Auf den Spuren eines Sprach-Syndroms

Die Genau-Sager

Eine private Feldstudie zeigt, dass die Deutschen nur noch eine einzige Interjektion gebrauchen.

Die Idee für das Experiment ergab sich aus der Beobachtung, dass Vortragsgäste auf Symposien, Bewerber in Vorstellungsgesprächen, Diskussionspartner bei inoffiziellen Arbeitstreffen und selbst gute Freunde, die sich endlich einmal für ein paar abendliche Freiheitsstunden vom Kleister des Erwerbs lösen konnten, plötzlich die irre Neigung entwickelten, sich und ihrem Gegenüber zuzustimmen, bevor überhaupt etwas Zustimmungsfähiges gesagt worden wäre.

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»Genau, ich bin die Anna-Lena und habe Kulturwissenschaft und Neu­ere Geschichte in Heidelberg studiert.«

»Genau, also heute werde ich über die Ästhetik des Performativen im Werk von Karl Kraus sprechen. Weil meine Gedanken noch im Fluss sind, genau, also weil das Ganze ziemlich tentativ ist, bin ich für jedes Feedback dankbar.«

»Also, genau, gestern hab’ ich die Be­werbung abgeschickt und hoffe, dass sie mich nicht gerade dann einladen, wenn das Kuratoriumstreffen der Max-und-Moritz-Gesellschaft stattfindet. Genau, dann hätte ich nämlich Probleme, das zu koordinieren.«

Vorsichtige Hinweise, dass gar nicht gefragt worden sei, ob einem Anna-Lena statt Ann-Britt gegenüberstehe und ob der Gesprächspartner über Karl Kraus statt über Karl Marx referiere, wurden ebenso geflissentlich übergangen wie die Bemerkung, man habe nicht das geringste Interesse an terminbedingten Koordinationsproblemen geäußert. Ständig und einzig damit beschäftigt, die Richtigkeit nicht getätigter Aussagen zu bestätigen und mit punktierter Affirmation noch gar nicht aufgekommene Zweifel zu zerstreuen – »Genau, wir brauchen nur eine Viertelstunde, denn, genau, ich will nur nochmal das erste Kapitel besprechen« –, agierten die Menschen immer mehr, als ständen sie unter einem ununterbrochenen Rechtfertigungszwang und müssten bei jedem Satz, dem keine vorauseilende Bekräftigung angehängt ist, sofortige Kontaktverbote gewärtigen.

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