Georgischer Aufstand auf Texel

Die Rebellion der Georgier

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Viele Jahre lang war die Frage, wer für die verlustreichen Kämpfe auf Texel verantwortlich war, bei Historikern umstritten. Einige argumentierten, dass die niederländische Kommunistische Partei einen Teil der Verantwortung trage, da sie die Georgier zur Rebellion ermutigt habe, wohl wissend, dass sie wahrscheinlich abgeschlachtet werden würden. Die niederländischen Kommunisten hatten ihre eigenen Motive, dies zu tun, nicht zuletzt, um in gewisser Weise ihre Unterstützung für den Hitler-Stalin-Pakt zu kompensieren. Und es war ein einfaches Mittel, die sowjetische Führung davon zu überzeugen, dass ihre Investition in die kleine kommunistische ­Bewegung der Niederlande sich gelohnt hatte.

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Einige Einwohner Texels und andere Niederländer beschuldigten die Georgier, aus Egoismus zugeschlagen zu haben. Sie hätten einfach das Ende des Kriegs abwarten können, dann hätte niemand sterben müssen. Sie hätten ihr eigenes Leben retten wollen und sich nicht darum gekümmert, dass viele unschuldige Niederländer sterben mussten.

Doch letztlich liegt die Verantwortung für die Tragödie auf Texel bei den Deutschen. Wie ein Anführer des niederländischen Widerstands auf der Insel sagte: »Sie hatten kein Recht, dort zu sein«, das sei entscheidend. Es war eine illegale Besatzung, die das Er­gebnis eines illegalen Aggressionskriegs war.

Obwohl die deutsche Armee die niederländische Zivilbevölkerung von Texel deutlich besser behandelte als beispielsweise die polnische, handelten die deutschen Besatzer 1945 völlig rücksichtslos. Anfang 1945 wurden viele Männer auf Texel zur Zwangsarbeit verpflichtet, sie mussten auf dem Festland Verteidigungsanlagen gegen die Alliierten bauen. Das war illegal, doch es geschah noch weit Schlimmeres. Der erbarmungslose Beschuss der Städte auf Texel, das Niederbrennen der Bauernhöfe und die Hinrichtung niederländischer Zivilisten waren Kriegsverbrechen.

Es gab einen Versuch, Erich Neumann, den Kommandanten der deutschen Truppen auf der Insel, und ­weitere Offiziere wegen Mordes zur Rechenschaft zu ziehen. Ein Gericht in Oldenburg entschied jedoch 1972, dass es sich um Totschlag, nicht um Mord gehandelt habe – diese Straftat aber sei seit 1965 verjährt. Sowohl Neumann als auch Breitner überlebten den Krieg um viele Jahre, sie starben friedlich in ihren Betten, ohne für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden zu sein.

Einer der letzten Georgier von Texel, Jewgenij Artemidse, starb vor einigen Jahren. Ich besuchte sein kleines Haus im Dorf Manglisi, um einige der Räume zu sehen, in denen er ein kleines Museum der Rebellion auf Texel eingerichtet hatte. Unter den Artefakten ist eine blutbefleckte Karte der Insel, die der Anführer der Rebellen, Schalwa Loladse, in seiner Tasche hatte. An der Wand befand sich neben vielen Fotos und Zeitungsausschnitten ein Artikel, auf den Artemidse besonders stolz war. Die Überschrift war ein Zitat von ihm, das zusammenfasste, wie an ihn erinnert werden sollte: Er trug Hitlers Uniform, aber sein Herz war mit ­Stalin.

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