Aris Asters Horrorfilm »Midsommar«

Blonde Bestien

Szenen wie aus der Ikea-Werbung vergangener Tage: Ari Asters Mystery-Drama »Midsommar« bringt alles mit, was ein guter Horrorfilm haben muss. Auch wenn der Plot nicht wirklich originell ist, verfehlen die magischen Bilder ihre Wirkung nicht.

Am Ende geht das heidnische Heiligtum in Flammen auf. Der Feuersturm macht die Gemeinschaft glücklich, die Fremden sind weg und ein neuer göttlicher Zyklus hat begonnen – dieser Mittsommer läutet ihn ein. Der US-amerikanische Regisseur Ari Aster hat erneut ein B-Movie-Thema auf Hochglanz poliert. Nachdem sein erster Langspielfilm »Hereditary« im vergangenen Jahr als eine zeitgemäße Hommage an die alten Horrorklassiker vom Publikum goutiert und von der Kritik gefeiert wurde, wagt er sich nun ans Genre des Folk-Horrors. Wie es zu erwarten war, hat der einstige Werbefilmer das Unausweichliche perfekt fotografiert. Phantastisch schön inszeniert, nimmt das Geschehen in »Midsommar« seinen schrecklichen Lauf, wenn eine Gruppe Doktoranden auf religiöse Fanatiker und blonde Bestien trifft. Und einmal mehr wird gegen Ende ein merkwürdiger dramaturgischer Twist angedeutet, der geschickt mit den Erwartungen der Zuschauer spielt.

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Das Genre Folk-Horror greift heidnische Legenden auf oder sucht in der vorchristlichen Vergangenheit nach Vorlagen, um daraus Plots zum Gruseln zu spinnen. Das anhaltende Interesse Hollywoods an Stoffen aus Grimms Märchen geht in diese Richtung, auch wenn die Spannung hier zumeist familienfreundlich abgemildert wird. Die britische Fernsehserie »Children of the Stones« (1977), die in einem von einem Steinkreis umgebenen Dorf spielt, ist ein frühes Beispiel für das Genre Folk-Horror. »Blair Witch Project« (1999) hat zwei Jahrzehnte später gezeigt, dass man solche Stoffe genauso gut in die Gegenwart verlegen kann.

»Midsommar« beginnt wie ein klassischer US-amerikanischer College-Film. Eine Gruppe junger Menschen wird vorgestellt, für die alsbald ein Horrortrip beginnt. Stark belastet vom Tod mehrerer Familienangehöriger, beschließt die Psychologiestudentin Dani, ihren Freund auf seinem geplanten Forschungsurlaub zu begleiten. Obwohl die Beziehung heftig kriselt, stimmt Christian, der fieberhaft nach einem Thema für seine Promotion im Fach Anthropologie sucht, aus Mitleid dem Vorschlag seiner traumatisierten Freundin zu.

Für den Film studierte Ari Aster die anthropologische Studie von James George Frazers über heidnische Bräuche ebenso wie Schriften von Rudolf Steiner.

Mit den Studienfreunden Josh und Mark will das New Yorker Paar nach Schweden reisen, um dort an den Feierlichkeiten zur Sommersonnenwende in einer abgelegenen ländlichen Gemeinde teilzunehmen, zu der sie der schwedische Kommilitone Pelle eingeladen hat. Dieser ist dort aufgewachsen, er deutet an, man werde das Fest in diesem Jahr auf besondere Weise begehen. Das kommt bei den jungen Forschern gut an: Phantasien über blonde, promiskuitive Schwedinnen beflügeln die Männer. Eher widerwillig nehmen sie Dani mit auf die Reise. Brennend interessiert die Männer zudem das rituelle Fest.

In Schweden angekommen, reist die Gruppe in das entlegene Hälsingland, wo Pelles Gemeinschaft gerade dabei ist, das geheimnisvolle Fest vorzubereiten, das nur alle 90 Jahre stattfindet. Zu den Amerikanern gesellen sich noch Simon und Connie, ein britisches Pärchen. Gemeinsam mit den rund 60 Bewohnern des Dorfs, die in weiße, mit Runen verzierte Leinenhemden gekleidet sind, erleben die jungen Leute zunächst einen Hippie-Traum. Es wird getanzt und gesungen, alles ist wie ein großer Rausch, bis die Freunde allmählich die grausame Logik des Rituals erahnen. Denn nicht jeder scheint dem Glauben der naturrel­giösen Fanatiker zufolge zum Weiterleben bestimmt zu sein. Dass die Besucher die schwedische Kommune so einfach nicht mehr verlassen können, wird ihnen während des neun­tägigen Fests klargemacht.

Ari Aster hat das Heidenspektakel anspielungsreich inszeniert. Anfangs lächeln die blonden Bestien zwar freundlich, aber bald muss sich jeder Gast ihrer arischen Ideologie unterordnen, die Anleihen bei der nationalsozialistischen Eugenik nimmt. Der Film beginnt in einer ruppigen Jungswelt, in der ein Haufen Nachwuchswissenschaftler um berufliche Erfolge konkurriert und sexistische Witze reißt. Bei den Dorfbewohnern, die einem grotesken Fruchtbarkeitskult huldigen, dominieren dagegen Frauen den Alltag. Bald konzentriert sich der Film auf die trauernde Dani. Als traumatisierte Frau scheint sie besonders empfänglich für die Heilsversprechen der Dörfler zu sein.

Für den Film recherchierte Aster zu nordischen, englischen und deutschen Folkloretraditionen und studierte James George Frazers einflussreiche anthropologische Studie über heidnische Bräuche, »Der goldene Zweig«, ebenso wie die Schriften von Rudolf Steiner. Er besuchte zahlreiche Folkloremuseen in Schweden sowie die letzten erhaltenen traditionellen Höfe im Norden des Landes. Das grausame Ättestupa-Ritual, bei dem sich die Gemeinschaft der Alten entledigt, soll es wirklich gegeben haben. Wie sich die Gruppe der Verführungskraft dieser schwedischen Sekte hingibt, so erliegt der Zuschauer Asters magischen Bildern.

Die Natur erscheint in den prächtigsten Farben, wenn man eine Autofahrt durch leuchtende Felder im Drogenrausch nach dem Verzehr von psychotropen Pilzen erlebt. Nachkolorierung und Weichzeichner wie aus Fotos der Ikea-Werbung lassen die Landschaften in sterbensschöner Strahlkraft erscheinen – ein Kunstgriff, um die Entzauberung der Idylle am Ende umso drastischer zu inszenieren. Das ist ein Schock, zumindest, wenn man den abgedrehten Plot nicht bereits durchschaut. An »Wicker Man« (1973), einem britischen Klas­siker, der Elemente des Kriminalfilms, des Horrorfilms und des Musicals kombiniert, bedient sich Aster nämlich recht schamlos.

»Midsommar« ist etwas zu deutlich an dem Film orientiert, um überraschend zu sein. Das ist bedauerlich, denn ansonsten macht Aster ziemlich viel richtig. »Midsommar« ist zudem eine konsequente Fortführung seines Horrorfilms »Hereditary«. Dieser zitiert Motive und Storys, in denen die düstere Vergangenheit einer ahnungs­losen Familie machtvoll in deren Alltag einbricht und die gewohnte ­Ordnung zerstört.

Ein beliebtes Horrormotiv ist die Reise an einen unbekannten Ort. Es sind die vermeintlichen Helden, die in eine Ordnung einbrechen, die Dinge nicht hätten sehen sollen und die bestehende Gefüge durcheinanderbringen. Sie sind die Eindringlinge, die nicht entkommen dürfen, die entweder vernichtet oder gewaltsam integriert werden müssen. Viele Filme verlegen ihren ­geheimnisvollen Schauplatz in die vermeintliche Wildheit fremder ­Kontinente, wo westliche Eroberer auf exotisiertes Grauen stoßen – die Kolonialgeschichte wird wiederholt.

In »Midsommar« ist es der afroamerikanische Student Josh, der seine Freunde immer wieder beruhigt, der beschwichtigt und den Barbaren zunächst mit dem Verständnis des interessierten Wissenschaftlers begegnet. »Das sind halt ihre Riten«, sagt er – ein Seitenhieb gegen den Kulturrelativismus. Bei Ari Aster rückt weiße Vorgeschichte oder ­besser: eine Projektion darauf, ins Zentrum: Das Herz der Finsternis ist die sonnendurchflutete Idylle des Nordens.

Midsommar (USA 2019). Buch und Regie: Ari Aster. Darsteller: Florence Pugh, Jack Reynor, Will Poulter, William Jackson Harper, Vilhelm Blomgren. Kinostart: 26. September

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