daran, dass viele Menschen in Bulgarien noch eigenen Wohnraum besitzen. So lebten im Jahr 2017 den Daten von Eurostat zufolge 82,9 Prozent der bulgarischen Bevölkerung in Eigentumswohnverhältnissen. Damit jedoch die Menschen nicht weiter ins Ausland abwandern, müssten der Mindestlohn und die allgemeinen Löhne deutlich steigen.


Bulgarien hat knapp über sieben Millionen Einwohner. Die Bevölkerungszahl ist rückläufig, 2017 sank sie um 0,6 Prozent. Für dieses Jahr wird ein Wirtschaftswachstum von 3,7 Prozent prognostiziert. Die Arbeitslosenquote beträgt derzeit rund sechs Prozent. Die Arbeitskosten pro Stunde in der Privatwirtschaft betrugen 2017 4,90 Euro. In Deutschland lag dieser Wert im selben Jahr bei 34,60 Euro, in der Europäischen Union bei 26,60 Euro.