Freud, Trotzki und die Kritische Theorie

2 im Horkheimer-Kreis

Waren Horkheimer und Adorno insgeheim Trotzkisten?

Waren Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und andere Theoretiker aus dem ­Umfeld des Instituts für Sozialforschung insgeheim Anhänger Trotzkis? Der Sozialwissenschaftler Helmut Dahmer versucht der Antwort in seiner neuesten Veröffentlichung »Freud, Trotzki und der Horkheimer-Kreis« näherzukommen. Ihm geht es dabei nicht in erster Linie darum, die realpolitischen Ambitionen von Horkheimer und Kollegen zu durchleuchten. Dahmer will vielmehr den aufklärerischen und revolutionären Kern der Kritischen Theorie freilegen, der im Laufe der Jahrzehnte von der Rezeption verschüttet wurde.

Die Artikel zum 90. Geburtstag von Habermas belegen, dass ­Kritische Theorie für das bürgerliche Feuilleton nur noch ein Fall fürs Museum ist und dort bleiben soll, um nicht weiter zu stören.

Nicht zuletzt die wohlwollenden Veröffentlichungen im bürgerlichen Feuilleton zum 90. Geburtstag von Jürgen Habermas belegen, dass ­Kritische Theorie in der vorherrschenden Meinung nur noch ein Fall für Jubiläen und somit für das Museum ist und dort bleiben soll, um nicht weiter zu stören. Doch nach wie vor gilt, was Adorno in seinem späten Hauptwerk »Negative Dialektik« schreibt: »Das Unheil liegt in den Verhältnissen, welche die Menschen zur Ohnmacht und Apathie verdammen und doch von ihnen zu ändern wären.«

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Die Motive der Freud’schen Psychoanalyse klingen hier ebenso an wie die Analyse des Waren- und Geld­fetischs, die Marx besonders im Rohentwurf zum »Kapital« erarbeitet hat. Dahmer widmet sich den beiden Theorien, die grundlegend für die Herausbildung einer kritischen Theorie der Gesellschaft waren. Es seien »Kritiken jener Institutionen, die unser Leben einschränken, statt es zu fördern – Institutionen der Lebens- oder Seelengeschichte und Institutionen der Sozial- oder der Kultur­geschichte«. Dahmer verweist in der Einleitung auch auf den Philosophen Ulrich Sonnemann, wenn er schreibt: »Marx wie Freud ging es (…) um die ›Sabotage‹ dessen, was einer jeden Generation zunächst als ein unvermeidliches Schicksal erscheint.«

Das Buch ist in vier Teile gegliedert. In diesen geht es um die Psychoanalyse der Frankfurter Schule als materialistisch-dialektische Theorie, um die Genese des autoritären Charakters und Staats, um Ideologiekritik an­gesichts eines neuen (alten) Nationalismus, Antisemitismus und Jiha­dismus und – nur scheinbar unvermittelt – um Analogien zwischen dem sogenannten westlichen Marxismus und Leo Trotzki.

Im Kapitel »Psychoanalyse in der ›Frankfurter Schule‹« schreibt Dahmer, dass »für die kollektiven wie für die privaten Institutionen gilt, dass sie bewusstlos oder in ›falschem‹ Bewusstsein gebildet und tradiert werden«. Adorno und Horkheimer verknüpfen die Psychoanalyse mit der Kritik der politischen Ökonomie und dem darin entwickelten Fetischcharakter der Ware. Die verdinglichten, irrationalen gesellschaftlichen Verhältnisse erscheinen darin als natürlich-rationaler Raum. »Die Verwechslung gesellschaftlicher Institutionen mit ›Natur‹ ist das Vorurteil der Vorurteile. Es immunisiert sie gegen Kritik und Veränderung. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts waren im Wesentlichen Folgen der blindwütigen Verteidigung obsolet gewordener Institutionen«, so Dahmer. Aufgabe der Ideologiekritik sei es, Institutionen und Denkweisen – wie dem Privateigentum an Produktionsmitteln oder dem antisemitischen Wahn – den Schein des Natürlichen abzustreifen, ihre Genese zu rekonstruieren und dadurch ihre Revision vorzubereiten. Die bürgerliche Gesellschaft freilich lässt wenig Platz für die Revision der verdinglichten Verhältnisse, stattdessen mani­festieren sie sich im falschen Bewusstsein des autoritären Charakters.

Besonders Walter Benjamin hatte Sympathien für Trotzki. Wie Trotzki glaubte er weder an eine sozialdemokratisch-fortschrittsoptimistische noch an eine stalinistisch-parteikommunistische Geschichtsschreibung.

Dahmer versteht sich im Sinne von Walter Benjamin und Leo Trotzki als ein Archäologe unterdrückter Geschichte; dieses Selbstverständnis gibt seinem neuen Buch Zusammenhang und Struktur. Trotzki taucht dabei weniger als Revolutionär und Funktionär auf, sondern vielmehr als Theoretiker eines kritischen Marx­ismus, der die Fehlentwicklungen der II. und III. Internationale nicht nur aus parteipolitischem Interesse, sondern auch als Historiker der gescheiterten sozialistischen Revolution analysiert und kritisiert. Das macht ihn durchaus interessant für den Horkheimer-Kreis, zu dem neben Adorno und Horkheimer nicht nur Leo Löwenthal, Herbert Marcuse oder Friedrich Pollock gezählt werden, sondern auch Wissenschaftler wie Walter Benjamin, Erich Fromm, Siegfried Kracauer,  Franz Neumann oder Karl August Wittfogel.

Besonders Walter Benjamin hatte Sympathien für Trotzki. Wie Trotzki glaubte auch er weder an eine sozialdemokratisch-fortschrittsoptimistische noch an eine stalinistisch-parteikommunistische Geschichtsschreibung. Es ging ihm darum, Geschichte gegen den Strich bürsten, um dem Wesen auf die Spur zu kommen und nicht der bloßen Erscheinung. Ben­jamin hat dies in seinen Thesen »Über den Begriff der Geschichte« dargelegt: »In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.«

Spätestens nach Trotzkis Ermordung durch Stalins Agenten im August 1940 und Benjamins Freitod auf der Flucht vor den Nazis nur einen Monat später, waren auch die letzten (geheimen) Verbindungen des Horkheimer-Kreises zu Trotzki gekappt. Im Exil hielten sich die Theoretiker mit allzu eindeutigen politischen Bekenntnissen zurück, um das  Institut nicht zu gefährden.

Auch Horkheimers Schweigen über die stalinistische Diktatur sei seiner Vorsicht geschuldet. Intern nannte er Stalin ein »Ungeheuer«, seinen Tod im Jahr 1953 nahm er wohlwollend zur Kenntnis. Karl Korsch hat solche Widersprüche schon Ende 1938 in einem Brief an Paul Mattick erwähnt. Horkheimer sei »keineswegs bereit, für seine Ansichten nach außen einzustehen. Das ganze Institut war schon immer und ist jetzt vollkommen aufgebaut auf einer doppelten Buchführung in Politik und revolutionärer Theorie.« Diese Vorsicht war nicht unbegründet in einer Zeit, in der nicht nur Trotzki selbst, sondern auch Stalin-kritische Publizisten von der GPU und ihren Handlangern als »Trotzkisten« ermordet wurden.

Das Schicksal von Walter Held (eigentlich Heinz Epe) war Warnung genug. Dieser hatte 1939 in der Monatszeitung Unser Wort der trotzkistischen IKD (Internationale Kommunisten Deutschlands) den Artikel »Kritische Theorie ohne politische Praxis?« veröffentlicht, in dem er sich konstruktiv-kritisch mit der Zeitschrift für Sozialforschung auseinandersetzte, wie Dahmer dokumentiert. Horkheimer bezeichnete den Artikel in einem Brief an Leo Löwenthal als bei Weitem »das Beste, was ich je über uns gelesen habe«. Vor allem die kritischen Bemerkungen über die (fehlende) Praxis der »Kritischen Theorie« träfen »ins Schwarze«. Über persönliche Kontakte zwischen den Personen ist offiziell nichts bekannt – auch aus Gründen der Vorsicht. Held wurde schließlich 1942 in der Sowjetunion hingerichtet.

Max Horkheimer erzählte dem Schweizer Journalisten Otmar Hersche im Jahr 1969: »Marxismus hieß für uns die Theorie der Gesellschaft, aber die richtige Politik zu der Verwirklichung dessen, was Marx die richtige Gesellschaft nannte, das war bestimmt nicht die Angelegenheit der damaligen Kommunistischen Partei.« Horkheimer und sein Kreis hatten zudem erkannt, dass die organisierte Arbeiterbewegung (nicht nur in Deutschland) auf ganzer Linie versagt hatte und infolgedessen »Millionen von Menschen dazu bereit waren, neuartige Gefolgschaften (›massenfeindliche Massen‹) zu bilden und den Status quo mit Stimmen und Fäusten gegen das Gespenst der Freiheit zu verteidigen«, so Dahmer.

In ihren Schriften näherten sich die Autoren dem auf unterschiedliche Weise. Horkheimer, Marcuse und Erich Fromm gaben im Jahr 1936 die »Studien über Autorität und Familie« heraus, Adorno veröffentlichte »Der autoritäre Charakter«, Franz Neumann »Behemoth« und Leo Löwenthal »Antisemitism Among American Labor«. Löwenthals Aufsatz »Individuum und Terror« aus dem Jahr 1944 fasste die Einschätzungen zusammen, indem er die »weitverbreitete Ansicht« zurückwies, »derzufolge faschistischer Terror eine vor­übergehende geschichtliche Phase sei, die glücklicherweise hinter uns liege«. Er »sehe den Terror vielmehr als tief in der Dynamik moderner Zivilisation und besonders moderner Wirtschaftsorganisation verwurzelt«. Und weiter: »Das moderne Terrorsystem bedeutet die Atomisierung des Individuums«, was es empfänglicher mache für die Integration in Kollek­tive. Das Urteil war ebenso eindeutig wie vernichtend: Von den Massen (nicht nur) in Deutschland war kein Widerstand zu erwarten und schon gar keine Revolution. Die Hoffnung auf emanzipatorischen Widerspruch wurde abgelöst von der Diagnose eines autoritären Konformismus, der in einer »konformistischen Rebellion« (Erich Fromm) mündet.

Essays zu gegenwärtigen Debatten schließen das Buch ab. Im Aufsatz »Das antisemitische Dispositiv« vertritt Dahmer die These, dass der Antisemitismus seiner Struktur nach auch ohne Juden bestehe, weil andere Hassobjekte an ihre Stelle gesetzt werden könnten. Im Essay »Migranten, Flüchtlinge, Jihadisten« analysiert Dahmer, nach welchem sozialpsychologischen Schema der Schritt zum »Islamischen Staat« erfolgt: »Die Konversion, die manische Verschmelzung von Ich und Gewissen, führt zur Freisetzung seelischer Energien, die zuvor zu Abwehr von Trieb- und Über-Ich-Anforderungen benötigt wurden. Die neu erlangte Teilhabe an der Macht des Gewissens (…) kommt einem ›narzisstischen Triumph‹ gleich.«

Eliminatorischer Antisemitismus, wie er sich im Deutschland der dreißiger und vierziger Jahre entwickelt hat und wie ihn, qualitativ durchaus vergleichbar, etwa die Islamische Republik Iran fördert – die Vernichtungsdrohung gegen Israel ist Teil der Staatsräson –, lässt sich so aber kaum erklären. Wenn Dahmer den Hass auf Migranten mit dem Hass auf die Juden eindimensional gleichsetzt, verkürzt er die Analyse. Adorno schreibt in seinen »Studien zum autoritären Charakter«, dass es das Motiv des Zivilisationshasses sei, das alle Typen von Antisemiten verbinde – einschließlich der Islamisten und Jihadisten.

Auf die von Horkheimer entwickelte, aber unvollendet gebliebene »Kritische Theorie der Bandenherrschaft« geht Dahmer leider nur am Rande ein, obwohl sie wichtige Skizzen zum Antisemitismus in der Racketherrschaft enthält. Dahmers Buch kann dennoch als erfolgreicher Versuch gewertet werden, die Grenzen der Aufklärung mit Hilfe einer Kritischen Theorie des Marxismus und der Psychoanalyse im Sinne »wahrer« Aufklärung erkennbarer zu machen.

Helmut Dahmer: Freud, Trotzki und der Horkheimer-Kreis. Westfälisches Dampfboot, Münster 2019, 525 Seiten, 45 Euro