»Kongo Blues« von Jonathan Robijn

Kinder des Kolonialismus

In sanftem Ton führt Jonathan Robijn in seinem Roman »Kongo Blues« von der Gegenwart in die brutale Vergangenheit des Kolonial­systems.

Belgien, 1988. Morgan lebt in Brüssel, wo er sich als Jazzpianist mit Gelegenheitsauftritten über Wasser hält. Als er von seinem Silvesterkonzert nach Hause kommt, entdeckt er in unmittelbarer Nähe seines Apartments eine junge Frau, die, zusammengesackt, in einer Straßenecke eingeschlafen ist. Regungslos, in der eisigen Kälte des Neujahrsmorgens. Der Musiker wägt ab: Die Frau würde sicherlich bald erfrieren, weshalb Morgan sie vorsichtig in seine Wohnung trägt. Morgan fühlt sich schnell von ihr angezogen, so sehr, dass sie ihn an seine an einer Krankheit verstorbene große Liebe erinnert. Oder ist es umgekehrt? Realität verschwimmt, der übermüdete Morgan ist wie gelähmt, einzig seine Gedanken sind in Be­wegung: melancholische Träumerei.

Morgans Geschichte steht für das Schicksal der Kinder weißer belgischer Kolonialisten und schwarzer Frauen, die während der Kolonial­herrschaft von ihren Müttern getrennt wurden.

Allmählich jedoch wird ihm bewusst, dass es sich nicht um Angela handelt, um deren Verlust seine ­Gedanken seit langem unermüdlich kreisen. Die mysteriöse, elegant ­gekleidete Frau wacht auf, und die beiden beginnen ein erstes, vorsichtiges und respektvolles Gespräch. ­Dabei verrät die Unbekannte jedoch kaum etwas über sich. Alsbald bedankt sie sich für die Hilfe, verlässt Morgans Wohnung, kommt aber kurz darauf wieder, angeblich weil in Brüssel alle Hotels ausgebucht sind. Eine eigenartige, innige und zugleich immer auch distanzierte Beziehung entwickelt sich zwischen den beiden. In Morgans Kopf spukt Simona Tremblay, als die sich die Frau alsbald vorstellt, auch nach ihrer erneuten Abreise. In ganz Brüssel versucht er sie anschließend ausfindig zu ­machen. Irgendetwas verbindet die beiden.

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So beginnt Jonathan Robijns Roman »Kongo Blues«, den der Verlag als Kriminalroman tituliert. Zwar entwickelt sich ein Teil der Geschichte am Ende des Romans zu einem Kriminalfall, inklusive obligatorischer Polizeiermittlungen. Und auch um Verbrechen geht es, jedoch um eine andere Kategorie von Verbrechen, als die Genrebezeichnung es nahelegt: »Kongo Blues« wird erzählerisch vorangetrieben von dem Wunsch des Protagonisten, die eigene, verschüttete und verdrängte Biographie zu rekonstruieren.

Nicht nur Morgan, sondern auch Simona Tremblay hat ihre Kindheit im Kongo verbracht. Allerdings in einer privilegierten Position, die der Verstrickung ihres Vaters in das dortige Kolonialregime geschuldet war. Mit gemischten Gefühlen blickt sie auf den Mann, dem sie, wie sie es im Gespräch mit Morgan ausdrückt, einerseits eine »fröhliche, sorgenfreie, abenteuerliche Jugend« verdankt. Doch in diese Bewunderung mischt sich gleichzeitig auch Scham und Abscheu: »Blut, Menschen, Elefanten, nichts war sicher, wenn es nur Geld brachte«, beschreibt sie den historischen Kontext, in dem ihr Vater als Eisenbahningenieur und Kolonialist agierte – und zu dem immensen Reichtum gelangte, der ihr selbst, etwa 30jährig, ein luxuriöses Leben ­ermöglicht. Daran lässt sie Morgan eine Zeit lang teilhaben: in der Brüsseler High Society, mit neu gekauften teuren Anzügen und auf dem Parkett von edlen Restaurants, in die Simona ihn einlädt.

Fast ein Jahrhundert zuvor hatte der belgische König Leopold II. ein riesiges Gebiet im Kongo-Becken als Privatbesitz erworben. Für die Kautschuk- und Elfenbeinproduktion ließ er die Bevölkerung mittels Zwangsarbeit brutal ausbeuten. Die Zahl der Todesopfer wird auf bis zu zehn Millionen geschätzt, was beinahe der Hälfte der dama­ligen Bevölkerung entspräche. Die genozidale Brutalität der »Kongo-Greuel«, die großen Reichtum nach Belgien brachten, rief so starken, auch internationalen Protest hervor, dass sich Leopold II. 1908 gezwungen sah, seine Privatkolonie an den belgischen Staat zu übergeben. Doch auch in Belgisch-Kongo, wie das Land bis zur Unabhängigkeit 1960 hieß, herrschten Rassismus und brutale ökonomische Ausbeutung.

Sichtbare Spuren der kolonialen Vergangenheit durchziehen in Robijns Roman das Brüsseler Stadtbild, etwa in Form von Standbildern ­kolonialistischer Generäle oder nach Leopold II. benannten Straßen und nicht zuletzt im berühmt-berüchtigten Königlichen Museum für Zentral-Afrika in Tervuren – Orte, die Morgan so gut es geht zu meiden sucht. Doch ob in gehobenen Restaurants, ob auf Cocktailparties oder im Gespräch mit gealterten Kolonialisten, immer wieder wird Morgan existentiell auf seine schwarze Hautfarbe zurückgeworfen. Auch auf öffent­lichen Bänken dauerte es ziemlich lange, bis sich Menschen neben ihn setzten.

Allenfalls als Jazzpianist erspielt er sich für kurze Momente gesellschaftliche Anerkennung, die ihn trotz der ökonomischen Prekarität teils erfüllt, vor dem Hintergrund seiner Biographie aber immer am­bivalent bleibt. Ein empathisches Interesse an seiner Person auch im künstlerischen Kontext würde einen Blick auf seine Biographie miteinschließen – und damit zumindest ein Stück weit das beredte Schweigen über Verhältnisse durchbrechen, von denen sehr viele Belgier ökonomisch und sozial profitieren. Das schildert Robijns Roman eindrücklich.
Morgans Geschichte steht für das Schicksal der Kinder weißer belgischer Kolonialisten und schwarzer Frauen, die während der Kolonialherrschaft aus rassistischen Motiven systematisch von ihren Müttern ­getrennt und in katholische Waisenhäuser gebracht wurden. Kurz vor der Unabhängigkeit des Kongo 1960 wurden die Kinder nach Belgien »evakuiert« und zur Adoption vermittelt. Bis hin zu diesem allgemeinen Rahmen lässt sich Morgans Biographie zurückverfolgen, Details werden häufig nur angedeutet. Letztlich akzeptiert Morgan, dass er nie herausfinden wird, wer seine Mutter war und wo genau sie lebte. Sein ­Vater hingegen, so erfährt er über Umwege, ist auch Simonas Vater.

Simonas Kontaktaufnahme mit Morgan ist Ausdruck ihres unge­lösten inneren Konflikts aus Neugierde, schlechtem Gewissen und Verbundenheit mit dem im Sterben liegenden Vater. »Belass es dabei. Wieso sollte man sich noch damit beschäftigen, es ist doch schon so viele Jahre her«, hört sie die Stimme ihres Vaters und ihres Bruders immer wieder. Und auch Morgans Suche nach der eigenen Geschichte scheitert: Ermattet von den vielen Begegnungen, Hinweisen und Fährten sowie dem bisschen Klarheit scheint sich Morgan am Ende wieder eskapistisch zurückzuziehen in die Welt des Musizierens. Insofern ist »Kongo Blues« keine energiegeladene Widerstandserzählung, sondern erfüllt von leiser Traurigkeit über die Vergeblichkeit, in der postkolonialen belgischen Gesellschaft die eigene Geschichte zu rekonstruieren.

Einige der in die Waisenhäuser entführten Kinder gründeten 2017 eine Organisation, die erfolgreich öffentlichen Zugang zu den entsprechenden Archiven erstritt, der ihnen seit Jahrzehnten verwehrt worden war. Seitdem gab es Parlamentsdebatten zu diesem Thema und einige katholische Bischöfe sowie die belgische Regierung entschuldigten sich für die Geschehnisse. In den Familien mit kolonialer Vergangenheit hingegen, so betont Robijn in einem Interview, ist die Existenz von kongolesischen Halbgeschwistern ein Thema, über das weiterhin geschwiegen wird, um die eigene, vermeintlich widerspruchsfreie Identität als Belgier, Christen und Weiße nicht anzutasten.

Jonathan Robijn: Kongo Blues. Aus dem Flämischen von Jan-Frederik Bandel. ­Nautilus, Hamburg 2019, 176 Seiten, 16,90 Euro