Georgischer Aufstand auf Texel

Die Rebellion der Georgier

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Nachts um eins am 6. April 1945 begannen sie die »Operation Tag der Geburt« und töteten auf Texel so viele deutsche Soldaten wie möglich. Viele wurden im Schlaf mit Bajonetten oder Rasierklingen getötet. Etwa 400 deutsche Soldaten starben in dieser Nacht auf Texel und fast die Hälfte der Insel fiel in die Hände der Georgier. Aber nicht die ganze Insel.

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Da die Artilleriebatterien auf Texel noch unter deutscher Kontrolle standen und der Bataillonskommandeur, Klaus Breitner, per Funk um Hilfe rufen konnte, begann schnell eine Gegenoffensive. Der Befehl aus Hitlers Bunker in Berlin war klar, die Georgier sollten vernichtet werden. Hunderte deutsche Soldaten, auch SS-Männer, wurden auf die Insel transportiert.

So begann ein sechswöchiger Abnutzungskrieg, in dem Hunderte Georgier und viele deutsche Soldaten ihr Leben verloren. Keine der beiden Seiten machte Gefangene. Georgiern, die sich ergaben, befahl man, ihre deutschen Uniformen auszuziehen – dann wurden sie erschossen. Dutzende niederländische Zivilisten, unter ihnen Kinder, die auf Texel Schutz gesucht hatten, wurden bei den ununterbrochenen deutschen Angriffen getötet. Die Kämpfe dauerten an, bis die Deutschen am 5. Mai in den Niederlanden kapitulierten – und sogar noch danach. Erst als kanadische Streitkräfte am 20. Mai auf der Insel landeten, hörten sie auf. Im Berichtsbuch der Einheit berichtete deren Kommandant über die chaotischen Umstände, die er vorfand.

Zivilisten unter Beschuss. Vor allem das deutsche Artilleriebombardement richtete auf Texel schwere Zerstörungen an.

Bild:
Georgian volunteer troops (gemeinfrei)

Es wird weithin angenommen, dass die etwa 200 georgischen Überlebenden nach ihrer Rückkehr Stalins Zorn ausgesetzt waren. Dieser traf etwa General Andrej Wlassow und seine Kameraden der von den Nazis unterstützten »Russischen Befreiungsarmee«, trotz ihrer Entscheidung, sich in letzter Minute dem tschechischen Widerstand anzuschließen und in Prag gegen die SS zu kämpfen. Wlassow und mehrere seiner Offiziere wurden hingerichtet, die Soldaten sechs Jahre in die Verbannung geschickt. Aber den Georgiern blieb Wlassows Schicksal erspart, sie hatten nach ihrer Rückkehr wenig auszustehen. Selbst den Kommandanten der Georgischen Legion, Schalwa Maglakelidse, der 1954 von sowjetischen Agenten in Deutschland entführt wurde, ließ man in Georgien frei; er blieb unbehelligt.

Die Sowjetunion begann unterdessen, den Aufstand auf Texel in einen Mythos zu verklären; man hielt jährlich Gedenkveranstaltungen auf der Insel ab. Die Sowjetunion bestand darauf, dass die Soldaten der Georgischen ­Legion de facto Kriegsgefangene waren. 1968 veröffentlichte sie den Film »Gekreuzigte Insel«, der die Rebellion glorifizierte. Selbst nachdem Georgien 1991 die Unabhängigkeit erlangt hatte, setzte die neue Führung die Politik fort, die Aufständischen von Texel als Nationalhelden zu feiern.

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